Warum mir Diplomatie manchmal unglaublich am Arsch geht

Manchmal kommt man in Situationen, in denen man Dinge nicht so sagen kann, wie man sie gerne sagen würde. Das kann verschiedene Gründe haben, einer davon ist sicher, dass man glaubt, mit Diplomatie mehr zu erreichen. Man weiß ja nie und überhaupt, „eine Hand wäscht die andere“, „don’t burn your bridges“ und so Mist. Mir fällt sowas manchmal sehr, sehr schwer. Weil ich gerne offen über Dinge rede und es auch gut finde, wenn andere das tun. Möglich ist das aber leider nicht immer. Weil Diplomatie eine Sau ist.

Mein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit hat mir schon im Kindergarten nicht immer nur Gutes beschert. Die kleine Assel Mario, die mich immer mit Bauklötzen vermöbelt hat und der ich dann ganz in Ruhe erklären wollte, dass es nicht cool ist, wenn man anderen Menschen weh tut. Oder später, die Tussis in der Schule, die sich immer lauthals über unfaire Benotung aufgeregt haben und als ich dann den Lehrer damit konfrontiert habe, hat jeder geschwiegen. Classic. Oder wenn Leute gemobbt wurden, ich mich auf deren Seite gestellt habe und dann plötzlich selber zum Außenseiter wurde, sich aber dann keiner auf meine Seite gestellt hat, als ich gemobbt wurde. Kids können echte Arschlöcher sein. Und das wird auch im späteren Leben nicht anders. Ich habe aber immer geglaubt, dass man für die Dinge, an die man glaubt, kämpfen muss und klar sagen sollte, wenn man glaubt, dass Ungerechtigkeiten passieren. Auch wenn man sich damit angreifbar macht und selber zur Zielscheibe wird.

Viel geändert hat sich ja nicht. Außer dass die Arschloch-Kinder von damals jetzt Anzüge tragen und bei Bussi-Links-Bussi-Rechts-Veranstaltungen von ihren stressigen Jobs faseln und man nett zu ihnen sein muss, weil man entweder ein schlechtbezahltes Praktikum in ihren Unternehmen macht oder sonst irgendwie verbandelt ist. Im übertragenen Sinne geben die uns halt noch immer auf die Fresse, aber eben nicht mehr mit Porzellanpuppen und Bauklötzen. Jetzt muss man diplomatisch sein, alles, was man sagt, drei Mal überlegen, durchdenken. Das fällt mir oft schwer, weil ich mir denke, „Alter, sag‘ doch einfach, dass du das jetzt Scheiße findest, sag‘ was du willst!“. Dann weiß ich manchmal nicht, ob die anderen verlogen sind oder ich unfähig. Und genau das hat mich dazu gebracht, eine hohes Maß an Wurschtigkeit demgegenüber zu kultivieren, was andere von mir halten, was mich gegen Angriffe innerlich fast immun macht (try me!).

„Ach, du verblendeter Jungspund! Wenn man erwachsen wird, dann darf man eben nicht mehr alles sagen, was einem durch den Kopf geht!“, meinst du? Klar, man lernt, dass Diplomatie und Pragmatismus die Welt regieren. Ich bin zwar sicher keine, die wahllos Menschen ans Bein pisst, aber ich bin immer so schnell mitgenommen und furchtbar frustriert, wenn Ungerechtigkeiten passieren, Menschen diskriminiert oder unfair behandelt werden. Und das spreche ich dann auch an.

Sicher, ein bisschen Diplomatie ist wichtig, unerlässlich, wenn man unterschiedliche Standpunkte verstehen und sich selber nicht völlig ins Aus schießen will. Man muss mit Menschen kommunizieren, um ihre Meinungen, Sorgen und Ängste überhaupt nachzuvollziehen und dann vielleicht zu einem Konsens kommen zu können. Aber fuck, es ist so schwer. Manchmal will ich schreien und kotzen gleichzeitig, weil Ungerechtigkeiten so deutlich sind und diplomatisches Verhalten sooo zach sein kann. Aber man wird im Leben noch öfter in Situationen kommen, in denen man sich augenscheinlich unterordnen muss und Dinge nicht so unverblümt und ehrlich sagen kann, wie man gerne würde. Man hat dann genau zwei Optionen: Entweder man fügt sich. Oder man sagt sie einfach trotzdem und scheißt auf Diplomatie. Keine Ahnung, ob das irgendwas einfacher macht – aber ich kann mich dafür immer noch im Spiegel anschauen.

 

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