Das Schmuserock-Image täuscht: Revolverheld sind tough. Vor allem beim Thema Asyl.

Hier im Interview!

Wer mit Revolverheld nur Liebesgedudel, hübsche, bärtige Männer und schmachtende Girlies verbindet, sollte seine Meinung ein wenig updaten: In Wirklichkeit haben die Jungs aus Hamburg nämlich erfrischend straighte Ansichten zum Thema Asyl und Familie. Über ihr neues Unplugged Album, das am 9.10 bei Sony erschienen ist, haben wir natürlich auch gesprochen.

Na, gut angekommen? Wie gefällt’s euch in Wien?

Kristoffer: Alles super! Wir waren bei der Starnacht in der Wachau und haben gleich mal Freundschaft mit Conchita Wurst geschlossen. Waren dann noch mit ihr essen, im… Motto? Das war sehr lecker, gutes Restaurant, gute Drinks…

Johannes: Sehr gute Drinks!

Habt ihr den „Gin Basil Smash“ probiert…?

Johannes: Ja, ja, genau!

Der hat mir die schlimmsten Räusche beschert…

Johannes: Hahaha!

Nun gut, jetzt back to business!

Johannes: Mist.

Wie ist das so, eine MTV Unplugged Show zu spielen? Lebt da ein bisschen der alte MTV Spirit wieder auf?

Johannes: Also der Sender MTV spielt ja quasi keine Rolle mehr und ist auch mittlerweile PayTV. Aber das Label MTV Unplugged ist noch immer geil: Anfang der 90er war das als junge Band das Tor zur großen, weiten Welt. Wo man Nirvana und Pearl Jam sehen konnte. Wir haben uns deshalb auch echt gefreut, als wir gefragt wurden. Das stand auf unserer Bucket-List schon noch weit oben! Haben dann natürlich auch sofort ja gesagt. Dann haben wir uns ein halbes Jahr Gedanken gemacht und ca. drei Monate geprobt…

Sind die Proben von MTV Unplugged wirklich so der Wahnsinn, wie immer alle sagen?

Johannes: Ja, puh. I tell you, das kannst du dir nicht vorstellen!

Kristoffer: Das war für uns als Band wohl die intensivste Probephase! Teilweise sind wir auch echt an unsere Grenzen gekommen – da mussten wir über unseren Schatten springen. Aber es hat sich gelohnt! Im März ist dann die große MTV Unplugged Tour, da sind wir dann auch in Wien, und das wird die größte Revolverheld-Tour werden, die wir bis jetzt hatten. Nennt sich „MTV Unplugged – Revolverheld in drei Akten“, wir haben da unglaublich Bock drauf, weil’s für uns mal was anderes ist. Wir waren jetzt jahrelang mit E-Gitarren unterwegs und haben das akustisch jetzt mal ganz anderes umgesetzt.

Sänger Johannes Strate, ich, Conchita Wurst (leider nur die Karton-Version) und Gitarrist Kristoffer Hünecke.

Sänger Johannes Strate, ich, Conchita Wurst (leider nur die Karton-Version) und Gitarrist Kristoffer Hünecke.

Herausforderungen sind ja was gutes!

Johannes: Ja, macht halt Bock. Wir haben ja auch keine Lust, jedes Mal das gleiche Album zu machen. Sonst langweilst du dich irgendwann so unendlich, dass du einfach keinen Bock mehr hast. In Probephasen fragt man sich dann schon „Wieso spielen wir den Scheiß nicht einfach mit der Akustikgitarre runter?!“, aber wenn du das Endergebnis dann hörst, dann hat sich der Stress echt gelohnt.

Seit 13 Jahren seid ihr jetzt schon eine Band: Was sind so eure Strategien, damit ihr euch gegenseitig nicht auf den Sack geht?

Johannes: Haha! Naja, dieses Jahr war einfach so eine Freude, wir haben so viele gute Konzerte gespielt, da geht man sich nicht auf den Sack. Aber jeder braucht halt seine Auszeiten, wenn man sich diese Pausen nimmt, kann man auch gut zusammen auf Tour gehen. Was ist das eigentlich für eine Handyhülle…?

Eine mit rosa Kätzchen drauf, hab’ ich von meiner Schwester. Die heißt übrigens Emilia – dein Sohn heißt Emil, hab’ ich gelesen? Das bringt mich jetzt gleich zum nächsten Thema…

Johannes: Ach, jetzt kommen die Fragen für „Woman Online„, oder? Das hab’ ich mir schon gedacht!

Haha, du hast recht! Ich wollte das anfangs eigentlich ganz offiziell ankündigen, so „Und nun: Die Fragen für Medium XY!“, aber hab’ mich dann doch für die subtile Variante entschieden…

Johannes: Na gut, dann leg’ mal los!

(Was wir so über Johannes’ Privatleben geplaudert haben, erfährt ihr hier 😉 )

Auf eurer Facebook-Seite sieht man ja gleich mal ein großes „Refugees Welcome“-Banner. Eindeutiges Statement!

Johannes: Aus aktuellem Anlass ist das Thema ein ziemlicher Hype geworden, was viele kritisieren. Aber ich find’s gut, dass das endlich bei der breiten Masse angekommen ist! Dass sich Leute dadurch profilieren oder sich ein Shirt kaufen, weil sie es als Accessoire sehen, sind vielleicht die falschen Beweggründe, aber das Geld geht trotzdem an Pro Asyl. Und bevor die Leute ihre Klamotten jetzt wegwerfen, spenden sie sie. Wichtig ist, dass das nicht in drei Monaten vorbei ist. Das ist das Thema der nächsten zehn Jahre, da können wir uns alle schon mal überlegen, was wir dafür machen wollen. Sei’s eine Stunde Fußballspielen oder Monopoly, oder man hilft beim Behördengang ein Formular zu übersetzen! Es gibt wahnsinnig viel zu tun. Und wenn du ein bisschen in der Öffentlichkeit stehst, so wie wir, ist es noch wichtiger, Stellung zu beziehen.

Kristoffer: Ich seh das fast als Verpflichtung an, dass man sich da äußert. Vor allem, wenn man in der Öffentlichkeit steht! Es ist echt gefährlich, dass sich unsere Generation denkt „Mir gehts doch gut, Politik ist mir eigentlich egal und alles, was nicht direkt vor meiner Haustür passiert, ist mir auch egal“ – Naja, es passiert aber jetzt genau vor der Haustür und es ist jetzt an der Zeit, was zu machen und die eigene Komfortzone zu verlassen!

Gab’s negative Reaktionen auf euren „Refugees Welcome“-Support?

Johannes: Selten, wir hatten das „Refugees Welcome“-Banner auch als Backdrop auf der Bühne hängen, bei einem Konzert hab’ ich mal eine längere Geschichte erzählt und da sind dann eben 5.000 Menschen die sagen „YAY!“ und zwei schütteln den Kopf – da geht dann auch eine Diskussion los im Publikum, was natürlich super ist! Auch, wenn du was postet, gibt’s immer ein paar, die blöd kommentieren…

Kristoffer: Das ist auch die große Gefahr des Internets! Je anonymer das Ganze wird, desto mehr Menschen gibt’s, die sich da sicher fühlen und ihre Hetze rausposaunen. Wir haben mal ein Video für „Bayern 3“ gemacht und in den Kommentaren war echt 80 % negatives Feedback! Ich bin dann auf ein paar Profile gegangen und das waren immer irgendwelche Pseudonyme.

(c) Instagram Johannes Strate

(c) Instagram Johannes Strate

Kann man von euch auch demnächst eine Joko und Klaas-Aktion erwarten?

Johannes: Wir haben da eher anderes geplant, in Hamburg sind wir an einer großen Sache mit anderen Musikern dran, mal schauen, ob das hinhaut…

So, wie in Wien das Konzert mit Bilderbuch und den Toten Hosen?

Johannes: Ja, genau!

Kristoffer: Wir versuchen, wo immer wir Öffentlichkeit haben, ein Statement zu setzen. Johannes hatte zum Beispiel bei der Starnacht in der Wachau auch ein „Refugees Welcome“-Shirt an…

Johannes: Ja, das gucken nämlich sicher viele mit einem noch etwas antiquierteren Gedankengut! Gab’ auch ein paar im Publikum, die den Kopf geschüttelt haben.

What?!?

Kristoffer: Ja, ich glaub’ auch, je mehr man aufs Land kommt, desto „normaler“ wird dieses Denken empfunden. Die Leute kochen da in ihrem eigenen Saft dahin und gucken nicht über den Tellerrand.

Cool, so politisch engagiert hätte ich euch gar nicht eingeschätzt, muss ich jetzt ehrlich sagen.

Johannes: Mittlerweile kann man schon sagen, dass wir das sind, oder? Wir wollen zwar echt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger herumlaufen, aber bei diesem Thema geht’s vielleicht nicht anders. Man kann über vieles diskutieren, aber die Grenzen dicht zu machen und zu sagen „F*** euch, verreckt doch!“ ist einfach das Allerletzte. Und da gibt’s keine zwei Meinungen dazu!

Kristoffer: Viele denken das Thema ja auch gar nicht weiter: Das kann für einen Staat auch eine Chance sein! Wir hatten in den 50er/60er Jahren ja auch eine große Zuwanderung durch die Gastarbeiter und was resultierte daraus? Ein Wirtschaftswunder!

Johannes: Das denkt die Merkel eben auch gerade. „Oh, die Syrer, die sind ziemlich gut ausgebildet!“

Kristoffer: Wir können jetzt zeigen, dass Österreich und Deutschland weltoffen sind.

© Tim Kramer

© Tim Kramer

Ihr wohnt ja alle noch in Hamburg, oder? Wie sieht’s bei euch mit den Wohnheimen für Flüchtlinge aus?

Johannes: Bei uns ist es so, dass das Lager mitten in der Stadt, in der Messe, eingerichtet worden ist. Da sind mittlerweile 1.200 Flüchtlinge untergebracht. Das ist Deutschlands Bilderbuch-Projekt: Die wurden mit offenen Armen empfangen. Die Messehalle wurde sofort frei gemacht und über Facebook wurden immer Aufrufe gestartet: „So, jetzt brauchen wir Schuhe!“, am nächsten Tag waren dann tausende Schuhe da. Das hat dann sogar schon so gut funktioniert, dass Aufrufe wie „Männer T-Shirts in Größe M!“ oder „Socken in den Größen 39-41!“ super funktioniert haben. Alles war immer sofort da. Die Supermarktkette „Budni“ hat sogar Regale freigeräumt, mit allem, was man im Heim benötigte. An der Kasse konnte man dann eben eine Flasche Shampoo bezahlen und die haben das dann gesammelt direkt an die Messe überstellt. Nach der ersten Woche hatte jeder der 1.200 Flüchtlinge ein komplettes Erst-Ausstattungspaket zusammen. Mittlerweile werden die Spenden sogar weiter nach Hannover weiter geschickt, weil alles da ist, was benötigt wird. Und auch bei der Freizeitgestaltung: Die haben Fußballspiele und sogar einen Kinderchor organisiert, haben sie auf Konzerte eingeladen, waren an der Elbe baden und Pommes essen, haben ein riesiges BBQ mit 3.000 Leuten organisiert – unglaublich! Auch so Aktionen, dass man in Cafés einen Kaffee mitbezahlen kann und wenn ein Flüchtling reinkommt, bekommt der direkt einen umsonst, das ist einfach großartig. Funktioniert vielleicht auch deshalb so gut, weil St. Pauli ein sehr linksliberaler Stadtteil ist.

Kristoffer: Das zeigt einfach, dass es geht! Und auch, dass viele kleine Maßnahmen einen großen Effekt haben. Man hat da gedanklich oft so eine Vorstellung, dass man sein ganzes Leben jetzt umkrempeln müsste und dadurch werden die Leute unbeweglich, obwohl es gar nicht viel bedarf, um zu helfen.

Johannes: Die große Frage ist halt, wie wird das jetzt in zwei Jahren sein…?

Kristoffer: Schön ist, dass das alles jetzt wirklich so schnell passiert ist. Aber was jetzt politisch auf dem langen Weg passiert: Integrationsmaßnahmen, EU-Absprachen, die getroffen werden müssen, weil es einfach auch nicht geht, dass zwei oder drei Länder den Flüchtlingsstrom auffangen und die anderen kümmern sich nicht darum, da wird man sehen…

Johannes: Ja, so auf die Art „Prima, dass ihr euch kümmert, bei uns können sie mal schön durchreisen. Dublin-Abkommen? Nie gehört!“

Kristoffer: Wir sind da alle gefordert. Es ist jetzt echt an der Zeit. Wählen gehen, für die Richtigen wählen, für die richtigen Programme einstehen.

Jep… Hm, sehr interessantes Gespräch, mit den Herren aus Hamburg! Bedanke mich vielmals dafür! 

Johannes: Hahaha, danke dir! Viel Spaß beim Transkribieren, haha!

Das MTV Unplugged Album ist am 9.10 bei Sony erschienen, hier kann und sollte man reinhören. Ab März sind die Jungs auf Tour: MTV Unplugged Tour – „Revolverheld in drei Akten“, die größte Revolverheld-Tour bis dato. Ticket’s gibt’s hier!

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2 Gedanken zu “Das Schmuserock-Image täuscht: Revolverheld sind tough. Vor allem beim Thema Asyl.

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