Gute Argumente, mit denen du rechte Vollkoffer an die Wand spielst.

Nina Horaczek und Sebastian Wiese hatten die vermutlich beste Idee überhaupt: Ein Handbuch mit guten Argumenten gegen dumme Behauptungen im Bezug auf Migration, EU und Islam. Die Autoren haben ein Sachbuch für Jugendliche verfasst, das mit Vorurteilen aufräumen soll: Eine Sisyphusarbeit, könnte man meinen. Aber genau das, was wir jetzt brauchen.

Jeder redet, kaum einer kennt sie wirklich: Die Hard Facts zur Flüchtlingsdebatte. Und obwohl die Autoren von „Gegen Vorurteile“ selbst sagen, dass einseitige Interpretationen und Halbwahrheiten nicht greifen, wenn es um etwas Dynamisches wie soziale Gruppen geht, versuchen sie doch so gut es geht, das ein oder andere klassische Vorurteil faktisch zu entkräften: Mit Erklärungsansätzen zur Gastarbeiterthematik, zum Islam, zur Arbeitslosigkeit und zur EU. 22 Vorurteile haben die Autoren analysiert, Fakten und Statistiken aus Österreich, Deutschland zusammengetragen, um jungen Menschen einen halbwegs objektiven Überblick über die momentane Migrationspolitik zu geben. Was gut und vor allem verdammt nötig ist.

Denn junge Menschen müssen begreifen, dass rechts sein, denken und wählen keine Option ist, wenn man in einer globalisierten Welt leben möchte: Parteien wie die FPÖ funktionieren nur deshalb, weil sie Menschen Angst machen und sie dann mit perfiden Ideen und Weltvorstellungen ins Boot holen. Weil sie Ideologien verbreiten (mal mehr mal weniger subtil), die in 30er/40er-Jahren unser Land zerstört haben. Weil mir vor dieser schäbigen Art der Politikmache so graust, hier ein paar Antworten auf altbekannte Vorurteile.

„Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“

In den Sechziger Jahren wurden Arbeitskräfte aus dem Ausland angeheuert, um den Arbeitskräftemangel zu beheben und den Wirtschaftsmotor weiter am Laufen zu halten. Die niedriger qualifizierten Arbeitskräfte wurden aus dem Ausland angeworben, um die einfacheren, schlecht bezahlten Jobs zu erledigen. Währenddessen stieg man hierzulande in der Hierarchie des Arbeitsmarkes auf.

In Deutschland hat jeder sechste Unternehmer einen Migrationshintergrund: 750.000 Selbstständige schaffen so 2,2 Millionen Arbeitsplätze. 2013 hatten in Österreich 10 % der Unternehmer ausländische Wurzeln.

Dieses Land wurde also keineswegs von demjenigen österreichischen Vollkoffer aufgebaut, der auf Facebook HC Strache folgt und im Netz seine Hass-Postings rauskackt. Unsere Groß- und Urgroßeltern haben dieses Land wieder aufgebaut: Gemeinsam mit den Italienern, Spaniern, Kroaten, den Türken, den Portugiesen, den Jugoslawen und den Griechen. Und nun hocken wir auf unserem Wohlstand, in den wir zufällig hineingeboren wurden, wie eine fette Pute auf goldenen Eiern. In einem reichen Land geboren zu sein ist weder eine Leistung, noch ein Verdienst.

„Ausländer kosten viel mehr, als sie uns bringen!“

Dem deutschen Staat bleiben pro Ausländer jährlich 3.300 Euro mehr im Steuertopf, als dieser Mensch den Staat kostet, das besagt eine Studie der Bertelsmann Stiftung im November 2014 für die Europäische Wirtschaftsforschung. Und hier wurden nur Menschen mit einberechnet, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Würde man alle diejenigen miteinbeziehen, die die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, wäre dieser Wert viel höher. Hier nachzulesen, recht interessant.

Die Bildung der Menschen, die jetzt nach Österreich und Deutschland kommen, variiert stark nach Herkunftsland. Die Analphabetenrate in Syrien lag bei den 15- bis 24-Jährigen vor Kriegsausbruch bei 5,5 Prozent, der Falter zitierte eine Wiener AMS-Mitarbeiterin, die meint, dass unter den syrischen Flüchtlingen sehr viele Ärzte seien. Der Auffang-Staat könnte davon profitieren – vorausgesetzt, er nutzt das Potential: Denn die Bildung dieser Menschen wurde von einem anderen Staat finanziert. So gesehen wird unser Land gerade mit Know-How gefüttert. Wir lassen dieses Know-How dann bei uns Taxi fahren oder putzen gehen.

„Wir können nicht jeden Flüchtling aufnehmen!“

2013 wurden in Deutschland 109.600 neue Asylanträge gestellt. Somit war Deutschland weltweit das Land mit den meisten Anträgen. Im selben Zeitraum wurden in Österreich 17.503 Anträge gestellt. In Deutschland kommen auf 1.000 Einwohner 1,5 Flüchtlinge, in Österreich zwei. „Überlaufen“ kann man das jetzt noch nicht nennen.

Kurz überlegt: Menschen, die horrende Summen an Schlepperbanden zahlen, um mit einer minimalen Erfolgschance nach Europa zu kommen, waren in ihrem „alten Leben“ wohl kaum bettelarm: Eine Schleppung von Syrien nach Österreich kostet nämlich zwischen 8.000 und 12.000 Euro pro Person (Falter, 32/15). Wenn ich mich in meiner Wohnung so umschaue, dann ist da nichts, mit dessen Verkauf ich diesen Preis erzielen würde.

Fakt ist, dass Völker seit Anbeginn der Menschheit wandern: Das passiert einerseits auf der Suche nach optimalen Lebensbedingungen oder der blanken Habgier wegen, so, wie die Europäer selbst es seit Jahrhunderten praktizieren – Stichwort Kolonialzeit. Wir verschwenden ganz einfach zu viel Zeit darauf, uns an Horrorszenarien und Islamisierungsgeschichten aufzugeilen. Natürlich, wir müssen auch aufpassen, dass die Welle der Hilfsbereitschaft, auf der jetzt jeder dahinsurft, nicht plötzlich bricht: Integration fordert Verständnis auf beiden Seiten und einen riesigen Vertrauensvorschuss. Aber Grenzen sind imaginär, die Übergänge fließend und sich dagegen aufzulehnen, ist ganz einfach vergeudete Mühe. Wenn schon Hass schüren, warum diesen dann nicht auf die Rüstungsindustrie projizieren? Auf Banken, die Gelder aus Waffenhandel verwalten und sich daran bereichern? Auf die Fehlentscheidungen der NATO und die Regierungen, die faschistische Regimes aus reinem Selbstzweck jahrelang finanziert haben? Auf die Gesetzte, die es Asylwerbern untersagen, in Europa arbeitstätig zu werden?

„Gegen Vorurteile: Wie du dich mit guten Argumenten gegen dumme Behauptungen wehrst“ von der österreichischen Journalistin Nina Horaczek und Jurist Sebastian Wiese ist im Czernin Verlag erschienen. Gibt’s hier als eBook um € 14,99. 

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Ein Gedanke zu “Gute Argumente, mit denen du rechte Vollkoffer an die Wand spielst.

  1. Sehr schöner Blogpost.
    Das Augenmerk sollte tatsächlich dorthin gehen, wie dieses ganze Leid der Flüchtlinge entstanden ist und was man jetzt dagegen tun kann. Hass ist dabei, finde ich, nie das Richtige und nie eine Lösung.
    Danke, dass du deine Argumente auch mit Beispielen aus dem Leben untermauert hast. Und Danke, dass du versuchst die Leute wach zu rütteln.

    Viele Grüße
    Stephie

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