Meine Mama hat Schmerzen und ich fühle mich wie ein Arschloch.

Wenn die eigenen Eltern krank werden, gibt es nichts, was irgendjemand sagen oder tun könnte. Es gibt keine Worte für die Angst und das Gefühl der Hilflosigkeit. Vor allem aber gibt es keine Erklärungen dafür, wie man sich selbst in diesen Situationen verhält. Und sehr oft verhält man sich wie ein furchtbarer Idiot. 

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Ich telefoniere oder schreibe fast täglich mit meiner Family. Wir haben zwar auch so unsere Probleme aber wir wissen, dass wir uns immer aufeinander verlassen können. Dachte ich zumindest: Denn seit meine Mama an einer Nervenerkrankung leidet, die mit schlimmen Rückenschmerzen verbunden ist, fühle ich mich wie das letzte Arschloch. Weil es mich aggressiv macht, wenn es ihr schlecht geht, sie nicht mehr Aufstehen kann oder sogar weint. In einem Telefongespräch vor ein paar Tagen wurde sie plötzlich still, sagte dann mit gebrochener Stimme, dass ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen könnte, wie schlimm der Tag schon wieder für sie ist. Ich weiß, dass sie schon immer eine schlechte Wirbelsäule hatte, aber so schlimm wie in den letzten beiden Jahren, war es noch nie. Ich bin es einfach nicht gewohnt, dass sie mich in ihre Probleme miteinbezieht. In diesen Situationen, in denen man von seiner halbwegs erwachsenen Tochter Menschlichkeit und Geduld erwarten sollte, werde ich zum Besserwisser, sage ihr, dass es halt einfach nicht mehr geht, dass sie stundenlang im Garten arbeitet oder schwer hebt, wenn sie danach tagelang nicht gehen kann. Das widert mich unglaublich an. Und wer bin ich, dass ich meiner Mutter mit gerade mal 45 Jahren vorschreiben will, wie sie zu leben hat? Wer bin ich, dass ich ihr und nicht den Ärzten die Schuld dafür gebe, dass wir seit Jahren nicht genau wissen, woran sie genau leidet?

Unzählige Tests, MRTs, Massagen, spezielles Training, etc. etc. haben in den letzten Jahren kaum sinnvolle Ergebnisse erbracht. Ich finde, es grenzt schon fast an Körperverletzung dass man meine Mama, die schlank ist und immer Sport gemacht hat, seit Jahren leiden lässt, ihr ständig Spritzen und Schmerzmittel verschreibt, die ihr nicht helfen, sondern nur ruhig stellen. Es wäre uns schon fast lieber, ein Arzt würde seine eventuelle Ahnungslosigkeit einfach mal gestehen, als ständig auf gut Glück neue Behandlungsmethoden vorzuschlagen. Mittlerweile suchen wir selbst schon auf Netdoktor mögliche Diagnosen, die auf ihr Krankheitsbild passen könnten, sie geht dann damit zu den Ärzten und fragt, ob es nicht dieses oder jenes sein könnte. Mehr als ein „Ja, hab’ ich mir auch schon überlegt…“ haben wir aber noch von keinem Arzt gehört. Entzündete Nerven, gequetschte Bandscheiben. Wissen wir alles. Aber kein Mensch kann sich vorstellen, wie das ist. Jedes Mal, wenn sie wieder beim Arzt war und mir davon erzählt, fühle ich diese Wut in mir aufkommen. Mittlerweile glaube ich, dass keine Diagnose je so schlimm sein könnte, wie diese Unwissenheit.

Zu sehen, wie die eigene Mam älter wird und die Zeichen des Älterwerdens mit sich trägt, ist nicht einfach, für niemanden. Aber zu sehen, wie sie durch Unwissenheit und Inkompetenz gequält wird, ist einfach nur unmenschlich. An manchen Tagen kann sie nicht einmal aufrecht gehen, dann sehe ich sie an und denke mir, dass meine Mama das einfach nicht verdient hat. Ich will sie nicht mit meinen Sorgen belagern, ich finde, wenn man krank ist, sollte man gesund werden und nicht auch noch Seelensorger für die Angehörigen spielen müssen. Dabei habe ich Angst. Nicht nur davor, was körperlich weiter mit ihr passiert, sondern auch, was die permanenten Schmerzen mit ihrer Psyche anrichten oder der meiner Familie, die das daheim in Oberösterreich unmittelbar miterleben. Obwohl in meiner Familie durchaus über sehr vieles sehr offen gesprochen wird, ist sie nicht eine, die mir viel über ihre Probleme und Sorgen erzählt, geschweige denn, diese sonderlich ernst nimmt – was vielleicht der Grund dafür ist, dass es so weit kommen konnte. Ich fühle mich schlecht, wenn ich feiern gehe oder eine gute Zeit habe und gleichzeitig weiß, wie beschissen es ihr die Tage wieder gegangen ist. Ich kann nichts tun, nichts sagen, das ihr helfen würde. Sie steht auf der einen Seite, ich auf der anderen. Ich habe keine Ahnung davon, wie es sich für sie anfühlt. Wie gelähmt labere ich die Plattitüden rauf und runter, „Wird schon wieder“ sag’ ich dann. Egoistisch, vielleicht sag ich das auch einfach nur, um mich selbst zu beruhigen. Und eigentlich sind diese inhaltslosen Aussagen komplett für’n Arsch (man sollte am besten gar nichts sagen, bevor man „Wird schon wieder“ sagt).

Ich bin wütend. Wütend, weil ich wirklich nicht an der Kompetenz der Ärzte zweifeln will, es aber langsam tue. Ich bin auch wütend auf sie, weil sie sich nicht so Gehör verschaffen kann, wie ich oder mein Dad das vielleicht getan hätten. Weil sie ihre körperliche Verfassung selbst nicht so ernst genommen hat. Seit heute liegt sie im Krankenhaus, weil sie ein Taubheitsgefühl im Bein hatte, das sich kontinuierlich ausgebreitet hat. Und was bleibt einem da über? Zu hoffen, dass es schon wieder gut wird. Natürlich.

Anm.: Meine Mama wurde nun operiert. Man hatte einfach vier Jahre lang einen Bandscheibenvorfall übersehen. Das Gefühl in ihrem Bein kehrt langsam wieder. 

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3 Gedanken zu “Meine Mama hat Schmerzen und ich fühle mich wie ein Arschloch.

  1. Das tut mir so schrecklich leid für deine Mama. Ich kenne das. Bei meiner ist das ähnlich. Ich weiß auch ganz genau, wie du dich fühlst. Das ist alles nicht so leicht. 😦 Ich hoffe es geht ihr wieder besser inzwischen und das Taubheitsgefühl ist nichts schlimmeres gewesen. Gute Besserung für deine Mama. Liebe Grüße

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