Tinder will, dass du den Menschen, die auf dich stehen, gefälligst eine Chance gibst.

sonic

Hey, Tinder.. Weißt du, du bist ganz cool und so. Wir verstehen uns meistens gut, außer dann, wenn du mir Fußfetischisten vorschlägst oder Jason Derulo sein Album mit dir promotet. Aber ich glaube, wir wollen zwei unterschiedliche Dinge. Ich war zufrieden damit, dass ich dich nur benutzt habe, wenn ich gelangweilt und hung over im Bett gelegen bin und mir deine Fleischespracht visuell einverleibt habe. Aber in letzter Zeit scheint es so, dass du wohl was Fixes willst. Und ich weiß nicht, ob ich dafür bereit bin. 

Hätte mir Tinder letztes Jahr schon versprochen, dass man zukünftig sieht, welche User dich so geil finden, dass sie dir sogar Sternchen verleihen, dann hätte ich meine Bachelorarbeit wohl darüber verfasst. Nun wurde aber „WhatsApp und der Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen“ daraus, das Resultat war eine 1 – und dass ich seitdem die „Gelesen“-Funktion ausgeschaltet habe und mich selbst mit dem Ausschalten der Nachrichten belüge. Wie wäre das wohl bei Tinder gelaufen..?

Also für alle, die es nicht mitbekommen haben: Auf Tinder kann man als User jetzt ein Mal am Tag ein Super-Like Sternchen an denjenigen vergeben, den man wirklich übergeil findet. Das sieht der User dann auch. Strategie: Kontaktchance erhöhen – längere Nutzungszeiten, eh klar. Tinder ist ein kurzfristiger Ego-Booster. Das war das Konzept und ja, das wirft (auch wenn wir das immer belächeln und gedanklich nach links wischen) sicher viele verstörende Fragen über unsere Generation auf. Aber das war würdig und recht und ehrlich, weil man gar nicht mehr erwartet hat. Nun kommt Tinder aber an und ist plötzlich nicht mehr zufrieden, mit der Abmachung, die wir hatten. Plötzlich will es mehr, will was „Ernstes“. Plötzlich tut es so, als ob es sich dafür interessieren würde, dass wir glücklich werden.

Aber die Romantik ist längst tot, wir haben sie nach links gewischt und nun ist sie fort, für immer im Limbus verloren. Was ist denn aus richtigen Dates geworden? Daraus, dass man sich in schummrigen, verrauchten Bars trifft, weil man eh zu schüchtern ist für Tageslicht, und nach drei Spritzern wild herumschmust, bis die Kellner prückel werden, um danach das obligatorische Katz-Maus-Spiel mit dem „Wer meldet sich zuerst?“ zu vollziehen? Was bleibt denn da noch?

Liebes Tinder, du kostest uns nur Zeit. Zeit, die wir mit echten Menschen verbringen könnten, die wir riechen, schmecken, fühlen müssen, um zu wissen, ob wir sie mögen. Wir haben keine Zeit mehr für die Klischees, die wir zweifelsohne abdecken, und die fünf Bilder, die paar Zeichen der Selbstbeweihräucherung und -inszenierung, schon gar nicht für irgendwelche Super-Likes. Ich weiß, du versuchst, diese Dinge zu vereinfachen, aber du machst es nur noch komplizierter. Also sei bitte wieder du selbst.

Das Super-Like stiftet einen nämlich dazu an, sich geschmeichelt zu fühlen. Und zwar sehr. Man schaut sich die Menschen plötzlich intensiver an, denen man da offensichtlich sehr taugt. Das fickt das Hirn ganz schön, obwohl man glaubt, dass man darüber erhaben ist. Ich ertappte mich also dabei, dass ich plötzlich nur mehr nach Super-Like Sternchen geswipet habe. Erbärmlich. Ich bin von mir selber enttäuscht. Ich will das so nicht. Tinder aus, Handy in die andere Ecke des Zimmers, Flugmodus. Gute Nacht.

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2 Gedanken zu “Tinder will, dass du den Menschen, die auf dich stehen, gefälligst eine Chance gibst.

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