Smartphone-bedingte Gesprächspausen.

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Ich sitze im Café Europa. Ziehe an meiner Parisienne, sicher schon die fünfte oder sechste. Ich rauche schnell, es gibt ja sonst nicht viel zu tun. Der Weißwein schmeckt schal, aber einem Drei-Euro-Wein kann man das verzeihen. Mir gegenüber sitzt mein Date: 26 Jahre jung, dunkelhaarig, extrem hübsch, erfolgreich – arbeitet in der Unterhaltungsindustrie. Er gefällt mir, optisch. Aber die Art und Weise, wie er den Spagat zwischen angeregter, fast ekstatischer Unterhaltung (es geht natürlich nur um ihn) und Handy-Spielerei versucht, törnt mich ab.


Wenn sein Gesicht nicht gerade im Schein seines iPhones weiß leuchtet und ich jede einzelne Falte und Akne-Narbe bewundern kann, legt er sein Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch. Diese Geste soll wohl ungeteilte Aufmerksamkeit suggerieren, in Wahrheit ekelt mich aber einfach nur der Gedanke daran, wie er das angesaute Weißwein und Asche beschmierte Display dann wieder an sein Gesicht halten wird, wenn er telefoniert. Vor allem deshalb, weil ich mit seinem Gesicht noch so einiges vor hatte, eigentlich.

Ich entschuldige mich kurz und verschwinde aufs Klo. Während ich mir meinen Weg durch die verrauchte Bar bahne, fühle ich mich beobachtet. So fühlt man sich immer, in diesen Zollergasse-Bars. Aber ich mag’s trotzdem. Das Europa, das ist abends kein Platz, an dem man ewig bleiben will, obwohl man ewig bleiben wird. Hier kommen Menschen her, um Spritzer mit anderen Menschen zu trinken, die ihnen wurscht sind und denen sie wurscht sind. Die Hochburg der Unverbindlichkeit. Manchmal komme ich hier her um zu essen. Am Nachmittag ist es nett, viel ruhiger, der Vibe ist anders. Im Vorbeigehen streift mein Blick die anderen Gäste, jeder hat sein Telefon am Tisch liegen. Finger wandern zum „Home“-Button. Blaue und grüne Sprechblasen erscheinen auf den Displays und versichern „Du bist wichtig! Du bist beliebt!“. Sofort umschließen die gierigen Händchen das Gerät. Daumen tippen wie ferngesteuert auf dem schmutzigen Glas. Die Gesichter leuchten. Der Gegenüber schaut in die Luft, zieht an einer Zigarette, es gibt ja sonst nicht viel zu tun. Please hold the line. Der Moment ist ruiniert, die Nachricht verschickt, das Handy liegt wieder (nun mit dem Display nach unten, schließlich möchte man ungeteilte Aufmerksamkeit suggerieren) am Tisch. Gleicher Schmutz, anderes Gesicht. Man möchte sich lieber nicht darauf setzen.

Vielleicht wäre es jetzt auch ok, wenn man bei Tisch ein Buch lesen oder einen Brief schreiben würde. Man verzeiht sich gegenseitig, wenn man einander kurz ausblendet. Du bist zwar wichtig, aber warum sollte ich mich mit dir allein begnügen, wenn ich auch andere haben kann? Und andere, das sind viel mehr als du. Mehr ist immer besser. Du allein, das ist nicht genug. Griff zum Smartphone. Eskapismus. Warte kurz, ich bin gleich wieder da. Muss kurz was klären, kurz mal mein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit befriedigen.

Ich kehre an den Tisch zurück, das Gesicht meines 26-jährigen Dates leuchtet hell. Die fünf Minuten, in denen man nichts zu tun hat, weil der Gesprächspartner ausfällt, das ist schließlich wertvolle Zeit, die man mit dem Durchscrollen des Newsfeeds verschwenden sollte, anstatt sich neuen Gesprächscontent zu überlegen oder netterweise noch eine Runde zu bestellen. Eigentlich ist es Unsicherheit, ich weiß. Ich mache es nicht anders. Er sieht mich, das Handy liegt wieder am Tisch, Display nach unten. Wir rauchen noch eine Weile. Unsere Zigaretten qualmen im Aschenbecher vor sich hin, wir können sie deutlich voneinander unterscheiden, ein Kranz aus rotem Lippenstift ziert den Filter meiner Parisienne. Ich kaue an meinem Zeigefingernagel, er redet immer noch von sich selbst. Mir fällt auf, dass er mir noch keine einzige Frage gestellt hat. Das obligatorische „Hey, wie geht’s?“ nach dem obligatorischen Links-Rechts-Begrüßungs-Bussi zählt nicht.

Der Monolog dauert noch einige Zeit, ich nicke an den richtigen Stellen, ansonsten denke ich daran, dass ich daheim noch einen Artikel schreiben muss und dass meine Augen brennen. Ich drücke den „Home“-Button. Fünf WhatsApp-, vier Facebook-Nachrichten. Ich lese sie, nicke weiter an den richtigen Stellen, glaube ich, meine Antworten sind verzögert, meine Gedanken ganz wo anders. Ich lege das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch. Bin wieder da. Ich bemerke, dass er schöne Hände hat, aber ich sage es ihm nicht. Sein Ego dürfte auch ohne meine Komplimente auskommen. „Du, ich muss dann…“, sage ich. „Ja, ist schon spät.“, sagt er. Wir zahlen (getrennt) und gehen. Bussi links, Bussi rechts, „Wir sehen uns!“. Bis bald, am Sperrbildschirm.

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4 Gedanken zu “Smartphone-bedingte Gesprächspausen.

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  2. Das einzige, was ich bezweifle ist, dass das „Display unten“ Aufmerksamkeit zu suggerieren versucht- vielmehr verhindern, dass ein Blick auf den Grund der nächsten Gesprächspause erhascht wird.

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