Die Heimkehr der Stadtkinder

Wenn Stadtkinder über die Weihnachtsfeiertage in ihre ländliche Heimat zurückkehren, ist das für die Familie ein ziemliches Spektakel. Der verlorene Sohn/die verlorene Tochter ist wieder da! Im Gepäck: Coole Geschenke („… sowas bekommt man bei uns ja nicht!“), coole Geschichten („…das hab’ ich von der letzten Reise!“) und coole Attitüde („Thomas Sabo ist kein Designer, Oma…“). Ganz ehrlich: Immer, wenn ich nach Oberösterreich fahre, fühle ich mich die ersten Tage wie ein verdammter Fremdkörper in einem System, das mich am liebsten sofort wieder auskotzen würde.

Es hat schon etwas gedauert, bis ich mich nach der Landflucht mit meiner grauen Heimatstadt versöhnt habe. Sicher auch deshalb, weil abgefahrene Jesus-Pullis nicht als Spaß, sondern als angehende Geisteskrankheit missinterpretiert werden. Verdammte Spießbürger. Naja, was soll’s, die paar Tage, das überleb’ ich schon irgendwie. Ich nehme mir vor, viel zu lesen, zu schreiben, mich mit Ableton zu beschäftigen und Detox zu machen. Guter Plan, ja. Im Bus nach Oberösterreich versuche ich mich weihnachtlich zu stimmen, hab’ eine Spotify-Playlist zusammengestellt, auch wenn „White Christmas“ nicht wirklich zum frühlingshaften Wetter passt. Ich blicke aus dem Fenster, sehe die funkelnden Lichter der Stadt an mir vorbeiziehen. Irgendwo zwischen Linz und Braunau geht die Sonne unter, der Himmel über der gottlosen Einöde färbt sich feuerrot. Sieht irgendwie bedrohlich aus, aber auch geil. Ich schlafe ein und wache kurz vor Braunau auf.

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Zuhause angekommen werden erst mal Küsschen verteilt, Haustiere geherzt und die Joggingshose aus dem Koffer gekramt. Das heimgekehrte Kind lässt sich von allen Seiten abschmusen, aber der intime menschliche Kontakt verschreckt es zu Beginn etwas. So viel Nähe ist das Kind nicht mehr gewöhnt, und überhaupt, wer küsst einen bei einem gehauchten Links-Rechts-Bussi denn wirklich auf die Wange?! Brauche etwas Zeit zum Akklimatisieren.

Der erste Familienkrach lässt nicht lange auf sich warten, es geht natürlich um eine Belanglosigkeit wie dem Schmücken des Christbaums. Ich bestehe darauf, dass die 13-jährige Schwester dem Familienritual beiwohnt, die ist aber in einem Alter, in dem man es nicht so hat, mit Familientraditionen. Sollte ich eigentlich am besten wissen, bin aber trotzdem eingeschnappt. Zu meiner Zeit war das noch alles anders. Ich drehe Wham voll auf, trinke den picksüßen Lebkuchenlikör aus der Flasche, Weihnachtsfeeling, wo zur Hölle bist du?! Naja, in Weihnachtsstimmung kommt man eh nicht mehr, seitdem man kein Kind mehr ist. Überhaupt, so ganz ohne Schnee. Alles Beschiss. Ich sitze auf dem Sofa und führe einen Monolog über die schier unendliche Unfairness des Lebens, über die Trostlosigkeit des Erwachsenwerdens und wie wichtig Familienrituale sind. Meine Mama müht sich währenddessen mit dem Christbaum ab, nickt geduldig und ich weiß, sie hört mir gar nicht zu und ist verdammt genervt von meinem Drama. So ist das eben, wenn man wieder daheim ist. Mit einem Schlag ist man wieder 16.

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Ich mache Tinder an, mal schauen, wer noch so daheim ist, von den ehemaligen Schulkollegen und Gspusis. Es ist schier unglaublich, wie viele unheimliche Prolos mich mit „Superlike“ markieren, holy moly. Ich matche den ein oder anderen Bekannten, einfach aus Höflichkeit, wische unzählige, vor aufgemotzten VWs posierende Typen beiseite. Nein, ich schicke sicher keine Bikini-Fotos durch die Gegend!

Die diversen Weihnachtsessen sind ein Kampf. Die drängenden Fragen der Tanten und Omas, die wissen möchten, wann denn nun endlich mit Nachwuchs zu rechnen sei und sie das Hochzeits-Porzellan aus dem Keller holen können, treiben mich in den Wahnsinn. Wir schreiben das 21. Jahrhundert, verdammt! „Aber wenn du vor 30 heiratest, passt das eh!“ Schluck. Schreck. „Ahm, ich weiß‘ gar nicht, ob ich überhaupt…“ Ich ermuntere mich zu innerer Gelassenheit. Ruhig Blut, Sinah. Die Zeiten haben sich geändert, deine Uroma kapiert das mit 90 nicht mehr. Lass’ es. Ich grinse, stopfe mir Brokkoli in den Mund um nichts falsches zu sagen und nicke. „Mach ich, Oma.“ Gut so, braves Mädchen. Da kommt schon der nächste Angriff: „Warum hast du eigentlich Weihnachtsdeko im Gesicht?“ Ich blicke dem Cousin in die großen, blauen Kinderaugen und blinzle demonstrativ. Dabei fällt Glitzer von meinen Wimpern auf die Röstkartoffel. „Einfach so.“ Das reicht wohl als Begründung, du kleiner Fratz. Hab‘ mal etwas mehr Respekt vor den Älteren! Man sitzt nach dem Essen noch ein bisschen zusammen, ich ertrage noch die ein oder andere Spitze gegen meinen Gesichtsglitzer, danach geht jeder wieder seiner Wege. Bussi, war schön euch zu sehen, bis nächstes Jahr.

Der 25. Dezember ist im benachbarten Schland-Dorf immer die Nacht des Frustablassens. Da ist der einzige Club in der Gegend und man geht fort, um sämtlichen Ärger über beschissene Geschenke, Beziehungen und nervige Familienfeiern in billigem Fusel zu ertränken. Ich freue mich darauf, alte Bekannte zu sehen und alte Feinde, bin bereit für billiges Vodka Bull in Plastikbechern, für grotesken Bass-Sound und unterirdische Tanzmoves, für postpubertäre, pickelige 17-Jährige, die sich und ihre weißen Adidas am Parkplatz ankotzen. Irgendwo in diesem Chaos werde ich mich amüsieren, ich bin fest entschlossen. Hab’ ich mit 18 ja auch geschafft. Mag sein, dass sich Geschmack und Vorstellung darüber, was tanzbare Musik ist, vielleicht verändert haben, aber irgendwie wird das schon lustig werden… Schon beim Anblick der prolligen Neon-Schrift über dem Eingang, eben jener kotzenden 17-Jährigen und der wasserstoffblonden Mädchen in hautfarbenen, glänzenden Feinstrumpfhosen, wie sie sich vor dem Eingang die Plattfüße in den Deichmann-Ballerinas abfrieren, vergeht mir die Lust. Ich kann das nicht mehr. Ich seufze, kann mich nicht motivieren, aus dem Auto auszusteigen und drehe letztendlich um. Es ist schon OK, so. Meine Zeit hier ist vorbei, ich räume das Feld für die jüngere Generation. Möge euch eure Fortgehzeit hier ewig in Erinnerung bleiben. Auf das ihr niemals einen Sentimentalen bekommt, wenn ihr euch falsche Wimpern angeklebt habt und euren Eltern ins Auto kotzt! Adieu, Kids!

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Tag 5. Ich fange an, die Anonymität, die Arroganz und Unfreundlichkeit der Stadt zu vermissen. Wildfremde Menschen grüßen mich auf den Straßen, ich habe Angst, warum tun sie das. Was treibt eigentlich die Facebook-Gemeinde? Aha, die postet Fotos von Strommasten, Nebelfeldern und kahlen Bäumen, „Home sweet home!“ schreit es mir entgegen. Ihr seid wohl auch alle so im Zwiespalt wie ich. Ich bin froh, mit meinem Gefühlscocktail nicht allein zu sein. Klappe den Mac zu, schaue in den Garten. Nichtstun fühlt sich komisch an, ich fühle mich nervös, bin es nicht gewöhnt, nichts zu machen.

Beim abendlichen Spaziergang mit dem Hund ertappe ich mich selber beim Fotografieren eines Strommastens. Sieht halt schön aus. Unglaublich, dass kahle Landschaften und Strommasten nach ein paar Jahren in der Stadt sogar etwas Exotisches an sich haben. Ich genieße den Sonnenuntergang, die Ruhe und merke, wie angenehm sich Abstand vom hart erarbeiteten, setzkastenartigen Leben manchmal anfühlt. Immer funktionieren, immer wissen, was wie wo läuft. Ich atme tief ein, mein beschissener, psychosomatischer Stresshusten der letzten Monate ist endlich besser geworden. Nicht alles hier war gut. Aber auch nicht alles hier war schlecht.

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Aus dem Plan, die Feiertage zum Detoxen zu nutzen, wurde nichts, eh klar. In meinen Adern fließt mittlerweile Lebkuchenlikör, Sekt und zäher Bratensaft, ist mir aber alles egal, Abstand von Tofu-Bagles, Rote-Rüben-Smoothies und Fashion Parties war mal nötig. Yuppie-Detox quasi. Am sechsten Tag traue ich mich sogar ohne Schminke und in meiner Pusheen-Pyjamahose zum Bäcker, ich rufe wildfremden Menschen auf der Straße ein strahlendes „Grüß Gott!“ zu. Macht man hier einfach so. Jaja, das macht das Landleben aus dir: Ein fröhliches, wildfremde Menschen grüßendes, ungeschminktes Ungetüm. Aber dafür ein entspanntes.

„Hast du die Feiertage überlebt?“, fragen mich die Bekannten, die längst wieder in ihre Großstädte geflüchtet sind. „Klar!“, sage ich. Der Weg von Schweinsbraten zu Truthahn zu Bratapfel und wieder zurück ist ein beschwerlicher. Aber nichtsdestotrotz wird man ihn wieder gehen, Jahr für Jahr. Man wird ein paar Pullover, Socken, Unterhosen und die Waldviertler in den Koffer schmeißen und sich auf den Weg in die Einöde machen. Man wird die zahllosen Fragen nach Studium, Job und Boyfriend über sich ergehen lassen, sich die gut gemeinten Ratschläge und Kommentare zum eigenen Outfit anhören („Wenn ich gewusst hatte, dass das wieder modern wird, hätte ich das nicht weggeworfen!“) und brav dabei lächeln. Man wird die antrainierte Coolness ablegen und den BH, man wird ungeschminkt durch’s Elternhaus rennen und anfangen, die Heimat wieder liebzuhaben. Einfach weil man da her kommt und weil Yuppie-Nonchalance auch nicht alles ist.

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8 Gedanken zu “Die Heimkehr der Stadtkinder

  1. Pingback: Die Heimkehr der Stadtkinder | isabellehner

  2. Dein Post gefällt mir gut! So manches kommt einem bekannt vor, wenn man an Weihnachten oder auch sonst in die Heimat fährt =). Leider finde ich aber manche Ansichten aber auch sehr abgehoben bzw. von oben herab betrachtend. Aber das scheint nur meine Wahrnehmung deiner Einstellungen zu sein =).

    Und anscheinend gibt es die Tradition von der ländlichen Disko, an denen alle am 24. hingehen nicht nur in meiner Heimat =).

    • Hey Alex!
      Cool, das freut mich 🙂
      Ja, da geht’s uns allen wohl ähnlich – lustig!! Und gut, dass du das sagst: Dass sich der Text stellenweise abgehoben liest, liegt sicher mehr an meiner überspitzten Formulierung als an meiner tatsächlichen Einstellung 🙂
      Ich hoffe, du hast die Feiertage genossen und bist gut ins neue Jahr gerutscht!
      Alles Liebe!

      • Ja, das kann sein =). Ich bin grad im Zug zurück nach München und da war dein Text grad sehr interessant. Ich wünsche dir natürlich das gleiche und viel Erfolg bei eventuellen Uni-Prüfungen (Sitze hier grad vor den Unterlagen und muss mal wieder zugeben, dass die Feiertage nicht zum Lernen genutzt wurden) Alles Liebe zurück =)

      • Ahh, na dann wünsch ich dir eine gute Heimreise und ganz viel Erfolg bei deinen Prüfungen 🙂 Hast recht, dir mal eine ordentliche Auszeit zu gönnen. Muss auch mal sein! Werde mich heute nach der Arbeit auch noch hinter die Bücher klemmen, puhh…
        Herzliche Grüße!

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