Oh, BABY.

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Gestern Nacht hat sich ein längst vergessenes Gspusi bei mir gemeldet: Ganz klassisch, um drei Uhr morgens. Ich versuche eigentlich, bewusst keines dieser Mädchen zu sein, die ihr Selbstwertgefühl mit Booty Call Messages aufwerten, deshalb hab’ ich mich auch geschämt, weil ich’s eigentlich doch wieder ein bisschen geil fand.

Schlimm, sowas zuzugeben – es macht einem die eigene Unzulänglichkeit bewusst, zeigt, was für eine verlogene Geschichte dieses Ego doch ist und wie erbärmlich man nach diesem Bisschen Aufmerksamkeit lechzt, auch wenn man sich noch so dagegen wehrt. Aber eins hat mich dann doch überrascht: Meine Nonchalance. Keine Hintergedanken, keine falsche Hoffnung, kein Drama. Und keine Antwort meinerseits. Ironischerweise hat mich die ganze Sache aus genau aus diesem Grund nachdenklich gemacht: Ich frage mich, ob wir uns in unserer Unverbindlichkeit verloren haben.

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In den vergangenen Jahren, in denen mir jede meiner jugendlichen (größtenteils auch sehr unrealistischen) Vorstellungen vom Leben aberkannt wurde, habe ich gemerkt, wie verdammt manipulativ und berechnend der Mensch sein kann. Man kann so selbstkritisch sein, wie man will – die eigene Naivität gesteht man sich nicht gern ein. Mich macht es immer noch regelmäßig verrückt, wenn mir an mir selbst naives Verhalten auffällt. Auch, dass sich nicht die ganze Welt um einen dreht, dass man nicht ganz so wichtig ist, wie man vielleicht denkt und dass man im Endeffekt selber schauen muss, wo man bleibt, sind beschissene Lektionen, die einen gewissermaßen zum Egoismus (und zum Arschloch) erziehen. Aber ehrlichgesagt hab’ ich echt keine Lust, mir wegen ein paar schlechter Erfahrungen gleich den Glauben an die Menschen aberkennen zu lassen, auch wenn ein paar dieser Erfahrungen wirklich unterste Schublade waren. Oder mich gleich an den ersten ungefährlichen, gutgläubigen, nachgiebigen Typ zu binden, um mein Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen. Ich glaube, viele dieser Trophäen-Sammler sich ziemliche Sensibelchen, die nie auch nur ein einziges jugendliches Erfolgserlebnis hatten, der Welt heute zeigen wollen, wie erhaben sie über alles und jeden sind, die mittlerweile schon längst den Überblick über ihre Bumspyramiden verloren haben und (thanks to porn) ausnahmslos nichts fühlen.

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Egal, wie lange ich über solche Dinge nachdenke, im Endeffekt komme ich immer zu der Erkenntnis, dass das Ego der Ursprung allen Übels ist, auch in diesem Fall. Es will mit der Aufmerksamkeit anderer poliert werden, um shiny shiny über all die kleinen Unsicherheiten hinwegzutäuschen, die eben nicht in die Vision passen, das wir von uns selber haben. Wir leben in einer Zeit, in der alles und jeder funktional und ersetzbar ist: Man muss sich nicht mehr mit Enttäuschungen auseinandersetzen, weil sich Verdrängung ja meistens eh viel, viel besser anfühlt. Schlechte Erfahrungen werden in den hintersten Ecken unserer Erinnerung verstaut, verleugnet und ignoriert. Warum auch sollte man Zeit damit verbringen, sich beschissen zu fühlen, wenn einem zig andere Menschen doch sagen könnten, wie super man ist? Denn egal, wie sehr wir uns dagegen wehren: Jeder Like, jeder Kommentar, jedes Kompliment ist Balsam für unsere gebrannte Seele. Wir sehnen uns nach Bestätigung – Liebe wollen wir eigentlich gar nicht.

Ich frage mich, ob es wirklich so erstrebenswert ist, andere zu einem Produkt der bloßen Bedürfnisbefriedigung (was auch immer dieses Bedürfnis sein mag) zu degradieren, dass vorab via Facebook oder Tinder oder Blickfick ausgewählt und dann gegebenenfalls konsumiert wird. Wir machen nicht nur andere, sondern auch uns selber zum Verbrauchsgegenstand, der an Bedeutung verliert, sobald er seinen Zweck erfüllt hat und somit nie irgendeine Bedeutung für uns haben wird. Jemanden auf ein Podest zu stellen, nur um im Endeffekt feststellen zu müssen, dass hinter der hübschen Fassade nichts ist, das einen menschlich nicht ausnahmslos ankotzt: Was bleibt dann eigentlich über?

Egal, ob man sich jetzt exklusiv trifft oder nicht: Es geht darum, sich auf Augenhöhe zu begegnen und anzuerkennen. Ein, zwei Gedanken sollte man doch dran verschwenden, dass man sich mit einem Menschen und nicht mit einem Ding auseinandersetzt. Wir sind alle gleich: Unsicher, selbstverliebt, von der eigenen Vergangenheit geprägt. Mensch halt. Aber dennoch ist es so verdammt dämlich, andere mit den eigenen Erfahrungen absichtlich zu versauen. Unverbrauchte Seelen trifft man eh immer seltener. Menschen sind die Produkte ihrer Vergangenheit und sagen das nicht mit Stolz, sondern aus Kalkül: Weil wir Verständnis einfordern. Wir hatten’s ja alle nicht leicht. Aber rechtfertigt unser eigener Bullshit wirklich das, was wir anderen antun, wenn wir rücksichtslos Spielchen spielen und sie in dem Moment, in dem sie sich selbst fallen lassen, ebenfalls fallen lassen? In meinem Fall ist es zwar sicher nicht so weit gekommen, aber nun bleibt mir von der ganzen Sache nicht viel, außer ein lahmes „Ich wusste es doch eh“. Wir fühlen uns mächtig, wenn wir andere degradieren, fühlen uns gut, wenn sie Interesse an uns zeigen genießen es, sie abzuweisen. Wie gut fühlt es sich denn in Wahrheit an, die drei WhatsApp Nachrichten zu ignorieren und wie beschissen ist es, als einzige Reaktion ein „Gelesen“-Häkchen zu bekommen? Spielchen und ein permanentes Kräftemessen stumpfen uns ab, zerstören unser Vertrauen und machen uns zu unaufrichtigen Idioten.

Auch, wenn man im Laufe des eigenen Lebens zweifelsohne irgendwann mal die Hoffnung verlieren wird: Man sollte zumindest den Versuch starten und sich selbst ein kleines bisschen Unschuld bewahren. Vielleicht ist gar nicht mal so gesund, alles zu bagatellisieren. „War ja nichts Ernstes.“ – Die Plattitüde des 21. Jahrhunderts, das Mantra einer verlorenen Generation. Unter dem Deckmantel des ewigen „Wir sind ja noch jung!“ rechtfertigen wir, dass wir uns nicht mit Menschen und schon gar nicht ihren Fehlern auseinandersetzen wollen, wenden uns ab, sobald irgendwas oder irgendjemand kompliziert wird. Diese grausame Entzauberung der Welt ist mit dem Älterwerden ja normal, aber wie weit geht das und kommt irgendwann der Punkt, an dem wir Dingen (und Menschen) wieder einen Wert verleihen und uns verzaubern lassen?

Boys and Girls, lasst euch nicht objektifizieren und hört auch auf, andere zu reduzieren. Nicht nur zu sehen, was man sehen will (ja Sinah, mach du das endlich mal, haha!) und anfangen, den Menschen hinter der Fassade zu erkennen. Zur eigenen Naivität stehen. Und aufhören, den Ärger, den Frust nicht wieder an anderen Menschen auszulassen, die einem mit offenem Herzen begegnen… This is me, serving some idealism on sunday.

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3 Gedanken zu “Oh, BABY.

  1. Wieder ein genialer Text 🙂 Trifft es voll auf den Punkt, danke.

  2. Liebe Sinah,

    ich verfolge dich schon ein bisschen länger (seit deinem viral post um genau zu sein) und finde die Art wie du schreibst klasse! Sehr, sehr nice! Auch dieser Text ist wieder top gelungen ❤ Mag ich sehr und weiß genau was du meinst 😀

    • Heyo! Das freut mich sehr, dankeschön!! Lustig dass unsere Blogs ähnlich heißen hehe 🙂 Ich freu ich, auch mal was von dir zu lesen! Ganz lieben Gruß

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