Farbe bekennnen.

In welcher Zeit leben wir überhaupt? Offensichtlich in einer, in der ein eingefärbtes Profilbild weitaus diskutabler scheint, als Fotos und Videos von Opfern: Denn der Shitstorm, nachdem die BILD ein Foto des Blutbads im Bataclan online stellte (nein, ich werde das hier bewusst nicht verlinken), blieb wider meiner Erwartungen aus. Ziemlich abgebrüht, liebe westliche Zivilisation!

Was hier online passiert, ist eine verdammte Schweinerei. Sich darüber zu echauffieren, dass Menschen Mitleid, Respekt und Solidarität zeigen, ist ein Armutszeugnis für euren Verstand und eine Schande für die Menschheit. Denn das, was euch überhaupt erst menschlich macht, ist euer Mitgefühl, euer Verständnis für einander und die Tatsache, dass euch eben nicht egal ist, was andere jetzt durchmachen müssen. Mal ganz davon abgesehen, dass der Terror-Akt vom 13. November, bei dem 129 Menschen getötet und über 300 verletzt wurden, ein Verbrechen war, das uns allen gegolten hat. Korrigiert mich, wenn ich mich irre: Aber Menschlichkeit, die brauchen wir doch jetzt mehr denn je?

Dieses ignorante Verhalten ist zutiefst beschämend. Und damit meine ich nicht, dass jetzt jeder sein Profilbild tricolorisieren muss: Aber eine Debatte darüber loszutreten, wer denn jetzt ein Recht auf Mitgefühl hat und wer nur ein „Tragödien-Hipster“ ist, ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Mitgefühl ist nicht etwas, was man quantifizieren kann. Es ist ein Gefühl, das andere in schweren Zeiten signalisieren soll „Ich denke an dich und es tut mir leid, dass du das erleben musst.“. Sicher, ein gewisses Maß an Selbstprofilierung wird unbestreitbar sein. Aber im Gegensatz zu herzlosen Kommentaren tut das eben niemandem weh. Vermutlich sind diese dümmlichen, unüberlegten Aussagen nicht mal Ausdruck besonderer Boshaftigkeit, aber sie zeigen, dass viele den Ernst der Lage nicht begriffen haben. Geht es uns so denn gut, dass wir wie betäubt vor unseren MacBooks sitzen, die Bilder von blutüberströmten Menschen über uns ergehen lassen und uns dazu nichts anderes einfällt als „Alter, wenn du jetzt dein Profilbild einfärbst, bist du ein ziemlicher Heuchler!“? Man möchte euch Ignoranten ganz fest drücken, euch übers Kopferl streicheln und sagen, „Ich weiß, dass dich dein Newsfeed überfordert. Die Welt ist böse. Das wird schon wieder.“, aber Hinschauen muss jetzt leider jeder. Auch ihr.

Es geht nicht darum, Opferzahlen abzuwiegen – jedes Opfer des Terrors ist ein Opfer zu viel. Es geht jetzt um unsere Religions- und Meinungsfreiheit, um die Demokratie, um Zusammenhalt und um die europäischen Werte. Darum, dass wir unsere Freiheit (daher auch das Recht, in Cafés und Restaurants zu sitzen und Musikveranstaltungen zu besuchen, ohne Angst um das eigene Leben haben zu müssen – so einfach lässt sich Freiheit nämlich definieren) verteidigen werden. Also bekennt gefälligst Farbe – auch, wenn ihr es nicht durch eure Profilbilder tut.

P.S.: Für alle, die jetzt „Da müsste ich ja jede Woche mein Profilbild ändern, es passiert so viel Schlimmes überall auf der Welt!“ ins World Wide Web rufen: Auf der Website rainbowfilter.io könnt ihr Flagge bekennen –

für jedes Land.

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