„Es geht nicht um den Islam. Es geht darum, Verbrechen zu rechtfertigen. Aber wir haben keine Angst.“

Paris, Mai 2015. Ich bin zu Besuch in der französischen Metropole, die ich schon schmerzlich vermisst habe. Die französische Lebensart ist einzigartig, die Franzosen sind zwar verdammte Egozentriker, aber deshalb lieben wir sie ja. Ich besuche eine Freundin, die hier ihr Auslandssemester absolviert. An meinem ersten Abend sind wir zu einer Uni-Party auf einem Boot eingeladen. Trotz meiner unbändigen Vorfreude bin ich müde von der Anreise, ich fühle mich kränklich und meine Laune ist am Tiefpunkt. Während sich sämtliche Erasmus-Studenten fröhlich dem Jägermeister und dem Schmusen hingeben, beklage ich meine klebrigen Schuhe und die kaputten Plastikbecher, aus denen wir billigen Vodka trinken. Ich gehe an Deck, stehe in der Ecke, beobachte das Treiben. Ich male mir aus, wie ich zuhause eine Tasse Tee trinken, und die Ausstellungen raussuchen werde, die ich die nächsten Tage unbedingt besuchen will.

Plötzlich steht ein junger Typ von mir, Anfang 20. Er fragt mich, ob ich eine Zigarette habe. Wir kommen ins Gespräch, reden über Studium, Arbeit und Hemingway. Zwischen all den besoffenen Studis wirkt er ziemlich exotisch, aber nicht nur deshalb, weil er halbwegs nüchtern ist. Sein Blick ist aufgeweckt, seine Worte wählt er mit besonderer Sorgfalt, seine Gedanken interessieren mich. Ein smartes Kerlchen. Solche Begegnungen hat man nur selten im Leben, denke ich: Begegnungen, bei denen man weiß, dass sie einen verändern werden. Gabriel und ich sind an diesem Abend Freunde geworden, wir hören regelmäßig voneinander. Seit gestern ist Paris im Ausnahmezustand. Sieben, fast zeitgleiche Anschläge stürzten die Stadt erneut ins Chaos. Eine Stadt, die sich noch von den „Charlie Hebdo“-Anschlägen vor elf Monaten erholt. Vier Explosionen vor dem Fußballstadion Stade de France, ein Massaker mit über 100 Toten in der Konzerthalle Bataclan und fünf weitere Anschläge haben die Stadt am empfindlichsten Punkt getroffen: nämlich in ihrer Leichtigkeit und lebensbejahenden Einstellung. Und das zu einer Zeit, in der es vielen an Leichtigkeit und lebensbejahender Einstellung fehlt.

Dieses Bild habe ich nach den

Dieses Bild habe ich nach den „Charlie Hebdo“-Anschlägen am Place de la Republique aufgenommen. Es zeigt Beileidsbekundungen von Menschen auf der ganzen Welt. Paris ließ sich nicht unterkriegen.

Gabriel ist 22 Jahre alt, er ist halb Spanier, halb Marokkaner, studiert an der ENSAE ParisTech, eine der renommiertesten Finanz- und Wirtschaftsschulen Frankreichs, und hat, soweit ich das sagen kann, wohl ziemlich gute Zukunftschancen. Nicht nur, weil er schlau und wortgewandt ist, sondern weil er sich nichts vorsagen lässt. Er zählt zu jenen jungen Menschen, die Vorurteile, Klischees und Halbwahrheiten satt haben, die sich selbst, politische Machtverhältnisse und Wertvorstellungen hinterfragen und die Welt in ihrer ganzen Komplexität erfahren wollen, ganz egal, wie schwierig das manchmal sein mag. Den Sommer hat er in Marokko verbracht: Eines Abends erzählte er mir mit, wie seltsam es sich manchmal anfühle, dort zu sein, weil Frauen oft noch schlecht behandelt werden würden und er mit dieser Einstellung einfach nichts anfangen kann. Ich sagte ihm, dass ich das auch nicht nachvollziehen könne, aber dass Veränderungen vielleicht manchmal Zeit brauchen und dass man geduldig sein müsse. Wir reden über Gleichberechtigung, ich starre so lange auf den Bildschirm, bis meine Augen brennen und ich müde werde, aber unsere Unterhaltung ist zu interessant, um sie zu beenden.

Gabriel ist ein guter Freund von mir. Er ist 22 und lebt in Paris.

Gabriel ist ein guter Freund von mir. Er ist 22 und lebt in Paris.

Als ich gestern das Fußballspiel sah und irgendwann klar war, dass es sich um Anschläge handelte, musste ich sofort an ihn denken. Ich fragte ihn, ob es ihm gut gehe. Es sei alles okay, meinte er, eigentlich wollte er ausgehen. „Das alles sieht geplant aus, es passiert so viel zur gleichen Zeit!“. Ich bat ihn, zuhause zu bleiben. Wir schrieben noch lange, ich schlief erst spät und nicht besonders gut, schaute immer wieder aufs Handy. Heute morgen, eine Facebook-Nachricht von Gabriel: „Die Menschen hier gehen ihrem normalen Leben nach. So, als ob nichts passiert wäre. Aber man fühlt, dass sich etwas verändert hat. Ein eigenartiger Mix aus dem Gefühl des Miteinanders und der Melancholie liegt in der Luft. Man hält Augenkontakt auf den Straßen, man lächelt sich an, um sich Mut zu machen. Ich habe keine Angst. Aber ich bin traurig.“ Eine Ausgangssperre wurde verhängt, Gabriel hat den restlichen Tag zuhause verbracht. Ich bin froh, dass es ihm gut geht.

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Leute, in den nächsten Tagen werden uns wieder viele Vollidioten das Newsfeed vollmüllen und die Meinung verbreiten, die Anschläge wäre der Flüchtlingsbewegung anzukreiden oder dem Islam im Allgemeinen. Auf keinen Fall dürfen wir diesen Konflikt nun auf dem Rücken jener austragen, die die letzten Monate und Jahre schon so viel mitgemacht haben: Die Terrorvereinigung „Islamischer Staat“, die sich in einem vermeintlichen Bekennerschreiben zu den Attentaten vom 13. November bekannt hat, ist ja genau der Grund, warum Menschen aus dem Osten zu uns flüchten. Vielleicht stimmt es, vielleicht bringen sie Konflikte nach Europa, mit denen wir uns vorher noch nicht konfrontiert sahen: Aber ganz ehrlich – wir hier in Mitteleuropa sollten am besten wissen, was Fanatismus bedeutet. Wir haben es am Faschismus gesehen, wir wissen, was er anrichtet. Und genau deshalb haben wir die Pflicht, uns in dieser Situation besonnen zu verhalten. Die Terrorvereinigung IS mag sich zwar auf den Islam berufen, aber sie würde auch ohne religiöse Bekundungen Gründe finden, um ihre fundamentalistischen Ideologien und die daraus resultierenden Verbrechen zu rechtfertigen, meint Gabriel. Seine französischen Freunde haben Bedenken geäußert, man fürchte sich vor möglichen Vergeltungsanschlägen auf muslimische Einrichtungen. Aber der Islam, der hat damit nichts zu tun. Und dass nicht jeder Muslim radikal ist, das zeigen junge Menschen wie Gabriel. Menschen, die für Gleichberechtigung und Toleranz stehen. Es ist traurig, das überhaupt sagen zu müssen, aber wird man das in nächster Zeit wohl immer wieder betonen müssen. Dieses Kampfes darf man nicht müde werden. (Ein paar gute Argument, mit denen man sich gegen banale, rechte Kommentare wehrt, habe ich übrigens hier für euch zusammengefasst.)

Wie Augenzeugen aus dem Bataclan berichteten, der Veranstaltungsort, an dem es zu dem unglaublichen Massaker an Konzertgästen gekommen ist, waren die Täter maximal 25 Jahre: „Es ist eben viel leichter, junge Menschen zu manipulieren. Sie sind naiv, sie tun, was ihnen gesagt wird. Sie suchen Anschluss und eine Bestimmung. Diese Verletzlichkeit wurde von den Falschen erkannt. Von jenen, die das nun für ihre Zwecke ausnutzen. Man bindet die Menschen an die Organisation, indem man ihnen sagt, Teil von etwas Großem zu sein. Es ist die totale Hirnwäsche…“, meinte Gabriel vorhin. Damit hat er recht. Ich fragte ihn, ob er glaube, dass jetzt Krieg herrscht – der Meinung ist zumindest die französische Presse. „Krieg ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Ich weiß nicht, was jetzt passieren wird, man kann das auch schwer in Worte fassen. Vielleicht muss sich jemand einen neuen Begriff für diesen Wahnsinn ausdenken…“ Ich sage ihm nochmal, dass er auf sich aufpassen soll. Er tippt. Kurz darauf die Nachricht: „Danke nochmal, dass du dir Sorgen machst. Ich wäre gestern vielleicht wirklich noch ausgegangen… Wir wollten es einfach nicht wahrhaben.“

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