Die toughe Romantikerin.

Lena Hoschek hat gestern in Berlin ihre Frühjahr/Sommer-Kollektion für’s nächste Jahr vorgestellt: Models schwebten in Carmen-Blusen, schwingenden Röcken und charmanten, ultrakurzen Playsuits über den Laufsteg, französischer Flair und die typische Hoschek-Nostalgie füllten das dunkle, kühle Zelt vor dem Brandenburger Tor mit viel, viel Romantik. Es scheint, dass die coole Steirerin mit ihrem retrospektiven Blick auf Mode immer wieder einen Nerv trifft: Weil Wallemähne und schöne Kleider einfach zum Träumen einladen.

Man verliert sich gern in dieser Manifestation von klassischer Schönheit, vielleicht gerade deshalb, weil der Charme der alten Schule einfach so beruhigend wirkt. Dabei sind Hoschek’s Entwürfe keineswegs nur hübsch anzusehen, sondern verlangen, trotz aller Verspieltheit, nach einer starken Persönlichkeit – ganz Lena eben. Die 34-jährige Grazerin trägt zu ihren Petticoats Tattoos und die typisch steirische Bad-Ass-Attitüde, ist gleichermaßen Lady wie Rock’n’Roll, die beim Autofahren Bad Religion hört und längst ihren ganz eigenen Style gefunden hat. Der Teufel liegt eben im Detail – und nicht selten ist das Widersprüchliche viel schöner als das Plakative. Trotz aller Romantik kann man von Lena aber keineswegs behaupten, dass sie sich von der Niedlichkeit ihrer eigenen Entwürfe blenden lässt: Vor mir sitzt eine kluge Geschäftsfrau, die sich nicht dreinquatschen lässt und genau weiß, was sie will. Was man von ihr lernen kann? Vor allem eins: Es ist gar nicht so wichtig, jedem zu gefallen. Solange man sich selbst gefällt.

Im Soho House habe ich die charismatische Steirerin zum Interview getroffen: Lena Hoschek über ihre Raver-Phase, cholerische Anfälle und der Notwendigkeit, eine fokussierte Geschäftsfrau zu sein.

Erstmal Gratulation zur Show, deine Frühjahr/Sommer 2016 Kollektion „En Provence“ ist wirklich schön geworden! In knapp 20 Minuten schwebt da so viel harte Arbeit an einem vorbei, viele Vorbereitungen und Hintergrundarbeit, die man auf den ersten Blick gar nicht sieht. Wie lange brauchen du und dein Team für eine Kollektion in etwa? 

Danke! Also mit Vorlaufzeit, Inspirationssuche und Recherche zirka ein halbes Jahr. Gedanklich bin ich seit 2-3 Monaten schon wieder bei der nächsten Herbst/Winter Kollektion: Die ganz intensive Phase ist dann aber einen Monat vor der Show.

Wie gehst du bei der Themenfindung vor? 

Ich hab’ jetzt schon die nächsten zwei Saisonen festgelegt, es kann aber auch immer sein, dass ich erst kurzfristig das richtige Motto finde, die Stoffe und Farben aber schon im Kopf habe. Das ist mir jetzt zwei Mal oder so passiert.

Da hat man einfach auch das Vertrauen, dass das spontan kommt, oder?

Ja, sicher. Das ergibt sich dann!

Was fasziniert dich an der Provence so?

Provence war das Hauptthema, weil ich vor paar Jahren einen Händler kennengelernt habe, der antike Stoffe und Tapetenreste verkauft. Einen richtigen Schatz habe ich da erworben: Einen Stapel alter Entwürfe einer französischen Firma, die handgemalte Tuchentwürfe hergestellt hat. Die habe ich lange gehortet und jetzt endlich verwendet: Davon haben wir dann eigene Drucke gemacht, diese blau-weißen Blumen und ein paar Paisleymuster, zum Beispiel. Das sind Entwürfe von 1850!

 

Deine Entwürfe sind immer sehr nostalgisch und romantisch: Glaubst du, dass der Mensch, vor allem in Zeiten von Globalisierungsstress, Euro-Krise und politischer Unsicherheit, ein vermehrtes Bedürfnis nach Romantik hat?

Ich kann nicht für alle sprechen, aber ich brauche das auf jeden Fall! Ich finde, man darf keine Angst vor Romantik haben. Heutzutage wird so viel von einem Menschen erwartet, was er alles können muss, wie er sein soll, man erlegt sich das auch selbst auf: Man versucht, immer cool zu sein, hat sich da eine harte Schale zugelegt, sicher auch, um sich ein bisschen vor der Umwelt zu schützen. Ich finde, man soll sein Herz ruhig wieder öffnen und Liebe geben: Das ist das Einzige, das nicht weniger wird, wenn man’s herschenkt!

Da stimme ich dir zu. Im Moment merke ich das auch recht stark an meiner Generation.

Ja, gerade in dem Altersabschnitt, zwischen 14 und Anfang 20, ist immer ein relativ großer Gruppenzwang da, in jeder Generation. Da herrscht immer die Pflicht, cool zu sein. Irgendwann findet man dann zu sich selbst und sagt „Ich bin einfach ich und nicht irgendjemand anders!“

 

Hattest du diese Phase auch? Wann hast du gewusst, „Hey, das ist jetzt mein Stil“?

Ich wusste das schon recht früh, eigentlich. Aber ich hatte auch eine Phase, in der ich voll grungig war in den 90ern, meine Dr. Martens hätte ich um nichts in der Welt ausgezogen! Ich hab’ fürchterlich ausgeschaut. Auch mit 14 oder 15, als dann diese Rave- und Clubbing-Zeit gekommen ist, hatte ich unpackbare Sachen an: Plastikkleider, Plastikhosen, diese typische 90er-Raver-Mode halt, aber auch das war eine coole Zeit! Es war mir trotzdem immer schon wichtig, das anzuhaben, was andere eben nicht anhaben. Dieses „Ich trag‘ das nur, weil es andere auch tragen“, das habe ich immer schon gehasst. Bei Musik ist das genau so: Kannst du dich noch an das Lied „Crazy“ erinnern? Das hab’ ich so toll gefunden! Aber als es dann auf Ö3 lief, hab ich’s dann Scheiße gefunden. Das einzige Lied, was mit vom Kommerz noch nicht verdorben wurde, ist der Gotye-Song „Somebody That I Used To Know“!

Was hörst du sonst so?

Queens of the Stoneage, Foo Fighters lieb‘ ich über alles…

Gehst du aufs Konzert? Ich hab’ leider keine Karten mehr bekommen…

Ja, ich auch nicht – aber ich hatte dann Kontakte, Gott sei Dank! Darauf freu ich mich schon sehr, „Everlong“ ist auch der Song von mir und meinem Mann…

Schön, das wurde bei eurer Hochzeit im September auch gespielt, oder?

Glaub’ da waren wir dann schon zu fett, haha! Billie Holiday ist auch absolute Herzmusik, da schmelz‘ ich voll dahin. Beck mag ich auch sehr gern, aber ich habe gehört, dass er Scientologe ist. Und Das hat’s mir echt ein bissl verdorben. Und ich verehre Eels! Musst du dir mal anhören, das läuft eh immer auf FM4. Von früher noch Smashing Pumpkins und Bad Religion, die hör’ ich immer zum Autofahren, da haut’s dich richtig nach vorn, das ist gut, haha!

 

Wohnst du jetzt eigentlich noch in Wien? 

Ja, ich wohn in Wien, in einer Wohnung. Wir sind aber grad auf der Suche nach was Größerem, dass wir uns ein Familiennest einrichten…

Die letzten Wochen waren ja sicher ziemlich stressig für dich, was sind denn deine Strategien zum Runterkommen? Wie entspannst du dich?

Ich liebe ja Period Drama DVDs über alles! Das ist auf der einer Seite eine Inspiration, weil alles, was historische Kleidung betrifft, einfach eine gute Inspirationsquelle für einen Designer ist. Und auf der anderen Seite diese Romanverfilmungen, wie Jane Austen, da lebe ich so mit. Ich hasse fernsehen zwar, das läuft wirklich oft der allerletzte Dreck. Aber DVDs schau ich sehr gern!

Hast du eigentlich manchmal Angst, beruflich zu Versagen? Wie gehst du mit beruflichem Druck um?

Nein, gar nicht. Vor beruflichem Versagen habe ich keine Angst. Aber vorm menschlichen Versagen: Wenn du Dampf ablassen musst und deine Familie anmotzt, zum Beispiel. Das ist eine Sache, aber wenn du Mitarbeiter führen und motivieren musst und dann hast du einen Tobsuchtsanfall, ich kann nämlich schon manchmal ziemlich cholerisch sein, muss man das eben in den Griff bekommen und professionell sein! Je weniger Mitarbeiter du hast, desto persönlicher ist der Umgang und die verzeihen dir einen Cholerischen, weil sie ja wissen, wie du bist. Aber wenn dann immer mehr Leute bei dir arbeiten und dich nicht mehr so gut kennen und du einmal laut wirst, glauben die dann vielleicht, du bist der letzte Arsch: Von Mini-Me über One-Woman-Show bis zur richtigen Professionalität als Unternehmensleiterin, das ist eine echte Herausforderung. Aber es macht mir Spaß, es ist auch nicht nur Modemachen sondern eben auch ein Unternehmen: Finanzierung, Banken, Business-Pläne,…

 

… Und da noch Zeit für Kreativität finden!

Ja, das muss man dann Reinboxen. Es geht dann auch nicht immer, aber es gibt diese Phasen, wo alle Zutrittsverbot haben, ich Musik auflege, mich hineinfühle und in gute Laune komme, das brauch ich dann auch, um kreativ zu sein.

Hast du ein besonderes Erfolgsrezept?

Nicht auf die gesamte Umwelt gleichzeitig zu achten. Das geht einfach auch nicht.

Stichwort Trend?

Is‘ alles Wurscht!

Was wäre dein Tipp an junge Mädels, die ihren eigenen Stil noch suchen?

Ruhe und Selbstsicherheit erarbeiten: Man sollte das tragen, was die Persönlichkeit widerspiegelt. Man kann sich auch hinter Mode verstecken, je nachdem, wie man mag. Aber ein Selbstbewusstsein zu finden, ist aber eine Aufgabe, die ist nicht immer leicht. Man kann aber auch versuchen, eine Persönlichkeit durch Mode zu kreieren. Ich finde das gut, mir hat meine eigene Mode schon zu mehr Selbstbewusstsein verholfen! Hätte ich jetzt das Bedürfnis gehabt, die Mode zu tragen, die alle tragen können, die schlanke Beine haben, dann würde ich jetzt hier nicht mit so viel Selbstbewusstsein sitzen. Ich hab mir eben gedacht, ich habe halt keine schlanken Beine und keinen kleinen Hintern, ich mach jetzt Mode die mir wirklich gut steht und mich zur Geltung bringt, anstatt mich irgendwo reinzuquetschen wo ich im Endeffekt nicht besser aussehen würde. Das passt perfekt zu mir und ich bekomme auch viele Komplimente dafür!

Siehst auch super aus. 

Danke sehr!

 

Welchen Stellenwert haben Plus-Size-Models bei dir?

Als Designer kannst du nicht auf jedes Showmodell oder jede Musterkollektion in verschiedenen Größen machen. Damit könnte man keine Fittings, keine Running Order machen. Da machen Einheitsgrößen schon Sinn. Aber ich finde, dass die Agenturen dringend die Maße erhöhen sollten. Weil ein Hüftumfang von 90, das ist bei vielen Leuten der Umfang der Taille! Und das ist ja fürchterlich. Grad wenn du groß bist und hungern musst. Aber viele Designer wollen das ja auch. Das verstehe ich nicht, da sind die Models ja auch keine Persönlichkeiten mehr. Wie kann man Ausstrahlung haben, wenn man sich ständig kasteien muss? Das merkst du auch an der Ausstrahlung der Models. Oft wie ein Schluck Wasser, fürchterlich.

Hoffentlich ändert sich da was. Welchen Typ Frau findest du anziehend? 

Dita Von Teese find’ ich sensationell. Ich kann nicht verstehen, wie jemand ständig perfekt gestyled sein kann und nie im Gammel-Look fotografiert wird! Das ist schon fast unheimlich.

Gibt’s auch Österreicher die du inspirierend findest?

Wanda mag ich voll gern! Ich hoffe für sie, dass sie richtig groß werden. Super Band!

Hast du eigentlich weitere Tattoos geplant, weil ich grad das am Hals sehe?

Ich hab’ grad wieder Bock, ja! Das am Hals ist aus LA, meine Freundin hatte einen Termin im Tattoostudio von Kat von D, hat sich aber dann doch nicht getraut. Und ich hab dann gesagt „passt, dann nehm ich deinen Termin!“. Das hat der Dennis Halbritter gemacht, in der Früh gleich ein Necktattoo, voll gezittert hat er, obwohl er so ein Profi ist. Aber ich würd’ mich nie freehand tätowieren lassen, nur nach Vorlage. Und ich mag alles, was man sieht. Zugepeckte Arme, wo lauter so Kleinscheiß drauf is: Aber ich weiß nicht, ob ich das als Dame möchte. Bei dem Tattoo am Arm hab ich mir dann gedacht: „Jetzt werde ich nie wieder nackt sein.“ Ich mag keine dekorativen Tätowierungen, sondern Tattoos, wo man immer dazu stehen kann. Dinge, die man nie bereuen wird.

Verabschiedet habe ich mich übrigens mit „Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder in Wien!“ Geantwortet hat sie: „… vielleicht in der Arena, oder so!“ Ja, hoffentlich: Ein, zwei Bier würd’ ich mit der Lena nämlich schon gern mal trinken. Vielleicht zeigt sie mir dann auch Fotos aus ihrer Raver-Phase. 

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BERLIN, GERMANY - JULY 07: A model walks the runway at the Lena Hoschek show during the Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Spring/Summer 2016 at Brandenburg Gate on July 7, 2015 in Berlin, Germany. (Photo by Peter Michael Dills/Getty Images for IMG)

BERLIN, GERMANY – JULY 07: A model walks the runway at the Lena Hoschek show during the Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Spring/Summer 2016 at Brandenburg Gate on July 7, 2015 in Berlin, Germany. (Photo by Peter Michael Dills/Getty Images for IMG)

A model walks the runway at the Lena Hoschek show during the Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Spring/Summer 2016 at Brandenburg Gate on July 7, 2015 in Berlin, Germany.

A model walks the runway at the Lena Hoschek show during the Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Spring/Summer 2016 at Brandenburg Gate on July 7, 2015 in Berlin, Germany.

A model walks the runway at the Lena Hoschek show during the Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Spring/Summer 2016 at Brandenburg Gate on July 7, 2015 in Berlin, Germany.

A model walks the runway at the Lena Hoschek show during the Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Spring/Summer 2016 at Brandenburg Gate on July 7, 2015 in Berlin, Germany.

lenahoschek.at

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2 Gedanken zu “Die toughe Romantikerin.

  1. Echt cooles Interview!
    Ich bin ja ein großer Lena Hoschek Fan – vor einem Monat ist es mir passiert, dass sie am Weg nach Wien im selben Flugzeug war wie ich – ich war nervös wie ein kleines Mädchen.

    Um das Interview beineide ich dich richtig ;-), ist wirklich toll geworden!

    LG Vanessa

    • Hey Vanessa! Mei, das kann ich gut verstehen 🙂 Wenn man Fan ist und dann trifft man die Menschen persönlich, das is schon immer was besonderes! Lena ist eine sehr nette, coole Frau, sehr interessant und bodenständig – sie freut sich sicher, wenn du sie das nächste Mal anquatschst 🙂
      Vielen Dank, freut mich sehr, dass dir das Interview gefällt!
      Alles Liebe,
      Sinah

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