Charlie und der Rest der Welt.

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Seit Tagen verfolge ich die Medienberichte und die Kommentare im Internet – Charlie ist omnipräsent. Seit dem Angriff auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ist die westliche Welt nicht mehr das, was sie mal war. Wieder einmal wurde uns die Fragilität, die Unsicherheit und die Instabilität unserer westlichen Seifenblase vor Augen geführt. Wir sind nicht unberührbar, waren es nie. Europa findet sich zusammen, will Stärke und Einheit zeigen. Das ist natürlich sehr schön mitanzusehen, Merkel, Hollande und Co. Seite an Seite, in tiefverbundener Solidarität spazieren durch Paris – aber eigentlich ist das nichts weiter als ein Versuch, die nervösen EuropäerInnen zu beruhigen. Public Relations at its best. Dennoch ist das genau das, was wir sehen wollen – oder? Dabei scheint Europa so zerrissen, zumindest wenn man nach einigen Kommentaren im Internet geht.

Seit einigen Tagen verfolge ich also rein aus Interesse mit, was Menschen da so im Netz absondern – und das is sehr oft so grausamer Schwachsinn, den man nicht immer unkommentiert lassen kann. Sogar eine so gelassene, diplomatische Seele wie ich. Es kommt mir fast so vor, als hätte ich in den letzten Tagen nur entweder „Je Suis Charlie“ oder „Pegida“ gelesen – und sehr oft im Bezug aufeinander. Da werden wieder einmal Feindbilder konstruiert, wieder einmal wird Angst geschürt vor dem „Fremden“, dem „Anderen“, vor dem Terror, vor dem Osten. Ich frage mich, ob der Mensch einfach so saudumm ist und deshalb immer dermaßen nach Komplexreduktion strebt und warum man immer. alles. verallgemeinern. muss.

Auf der Spiegel Online Seite wechseln sich die Meldungen schön ab, da fragt man sich, wo denn dieses sogenannte Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Öffentlichkeit bleibt, die in diesen Tagen doch so sensibel und leicht zu beeinflussen ist. Das kotzt mich unfassbar an, wenn da in Paris Familien und Angehörige trauern, Pegida-Idioten darauf anspielen und Medien seelenruhig die Fronten aufeinanderprallen lassen – aber schließlich bringt das Klicks und Kommentare. Ich glaube, diese Destabilisierung ist genau das, was man mit Terror erreichen will.

Es wird Zeit, dass sich der Mensch zu einem unabhängig denkenden Wesen entwickelt – weg von einem medienvermittelten Weltbild, von Schlagzeilenfetischismus, vom Schubladendenken, weg vom religiösen Fanatismus, der sich nicht friedlich nach innen sondern aggressiv nach außen richtet. Weg von Institutionen, die Gutes wollen aber Unrechtes in Kauf nehmen, vor allem aber weg von faschistischen Ansichten, Fundamentalismus und Ideologien. Ich wünsche der Charlie Hebdo-Redaktion, dass sie sich erholt, wieder aufsteht und zeichnet was das Zeug hält. Vielleicht dann auch mal Lutz Bachmann.

Anm.: Hier noch ein interessanter Artikel zumThema:

http://derstandard.at/2000010302114/Pegida-ist-ganz-bestimmt-nicht-Charlie-Hebdo

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