Ein rauschendes Harvest.

Das Harvest Of Art ist definitiv ein Festival für Erwachsene. Oder die, die es halt gerne wären. Für Brave. Für die, die es nicht so wild mögen und die nach einem dreiviertel Tag in der Sonne heim, ins gemütliche Betti wollen, anstatt halbbesoffen auf einem harten Zeltboden zu nächtigen und am Morgen in Glitzer und Kotze aufzuwachen. Wo es, neben dem üblichen Festival-Fraß auch Kuchen von den Mamas und Omas aus der Region gibt. Ist aber gar nicht so schlimm, dass es auf einem Festival mal etwas ruhiger zugeht: Gerockt wurde ja trotzdem!

Ich bin eine dieser Personen, die sich nie lange vorher Konzertkarten kauft und bis zur letzten Sekunde nicht sagen kann, ob sie denn nun hingeht. Zu Teil deswegen, weil ich keiner der coolen „Kein Bock, aber Gästeliste“-Menschen bin (und es mir meistens ein bissi peinlich ist, Leute deswegen anzusudern). Teils auch deshalb, weil ich eh immer darauf spekuliere, dass irgendwelche armen Menschen ihre Karte kurzfristig günstig in den Facebook-Gruppen der Veranstaltungen verscherbeln. Ansonsten wäre mir das Harvest of Art mit +-40 Euronen wohl zu teuer gewesen (vor allem, da mein Interesse hauptsächlich Belle & Sebastian und Bilderbuch galt, Wanda spielt ja gefühlt jeden zweiten Tag irgendwo in Wien). Aber ich zahle dann auch gerne: Support, Support! Und wert war’s das auf alle Fälle.

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Wanda + Sinah. Ich sehe gerade, wie arge Stirnfalten ich durch dieses ständige Augenbrauenhochziehen schon habe, verdammt, ich muss das lassen.

Österreich, geht scho’: Vorbei die Zeiten, als auf den Verteilerkästen und Litfaßsäulen des Landes immer nur 3 Feet Smaller oder Guadalajara prangte, wenn’s um heimische Konzerte und Acts ging. Die nationale Szene entwickelt endlich das nötige Selbstbewusstsein, vor allem auch Mut zur Selbstinszenierung und lässt ab vom typisch-österreichischen Zynismus, hinter dem sich viele unserer (guten!) KünstlerInnen oft verstecken. Vor allem Bilderbuch sind da mittlerweile ziemliche Profis: Das Vintage-Outfit aus der Burggasse 24 (ich spekuliere jetzt mal) ist nicht nur ein geiles Statement, sondern rundet das crazysexy Bibu-Konzept fastperfekt ab. Da scheißt man einfach auf Aufnummersichergehen und geht halt mal in goldener Glitzerhose und Vintage-Blouson aus feinster Seide vom Opa auf die Bühne. Wie verdammt gut. Obwohl ich mir nicht mal sicher bin, ob es sowas wie ein Konzept wirklich gibt, oder sich das einfach so zusammengefunden hat: In Oberösterreich setzt man weniger auf blanke Kalkulation und mehr auf das Feeling, so sind wir halt.

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Hey girl, feel my feinste Seide.

Auch wenn sich viele Sager von Konzert zu Konzert gleichen oder zumindest ähneln, ist ein Bilderbuch-Konzert immer wieder spannend, zumindest bis irgendwann Sättigung eintritt (was bei mir momentan noch nicht der Fall ist): Nicht nur, weil der Mitzi Blue allein schon eine Sensation ist, wie er mit seiner weberknechtartigen Statur, in der superengen Hose die sexiesten Gitarren-Moves raushaut, die die Welt je gesehen hat, sondern weil da (noch) nichts einfach so Runtergespielt wird. Hier hat man Spaß am Spielen und geht nicht mit dieser nervigen, die Unsicherheit kaschierenden Coolness auf die Bühne, die mich bei vielen Bands live extrem abtörnt. Auch, wenn die bewusst affektierte Show stellenweise anderes vermuten lässt, finde ich die Band immer noch authentisch: Weil alles mit Augenzwinkern. Und wenn dann doch manchmal die Unsicherheit durchscheint, ist das einfach nur sympathisch menschlich.

So lang wie ein Aal.

So lang wie ein Aal.

Um meinen leicht süffisanten Wanda-Sager von vorhin ein bisschen zu relativieren: Ich mag die ranzige Lederjacke, die wie eine Galionsfigur am Mikrofonständer hängt, die Tschick, das Prolo-Getue, genau da liegt ja der Schmäh. Ein ganzes Konzert in den vordersten Reihen drücke ich trotzdem nie durch, sei’s wegen obligatorischem Bierkonsum – zu dem man, wenn’s auf der Bühne schon so fließt, irgendwie angehalten wird – und dem daraus resultierenden Harndrang, oder weil’s mir nach dem vierten Song dann auch ein bisschen zu fad wird: Trotzdem immer wieder lustig. Auch von hinten. Eine andere Strategie wäre vielleicht, mich bei Wanda erst nach dem vierten Song nach vorn zu drängeln (obwohl ich NIE drängle. Ich hasse das. Ich hasse Menschen, die bei Konzerten drängeln. Ich muss es einfach schreiben, ich hasse es so so sehr.), ein bisschen warm werden muss der Marco ja dann doch, kommt mir vor.

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Prolo, aber sexy.

Was ich allerdings nicht ganz verstehe, ist das Belle & Sebastian-Intermezzo zwischen Wanda und Bilderbuch, diesen leichten Downer muss mir nochmal irgendjemand erklären. War trotzdem eine wundervolle Show, wenn auch der Slot etwas unglücklich war. Vielleicht wollte man da einfach das imposante Ösi-Aufgebot mit einem schottischen Schmankerl auflockern.

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