Ein offener Brief an eine Generation.

noponyhofNa gut, jetzt hat’s dann wohl jeder gelesen: Meine dezent ironische, nächtliche Gedankenkotze „Danke für (fast) nichts“ hat in den letzten Wochen ziemlich für Furore gesorgt.

Wie hier und vielerorts im Social Web diskutiert wurde, wie ihr eure eigenen Geschichten und Erfahrungen mit mir und anderen geteilt habt, finde ich einfach großartig – Das war wohl eine der coolsten Erfahrungen, die mir dieses fancy Web 2.0 jemals beschert hat (bis auf die Casper-Freundschaftsanfrage 2011 natürlich. Allerdings weiß ich bis heute nicht, ob das überhaupt er selbst war… Ich gönne mir einfach die Illusion!).

Auch für die kritischen Stimmen bin ich im Endeffekt recht dankbar. Das war eine gute Möglichkeit, um über mich selbst nachzudenken und um andere Perspektiven kennenzulernen. Das ein oder andere Mal hab‘ ich mich aber trotzdem gefragt, was mit unserer Generation falsch läuft: Wie oft musste ich Kommentare wie „Friss oder stirb“ lesen – Es ist mir schon ein bisschen rätselhaft, wie man zu einem gesellschaftlich relevanten Thema so einen selbstgerechten Scheißdreck absondern kann. Ein arroganter Lauch kann man immer sein, aber nicht bei Themen, die eine ganze Generation betreffen. Sorry.

Deshalb möchte ich hier nochmal die Gelegenheit nutzen, um ein paar Worte an den Typen zu richten, der irgendwie in jedem von uns steckt (ein bisschen zumindest) und der, meiner Meinung nach, verantwortlich dafür ist, dass manche so ausflippen, wenn jemand laut Kritik äußert: Der Biedermeier. Ja, genau, wie die Epoche! Die mit den furchtbaren Reifröcken, dem Anpassungswahn und den spießbürgerlichen Weltansichten. Der Biedermeier findet die Aufregung absolut übertrieben, hält sie für „Rant“, für unbegründet. Er fühlt sich ziemlich wohl in seinem Korsett aus Arbeit, Systemtreue und Spießertum. Wenn’s ihm zu viel wird, geht er raus, gibt sich die Kante und dreht durch. Danach stellt er sich wieder brav in die Reihe, gibt sich still und funktioniert wieder. Ein Studium, so meint er, sollte man dem Arbeitsmarkt entsprechend wählen, damit man die nächsten Jahre abgesichert ist, damit das Leben kalkulierbar wird. Die Angst vor dem Ungewissen ist groß, deshalb will er vieles gar nicht so genau wissen. Anpassung ist sein Credo. Ich glaube, diesen Typ tragen wir alle in uns. Besonders deutlich wird dies, wenn Menschen nicht einmal dazu in der Lage sind, um sich die einfachste aller Fragen zu stellen: „Warum ist dieses und jenes eigentlich so und nicht anders?“ In mancher Hinsicht ist die Gesellschaft offensichtlich noch spießiger als vor 200 Jahren, wenn einfaches Hinterfragen dermaßen für Aufregung sorgt. Deshalb habe ich diesem Typ, der keine Kritik am System gelten lässt, weil es ihm „ja auch nicht anders ergangen“ ist, mal einen offenen Brief geschrieben. Damit auch er ein bisschen reflektieren kann.

Lieber Biedermeier,

du hältst dich also für ziemlich kultiviert und weltoffen, für aufgeklärt und reif. Du sagst von dir selbst, dass du immer alles hinterfragen musst, dass dir keiner Märchen erzählen kann. Schließlich ruht ein wacher, kritischer Geist in dir, schließlich hast du die FAZ abonniert, schließlich debattierst du gern mit deinen Freunden über Politik, trinkst dabei ein Glas Rotwein und zitierst Aristoteles. Du sagst, dass du kritisch denkst, aber sobald einer deiner 500 Facebook-Freunde deinen diplomatischen Status über PEGIDA kritisiert und eine Diskussion anzettelt, beschleicht dich ein Gefühl der Beklommenheit: Du weißt gar nicht mehr, ob das so richtig war, mit dem Posting. Ob du dich da nicht ein bisschen zu weit aus dem Fenster gelehnt hast. In diesem Ausmaß wolltest du deine Meinung gar nicht kundtun und wirklich Lust auf eine Diskussion im Web hast du ja eigentlich auch nicht. 

Ich sag‘ dir was, lieber Biedermeier: Du hast zu viel Angst. Jeden Tag nach dem Aufwachen scrollst du dein Newsfeed durch, hast vor der ersten Tasse Kaffee (fair trade, of course!) bereits von IS-Kämpfern, dem sinkenden Euro-Kurs, von Ebola und vorbeirasenden Meteoriten gelesen. Guten Morgen, übrigens. Und dann war da plötzlich dieser Artikel von irgendeiner Studentin aus Wien, die sich über die niedrigen Praktikums-Gehälter beschwert. Die hat doch keine Ahnung, denkst du dir. Soll erst mal was arbeiten und überhaupt, wer studiert denn heute noch Publizistik. Ist doch alles Blödsinn. Selber schuld, das Leben ist eben kein Ponyhof. Komisch schreiben tut sie auch. Du liest dir die Kommentare durch, hoffentlich hat der irgendwer die Meinung gegeigt. Aber whaaat? Es gibt doch einige, die der gleichen Meinung sind: Alles arbeitsscheue Studenten-Penner, denkst du dir. So ist das eben, wenn man erwachsen wird. So ist das halt, mit dem System.

Aber wenn du jetzt mal ganz ehrlich zu dir selber bist, lieber Biedermeier, dann hättest du dich, zu Beginn deiner eigenen Karriere, auch sehr über ein paar Euro mehr gefreut. Du warst ja auch der Meinung, dass du dich wirklich reinhängst und viel leistest. Ganz unbegründet ist der Vorwurf der Ausbeutung nicht, hast ja selbst auch schon mal in Unternehmen gearbeitet, in denen man hinter vorgehaltener Hand ein bisschen über den neuen Praktikanten gewitzelt hat. Der kann ja eh noch garnix, allerhöchstens Kaffeemachen oder Zusammenräumen kann man im zutrauen. Soll froh sein, um die Stelle. Schließlich ist ein Studium auch keine Garantie für einen Job. „Jeder fängt mal ganz unten in der Nahrungskette an!“, so verteidigst du deine Damit-Alles-Bleibt-Wie-Es-Ist-Haltung, so beschützt du deine vermeintliche Harmonie. Die Welt um dich herum erscheint dir oft so unsicher, so fragil, dass du immer mehr an deinem starren Systemchen festhältst. Auch wenn es krank ist, auch wenn es dich und andere krank macht.

Weißt du, lieber Biedermeier, du hast ja eigentlich auch recht, wenn du sagst, dass die Sinah theoretisch was „g‘scheides“ hätte studieren können. Was mit Technik vielleicht- oder sie hätte ihr BWL-Studium fertig machen sollen. Dann müsste sie sich nicht im Internet darüber aufregen, dass die Praktikanten in der Medienbranche schlecht bezahlt werden. Was du aber nicht weißt: Nicht alle wollen ihre Zukunft an der momentanen Situation am Arbeitsmarkt ausrichten. Nicht jeder interessiert sich für Technik. Menschen sind nämlich keine Einheitsware mit identischen Bedürfnissen und Fähigkeiten. Schade, dass du trotz allem, was du theoretisch weißt, noch immer kein Verständnis für die Vielseitigkeit der Welt entwickelt hast. Schade, dass du andere Studien runtermachst und dabei nicht mal weißt, worum es überhaupt geht. Aber irgendwo hast du eben mal gelesen, dass Medienberufe schwachsinnig sind, deshalb dachtest du dir, du postest mir das einfach mal als Kommentar. Dass dir Medien jeden Tag ein Bild von der Welt vermitteln und dich auf so unendlich viele Weisen beeinflussen, daran hast du eigentlich noch nie gedacht.

Deiner Meinung nach träumen viele junge Menschen einfach zu viel. Sie haben jeglichen Bezug zur Realität verloren und keine Ahnung von der echten Welt. Da muss man sich eben anpassen, nach gewissen Regeln spielen und akzeptieren, dass man manches halt nicht ändern kann, weil’s immer schon so war. Da sind die Eltern selber schuld, wenn sie diesen verzogenen Kids immer erzählen, dass sie alles erreichen können, wenn sie nur fest daran glauben.

Hey, es ist schon cool, dass du jetzt angepasst bist und Anzug trägst, deine eigene Kohle verdienst und von einem Haus am Stadtrand träumst. Du solltest aber nicht vergessen, dass du auch mal große Träume hattest. Dass auch du irgendwann mal für deine Überzeugungen einstehen wolltest. Du hast all diese Möglichkeiten auch jetzt noch, vor allem durch das Internet: Aber anstatt zu sagen, was dir wirklich am Herzen liegt, postest du Fotos von deinem Essen, deiner neuen Frisur und deinem Hund. Du hältst dich bedeckt, ein paar Likes, das reicht dir schon. Das ist auch okay, aber dann kritisierst du Leute, die auf Missstände aufmerksam machen und Antworten auf Fragen wollen, die du dir selbst insgeheim auch schon mal gestellt hast? Hm.

Du kritisierst zwar gern und viel, lieber Biedermeier, aber wenn du es tust, tust du es zu leise. Und meistens nur aus dem Grund, um die Gegenstimmen auf ihren Platz zu verweisen. Meistens verstummst du auch sehr schnell wieder, Diskussionen machen dich müde. „Kann man halt nicht ändern, ist halt so! Find‘ dich damit ab!“, sagst du dann. Deine Liebe zum System macht dich blind, dein Wunsch nach Stabilität macht dich kleingeistig. Du darfst eines nicht vergessen: Die Systeme, an denen wir uns tagtäglich orientieren, sind immer noch vom Menschen gemacht – und somit nicht zwangsläufig gut.

Ich will dir aber gar keine pseudoklugen Ratschläge geben, ein bisschen was von dir steckt schließlich auch in mir. Ich habe keine Ahnung, was in 10 oder in 20 Jahren sein wird und ob deine Angst vor der Zukunft berechtigt ist. In Wirklichkeit fühle auch ich mich manchmal unsicher, wenn ich nicht die nächsten 12 Monate eingeplant habe. Vielleicht habe ich mich auch deshalb immer von Job zu Job gehangelt, weil ich es auch nicht aushalte, planlos zu sein? Kann  sein. Aber wieso versuchen wir es nicht einmal anders, du und ich? Zum Beispiel könnten wir ja die Begründung „Weil das immer so war“ einfach mal weglassen und „Weil wir uns jetzt endlich was Neues trauen“ zu unserer Devise machen. Oder wir könnten anfangen, uns mit dem auseinanderzusetzen, was uns Angst macht? Wir könnten einfach mal die Reise machen, die wir schon so lange planen? Den Job wechseln, die Beziehung beenden, die uns schon lange nicht mehr glücklich macht? Oder dieses Bisschen Restunsicherheit in unserem durchgeplanten Leben einfach feiern? Wir könnten auch aufhören, die Menschen um uns herum ständig zu kritisieren, ihnen stattdessen mal zuhören, vielleicht ein paar neue Sichtweisen lernen? Lass uns ein bisschen Hinterfragen, ein bisschen Querdenken, ein bisschen Weltverbessern – Das könnten wir uns doch zumuten, meinst du nicht?

Alles Gute für deine Zukunft, jedenfalls. Du wirst deinen Weg schon gehen. Und ich meinen auch.

 

Deine Sinah

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11 Gedanken zu “Ein offener Brief an eine Generation.

  1. Ob nächtliche Gedankenkotze oder brieflicher Erklärungsbedarf – Es macht einfach Spaß, das zu lesen, ach, nein Spaß ist das falsche Wort. Es eckt an, es kritisiert und trifft Wunden, Nerven der Zeit und der Generation, Nerven von uns Deutschen.

    Danke, dass es Menschen wie dich gibt, die aussprechen, was oft bekannt, aber meist unter den Tisch gekehrt wird. Somit auch wieder danke für diesen Text, du hast mich nun schon mehr als einmal inspiriert.

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    Irgendwo zwischen dem Leben und Überleben der Sieben-Tage-Woche. Irgendwo zwischen BWL und obdachlos. – The German Dream

    http://adrianoeljero.com/2015/01/23/the-german-dream/

  2. Großartiger Text, schön zu wissen, dass es doch auch noch Menschen gibt, die nicht einfach alles hinnehmen wie es ist.
    Fande auch schon den ursprünglichen Text über die Praktika und Situation als Student in deinem Zweig klasse, aber da konnte ich nicht so mitreden, da ich einen anderen Weg eingeschlagen hatte. Aber das hier trifft einfach auf so vieles zu.
    P.S. du schreibst echt gut, weiter so! 🙂

  3. Was soll ich sagen? Toll geschrieben und so ehrlich. Ich verstehe dich sehr gut, da ich auch im Medienbereich studiere. Toller Brief, du sprichst mir aus der Seele! Liebe Grüße, S.

  4. Liebe Sinah,

    hier hat ein ehemaliger Biedermeier mal aufgeschrieben, wieso das System seiner Meinung nach gar nicht mehr funktionieren kann, wenn Junge und Alte nicht ausgebeutet werden:

    http://www.wissensmanufaktur.net/media/pdf/steuerboykott.pdf

    Vielleicht taugt der Artikel für ein paar neue Ideen.

    Danke für Deine tollen Beiträge. Eigentlich soll das System Euch junge Leute ja so außer Puste bringen, dass Ihr gar nicht zum Nachdenken kommt. Dein Artikel ist also ein Systemunfall, hoffentlich mit Folgen.

    Viele Grüße,
    Theo

  5. Dein Text hat mir so gut gefallen, du sprichst das aus was viele andere denken! Du schreibst echt mega gut, da konnte ich ja gar nicht mehr aufhören zu lesen! Danke dir dafür! 😀

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