Die dänische Band ‚Go Go Berlin‘ hat mir erklärt, wie Musiker heutzutage zu Kohle kommen.

Groupies, Sex und Drogen sind so das 0815-Klischee im Musikbusiness. In Wahrheit sitzt man verdammt viel im Auto. Und ist ziemlich oft pleite. Aber das broke and famous Klischee gehört wohl irgendwie dazu. Die Jungs von ‚Go Go Berlin’ haben mir ein paar Einblicke in ihren Alltag gewährt.

„Wie soll man als Musiker eigentlich noch Geld verdienen?“, frage ich mich immer wieder, während ich mein Newsfeed durchscrolle und mir Bilder der coolen Bandjungs anschaue, die mit ihren coolen Tattoos in abgefuckten Vans sitzen und durch die russische Tundra touren. Ich hab’ da eigentlich immer die gleichen Gedanken, die sich aber dann doch recht unterscheiden.

GoGoBerlin

v. l.: Bassist Emil Rothmann, ich, Schlagzeuger Christoffer Ostergaard, Keyboarder Anders Sondergaard, Gitarrist Mikkel Dyrehave, Sänger Christian Vium. Und eine Gitarre.

Das geht von: „Cool, der zieht das immer noch durch!“ über „… sieht schon bisschen versoffen aus, mittlerweile…“ bis „Puh, Gott sei Dank haben wir keine Babies bekommen, sonst wüsste ich jetzt nicht, wie ich die Brut durchfüttern sollte.“. Aber im Grund empfinde ich großen Respekt davor, wenn jemand die Strapazen des Musikerdaseins auf sich nimmt, gerne die Zeit in einem scheiß Sprinter verbringt und vor zehn Menschen genau so Gas gibt, wie vor hundert. Ich sag’ euch: Von Musikern lernt man, wie man durch harte Arbeit langfristig Kunden (bzw. Fans) bindet!

Dass es in YouTube- und Spotify-Zeiten echt schwierig ist, mit der eigenen Mucke Kohle zu verdienen, bestätigten mir auch die Jungs der dänischen Band Go Go Berlin im Interview vergangene Woche. Die waren nämlich für einen Gig im WUK in der Stadt. Ich hab’ sie im „Addicted To Rock“-Store getroffen und mit Ihnen geplaudert, die sind nämlich auch viel unterwegs, um ihr neues Album „Electric Lives“ zu promoten. Und gleich vorweg: Ich werde hier auf die obligatorischen Kings of Leon und Steven Tyler-Vergleiche verzichten, weil ich Vergleiche – vor allem in der Musik – echt beschissen finde. So viel zum „Fazit“: Auf dem Album findet man wirklich ein paar verdammt gute Nummern. „Maybe Tomorrow“ zum Beispiel, der ging mir tagelang nicht aus dem Ohr. Aber es sind Ohrwürmer mit Substanz, sag‘ ich auch gleich dazu, das hat ja immer so einen bitteren Beigeschmack. Live haben die auch alles rausgehauen, was ging: Da waren sogar minutenlange Jamsessions drin – schön, wenn wenn live noch etwas mehr Raum für Spontanität bleibt!

Das gesamte Interview lest ihr hier!

Wisst ihr, was mir aufgefallen ist: Als ich ein paar Interviews mit euch gelesen habe, haben die Journalisten so superblöde Anspielungen darauf gemacht, dass ihr so richtig „Rock’n’Roll“ ausseht. Ein authentischer Style scheint ja heutzutage fast was Exotisches zu sein – wie seht ihr das?

Christian: Ja, die fragen uns das oft. Ich weiß auch nicht, wir sind sicher anders als der Durchschnittsbürger, auch von unserem Lifestyle her, aber die Menschen wissen auch nicht, wie das oft wirklich läuft, im Rock’n’Roll. Eigentlich warten wir einfach die ganze Zeit! Im Van, vor der Show…

Mikkel: Ja, wenn uns Leute begleiten, fragen die oft „Was, DAS soll der way of life im Rock’n’Roll sein?!“ Da muss man einfach die Zeit nutzen. Und Blödsinn machen!

Ein paar Bands haben mir erzählt, dass sie auf Tour keine Songs schreiben können. Wie geht’s euch da, schreibt ihr unterwegs?

Christian: Das letzte Album haben wir so zwischen den Shows geschrieben, da haben wir immer Donnerstag, Freitag, Samstag, gespielt, Sonntag hatten wir frei und Montag, Dienstag, Mittwoch haben wir Songs geschrieben. Das ist eine Sechs-Tage-Woche! Schon krass.

Mikkel: Die Beatles haben mal gesagt, man wird vom Tourleben inspiriert aber man kann nicht schreiben, währenddessen…

Christian: Ich könnte schon schreiben, glaube ich, aber wenn du im Nightliner lebst, musst du erst mal lernen, wie du darin schläfst, ohne dich anzukotzen. Wenn du nach der Show dann voll fertig bist, hast du einfach keine Energie mehr zum Schreiben. Das Coole im Nightliner ist aber, dass du einschläfst und in einer neuen, aufregenden Stadt aufwachst. Das war noch anders, als wir mit dem Mini-Van durch Europa getourt sind: Da haben wir mal einen Tag gebraucht, um überhaupt in die Städte zu kommen. Dann haben wir kurz gegessen und dann ging’s sofort auf die Bühne.

Go Go Berlin

Go Go Berlin

Wenn ihr Songs schreibt: Wann ist ein Song fertig? Ich kenn’ das von mir, ich weiß einfach nie, wann ich sagen soll „Okay, das Ding ist jetzt fertig.“…

Christian: Fertig ist es, wenn’s auf dem Album ist! Wirklich fertig ist ein Song nie, soll er auch nicht sein: Manchmal hört man da wieder so viel raus, was man jetzt anders machen würde. Da kann man sich dann live ausprobieren!

Christoffer: Ja, man denkt sich dann immer stellenweise „Okay, das hätte besser werden können.“ Das ist ein bisschen so, wie wen man ein Baby auf die Welt bringt…

Sinah: … Und es dann im Arm hält und sagt „Oh, okay, hätte besser werden können…“?

(Alle Lachen.)

Christoffer: Hahaha, naja, es wächst sich dann halt zusammen.

Mikkel: Man kann live immer ein bisschen was anders machen. Aber nicht so wie bei einem Bob Dylan Konzert, wenn man hinterher nicht mal mehr sagen kann, welche Songs er jetzt gespielt hat.

Wie geht’s euch mit dem neuen Album, seid ihr da live schon eingespielt?

Mikkel: Bei neuen Sachen ist man anfangs immer nervöser!

Christian: Das mit dem Selbstbewusstsein on stage ist immer so eine Sache. Eine Band ist am besten, wenn sie total selbstbewusst auf der Bühne steht und genau weiß, was sie da tut. Wir sind als Band auch momentan an einem Punkt, wo wir uns noch gern Herausforderungen stellen und ausprobieren.

Find’ ich interessant, dass ihr das ansprecht. Ich wollte gerade fragen, wie ihr damit umgeht, wenn ihr einen Scheißtag hattet und dann aber abliefern müsst: Was sind da so eure Strategien, um euch in Stimmung zu bringen?

Christian: Also wenn ich auf der Bühne stehe und es geht los, brauch‘ ich maximal einen Song, um reinzukommen. Maximal zwei. Dann bin ich so drin, dass ich alles andere vergesse!

Ihr könnt sicher gut feiern: Was war die geilste Party im letzten Jahr?

Christian: Die „Germany’s Next Topmodel“-Party! Woah, da war alles gratis, und damit meine ich ALLES. Da kam ein Typ zu uns und meinte so „Sagt mir, was ihr braucht! Ihr bekommt alles. Wenn ihr was trinken wollt oder was zu Rauchen braucht. Ihr könnt alles haben.“ Und die Menschen waren wunderschön, das war echt verrückt.

Go Go Berlin Acoustic Session im Addicted To Rock-Store in Wien

Go Go Berlin Acoustic Session im Addicted To Rock-Store in Wien

Wenn wir schon über’s Saufen reden: Was ist das beste Heilmittel gegen Kater?

Anders: Unser Tourmanager hat da ganz verrückte Pillen aus Amerika…

Mikkel: Models und Pillen!

Christian: Konzerte spielen ist das beste Heilmittel.

Mikkel: Ja, du hast einfach so einen Adrenalin-Schub, dass der Kater verschwindet.

Christian: Laufen ist auch gut. Aber wenn du voll hacke warst, willst du halt nicht laufen gehen, tja!

Tourmanager kommt mit Sprudel um die Ecke: „Willst du dich ein bisschen mit uns betrinken?“

Sinah: Morgen dann! Beim Konzert! 

Der Tourmanager stellt Sekt auf den Tisch. Wir stoßen an. „Fucking Alcoholics, Cheers!“

Ist euch das schon mal passiert, dass ihr jemanden vergessen habt, also im Bus?

Emil: Gott sei Dank noch nicht, wir zählen eigentlich immer durch…

Mikkel: Wenn du den Bus verlässt, musst du was am Sitz des Busfahrers liegen lassen, damit der bescheid weiß, alte Tradition! Wobei, uns wurde gesagt, dass wir das nicht machen sollen… Warum nochmal? Ich glaub’, die wollen uns einfach vergessen! Damit sie lustige Geschichten zu erzählen haben.

Was ist der peinlichste Song, den ihr supergeil findet?

Mikkel: Haha, Sugarbabes, „About you now“. Gott, ich liebe diesen Song! Ich such ihn gleich auf Spotify…

Christoffer: Ich liebe alles von Whitney Houston. Sie war die Queen!

Christian: Verdammt, ich hab’ da so ein Ding mit Justin Bieber und „What Do You Mean“! Der hängt mir so sehr im Ohr, dass ich ihn mittlerweile geil finde, total peinlich!

Das ist echt bei allen JB Songs so, oder bei Taylor Swift und Katy Perry…

Christian: Ich hatte das noch nie, ich schwöre! Ich denk’ mir echt nur so „Ah, Mann Justin. Verschwinde endlich aus meinem Kopf!“

Mikkel: ..What!! Sugarbabes sind zu posh für Spotify! Fuck you, Sugarbabes!

Haha, wo wir gerade über Spotify reden: Fluch oder Segen für Musiker? Ich frag’ das gern, weil ich wissen will, wie ihr so zu Kohle kommt.

Mikkel: Lustig, wir haben da auch vorher darüber diskutiert! Ich glaub’ schon, dass das funktionieren könnte. Die Musikindustrie hat das einfach voll verpennt. Die wollten sich auch nicht auf diese neuen Ideen einlassen, als Napster zum Beispiel um die Ecke kam, wollte jeder sein Imperium verteidigen und klagen, was das Zeug hält: Verdammt, du kannst nicht gegen eine Idee ankämpfen! Aber ich glaub’, es wird schön langsam, man denkt um. Apple zum Beispiel, die sind ja jetzt auch dabei.

Verdient ihr denn mit Spotify Kohle?

Anders: Sehr, sehr wenig…

Christian: Ich bin auch Spotify Premium-User. Alles andere wäre echt unmoralisch. Diese Gratiskultur hat sich einfach schon so etabliert, jeder hört Musik, jeder lädt sie illegal irgendwo runter, aber…

… aber das macht’s halt nicht okay.

Christian: Ja, das macht es nicht okay. Da muss man dann eben Shows spielen, weil wenn jemand deine Musik mag und dich sympathisch findet, kommt er auch zu deinen Konzerten.

Mikkel: Wenn du etwas wirklich magst, willst du da einfach auch was Physisches in den Händen halten. Eine Vinyl, ein Bandshirt, ein Album…

Also dann sind eure Haupteinnahmequellen Merch und Shows?

Mikkel: Ja. Und es kommt auch immer drauf an, wie das Publikum drauf ist. Es gibt drei Arten von Publikum: Die Leute, die quasi bei der Show vorglühen und dann Party machen, die kaufen wenig, weil sie die Kohle noch fürs Feiern brauchen. Dann gibt es die, die eher ruhig dastehen, zuhören und die Musik genießen, die kaufen dann meistens viel. Und der Rest, das sind Ärsche, haha.

Haha, eine Sozialstudie! Könnt ihr euch noch an den Moment erinnern, an dem ihr endlich einen Plattendeal hattet?

Christian: Ich denke, man romantisiert diese Vorstellung immer. Das kommt noch von den goldenen Zeiten, den 60ern, 70ern, 80ern und so. Und wenn’s passiert, ist es einfach so real! Ich will auch nicht arrogant klingen oder so, aber wir waren uns immer sicher, dass wir einen Deal bekommen würden. Wir haben das einfach als Ziel genommen und darauf hingearbeitet! Die Leute bei Mermaid Records haben ja auch ordentlich in uns investiert und uns mal Probeaufnahmen im Studio machen lassen.

Die haben euch also mit einem geilen Studio geködert!

Christian: Haha, ja! Als wir das Ding dann unterschrieben haben, war ich trotzdem noch skeptisch. „So, und was heißt das jetzt?“. Als wir dann zusammengesessen sind und Schampus getrunken haben, war’s dann aber dann doch echt ein geiles Gefühl. Romantischer Moment!

Mikkel: Ja, Mermaid ist eins der wenigen Labels, die wirklich noch Geld für die Künstler ausgeben. Da sind wir auch echt dankbar.

Christian: Man muss sich diese Dinge einfach fix vorstellen und sie dann in Angriff nehmen. Nur so funktioniert das! Und trotzdem die Erwartungen niedrig halten: Wenn uns geile Support-Gigs von großen Bands versprochen werden, glaub’ ich das erst, wenn ich auf der Bühne stehe.

Mikkel: Ja, weißt du noch, die Rolling Stones-Enttäuschung? Da hätten wir Opening Act sein sollen und das hat dann nicht geklappt.. Das tat weh!

Christian: Ja, es gibt immer wieder Niederlagen. Aber das gehört dazu! Auch auf Tour. Das Bandleben ist echt so, wie die Memes im Internet sagen: Bands stopfen 5000 Dollar Equipment in einem 500 Dollar Van, um einen Gig zu spielen, der ihnen 50 Dollar Gage bringt. Genau das ist es. Das ist Rock’n’Roll!

Das neue Album „Electric Lives“ ist unter Mermaid Records / SONY erschienen und hier um humane € 9,99 erhältlich!

Members:

Christian Vium: Sänger / Gitarrist

Mikkel Dyrehave: Gitarrist

Anders Sondergaard: Organ

Emil Rothmann: Bass

Christoffer Ostergaard: Schlagzeug

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