Don’t buy that hype #1 – TIDAL

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Musik-, Film- und Kommunikationsbranche sind sich ähnlicher, als man denkt. Warum? Weil das Internet eine kleine, verführerische Schlampe ist, dass dir zuerst verheißungsvoll zuflüstert, wie viele Möglichkeiten du jetzt dadurch hast, wie easy dein Fame ist, bevor es dir dann als Künstler, Musiker, Schreiberling deine Lebensgrundlage nimmt. Deshalb musst du kreativ werden. Und was so einfach klingt, ist in Wahrheit eine krasse Herausforderung. Auch für Bosse wie Jay-Z. 

Klar, zuerst sieht man nur Vorteile, Vorteile, Vorteile: Bands sind nicht mehr darauf angewiesen, irgendwelche A&R Manager anzuheulen, sondern stellen ihre Musik und ihre Selfmade-Normcore-Videos einfach online. In der Filmindustrie verlief die ganze Sache vor allem zum Vorteil für das Publikum: Keine teuren DVD-Boxen mehr und binge-watching bis die Wolken wieder lila sind  – unfassbar gut, oh yeah. Auch der Journalismus hat profitiert: Bekanntheitsgrad steigern, mit ein paar guten Postings zum viralen Superhero werden, Synergien nutzen, Recherche kinderleicht machen. Ein Traum.

Aber irgendwann wurde dieser tolle Selbstläufer Internet zum Amokläufer: Plötzlich war das Publikum nämlich konsequent nicht mehr bereit, für Dienste, die immer kostenlos zugänglich waren, zu zahlen. Man hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Auf einmal gab es diesen Druck, einerseits guten Gratis-Content zu produzieren, um die Leute bei der Stange zu halten und andererseits Geld zu verdienen. Natürlich schließt das eine das andere nicht automatisch aus. Aber das Internet zeichnet sich eben auch dadurch aus, dass Content en masse gratis zur Verfügung steht, dass sich Geschmack frei entfalten kann und die Gatekeeper, die ihre Position schon fast sadistisch genossen haben, einfach umgangen wurden. Wie integriert man da jetzt im Nachhinein ein funktionierendes Business? 

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Mittlerweile muss sich ein Unternehmen eben wirklich mit seinem Produkt und seinen Zielgruppen auseinandersetzen, um in diesem ganzen Gratis-System die insightbasierte, potentielle Cash-Cow ausfindig zu machen. Um den einen Nutzen zu finden, für den die User wieder bereit sind, zu zahlen. Aber es scheint, als ob viele Unternehmen die neuen Nutzungsgewohnheiten ewig ignorieren oder sich einfach schwer tun, diese überhaupt zu sehen – Etablierte Gratisstrukturen machen das Verkaufen dann zunehmend schwieriger. Deshalb sind raffinierte Konzepte gefragt: Wenn sich als Unternehmen dein Produkt kaum merklich (zumindest nicht für Laien) von anderen unterscheidet, musst du eben marketingmäßig reinhauen. Und wenn dein Produkt gut, günstig und einfach ist, wirst du auch Erfolg haben. Exklusiv-Content in Form von Eigenproduktionen à Netflix„Bloodline“ können da echte Erfolgsgaranten sein.  Ein ganz klares Unterscheidungsmerkmal ist essenziell, aber bei manchen Unternehmen frage ich mich, ob sie ihr Konzept überhaupt richtig durchdacht haben – TIDAL zum Beispiel. Ein Musikstreamingdienst, der im Monatsabo mit € 19,99 mehr als doppelt so teuer ist, wie Spotify (€ 9,99) und über keine werbefinanzierte Gratisversion verfügt, will sich durch das Versprechen von supertoller Qualität für Sound-Gourmets abheben. Und hat mit Taylor Swift ein vermeintliches Ass im Ärmel (hähä). Aber rechtfertigt das öde, schnöde Versprechen von besserer Qualität den Preis? Alles klar: Tidal ist ein Dienst für die Elite, für die paar Prozent, die eben wirklich Wert auf gute Tonqualität legen und auch das nötige Equipment besitzen. Dennoch ist es vielleicht ein bisschen naiv zu glauben, dass sich auch all jene, deren Ohren den empfindlichen Unterschied zwischen .mp3 und .m4a-Datei ausmachen, den Dienst auch leisten wollen.

Dass die Kreativbranche schon immer ein Metier war, in dem man nicht unbedingt landen sollte, wenn man ein Topverdiener sein möchte, ist klar. Und trotz jeglichem Verständnis dafür, dass man als Kreativling für seine Arbeit bezahlt werden muss, frage ich mich, wie Jay-Z es anstellt, um Tidal als Premium-Dienst zu etablieren. Obwohl ich durchaus glaube, dass der Mann schon weiß, was er tut, zweifle ich in diesem Fall am ausbaufähigem USP: Wie sehen denn die Menschen aus, die bereit sind, 20 Euro im Monat für Musik auszugeben? Und muss ein Produkt wirklich zwangsläufig erfolgreich sein, nur weil hochkarätige Stars wie Madonna, Rihanna und Co. beim Launch brav antanzen, um „Boy“ Jay-Z den Rücken zu stärken? Schmeckt das Ganze nicht ein bisschen zu sehr erfolgsverwöhnt und nach Selbstüberschätzung?

Tidal verfügt nach eigenen Angaben über 25 Millionen Songs und 75 000 Musikvideos in hoher Qualität. Die Günstigversion von € 9,99 ist mit verminderter Soundqualität erhältlich. Empfehlungen und redaktionelle Beiträge sollen das Angebot ergänzen. Mehr über Tidal hier

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