Warum Fitnessstudio kein Hobby ist – Ein Plädoyer für Freizeitaktivitäten

Arbeit ist dieses Netz, das sich irgendwann über jeden von uns legt und uns einerseits Sicherheit und Struktur bietet, andererseits jede einzelne Knospe Individualität abzwickt. Allerdings nur, wenn man sich selbst aufgibt und anfängt, sich nur über die Arbeit zu definieren. Ein Plädoyer für das Hobby und ein Hassbrief an die kognitive Monokultur.

Nach „Wie heißt du?“ kommt laut Smalltalk-Knigge „Was machst du so?“. Das behaupte ich jetzt einfach mal so. Also verifizieren muss das jetzt jeder für sich, aber ich denke, man wird zum selben Schluss kommen, wenn man kurz das eigene Gesprächsverhalten reflektiert. Dieses „Was machst du so?“ ist jenes Vielleicht-Vielleicht-Auch-Nicht-traurige Indiz dafür, wie sehr wir mit unserem Arbeits-Ich verschmelzen. Vielleicht kann das auch so sein, weil viele Jobs die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung bieten, aber vielleicht sollte es nicht so sein. So viele Vielleichts in nur zwei Sätzen. Eines ist noch zumutbar: Vielleicht sollte man anfangen, sich auch noch über etwas anderes als den Job zu definieren.

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„Blasen Sie Geld schnell“, würde Google jetzt übersetzen. In Wahrheit blicken wir in das von zerfressene Dorian Gray-Gesicht des Kapitalismus. Und das mitten im Wiener Vie I Pee.

Folgende Szene: Ein PR-Event in 1010 Wien. Der schlacksige Typ, mein momentaner Gesprächspartner, rückt seine Andy Wolf-Brille zurecht und näselt vielleicht sowas wie, „Ich schreibe für dieses und jenes Magazin“ oder „Ich mach’ PR für Soundso PR“ glaube ich, ich kann es deshalb nicht mehr genau sagen, weil diese Antworten meistens ähnlich sind, jeder irgendwas mit PR oder Schreiben macht, die Gäste dieser Events bilden ja meist eine recht homogene Gruppe. Ich nicke, murmle „Cool!“ in meinen Weißwein, wir sind mitten im Networking-Game, in dem ich mich gar nicht so wohl fühle, wie immer alle glauben. Abgesehen davon frage ich mich: Warum gehen eigentlich alle immer automatisch davon aus, dass mit „Was machst du so?“ der 38,5-Stunden-Brötchenjob gemeint ist? Warum sagt niemals jemand, „Ich male“, auch wenn man damit weder ein Glas Spritzwein im Celeste, geschweige denn die Miete finanzieren könnte? Ist und macht man in den Augen einer Gesellschaft denn tatsächlich nur das, was quantifizierbar ist?

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„We found love in a hopeless place!“, aber leider keine echten Hobbies.

Ich habe mal gelesen, dass Menschen im 20. Jahrhundert bei dieser Frage nicht mit ihrem Job, sondern mit ihrem Hobby geantwortet haben. Also auf „Und du so?“ wurde nicht mit „Elektriker“ geantwortet, sondern zum Beispiel mit „Ich singe im Chor“. Interessant und irgendwie auch nachvollziehbar, schließlich hat sich die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung durch einen Beruf im 20. Jahrhundert noch ziemlich in Grenzen gehalten. Aber die Grenzen wurden eingerissen, unser Workplace ist heute auch der Ort, an dem wir über unser Privatleben reden, Arbeit wurde zur Referenz des Seins und mehr noch: zur Legitimierung.

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Manche gehen wandern, andere sind Seemänner in Hamburg und singen an Wochenenden am Fischmarkt. Wenn das kein gutes Hobby ist.

Deshalb wurden hipstereske Begriffe wie „Work-Life-Balance“, die stets negativ konnotiert über die spitzen Lippen von Konzernbossen tänzeln, erfunden, von denen, abgesehen jener esoterisch angehauchten PsychologInnen, die wirklich dafür plädieren (vielleicht aus gutem Grund), keiner so genau weiß, wofür sie stehen. Also, man hat schon so viel Life in seiner Work, dass die Balance dann ein ganz anderes Gegengewicht liefern muss? Oder die Beziehung von Work-Life ist in Wahrheit ein Worklife und braucht deshalb Balance? Man kann nur raten.

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Gefangen im Netz der Verbindlichkeiten. Metaphorisch.

Jedenfalls, auch wenn das jetzt fürchterlich sarkastisch klang: Ich bin mir sehr sicher, dass an dieser Work-Life-Balance was dran ist. Ich bin aber auch der Meinung, dass diese Balance nicht dadurch erreicht wird, indem man sich nach einem anstrengenden Arbeitstag mit einer Tüte Chips vor den Fernseher knallt. Professor Dr. Ulrich Reinhardt ist Zukunftswissenschaftler und leitet die „Stiftung für Zukunftsfragen“ die 2015 herausgefunden hat, dass das beliebteste Hobby das Fernsehen ist. Von 100 Befragten gaben 97 % an, dass Fernsehen ihre liebste Freizeitbeschäftigung ist. Gefolgt von Radio hören, Telefonieren und Internet. Übrigens: Seit 1986 ist Fernsehen schon auf Platz 1 der Lieblings-Hobbies in Deutschland. Faszinierend. Meistens sind Medien die Nutznießer dieses Eskapismus, der ja zweifelsohne einer der Gründe dafür ist, dass Menschen lieber glotzen, als sich mit ihrer Familie zu beschäftigen (Danke dafür, aber auch Tschuldigung).

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Manche Menschen finden basteln und Dekoscheiß entspannend. Ich gehöre dazu. Links im Bild: Stickbild von mir, mit Saufmotiv (Irony intended).

„Fitness-Junkies hassen diesen Artikel!“, denn ich muss es einfach sagen: FITTI IST KEIN HOBBY. Das monotone Pumpen und Keuchen und Prusten, das aus den von Weed und Zigaretten geteerten Lungen junger Menschen pfeifft, ist ein Tool der Selbstoptimierung. Und wenn sich Size-Zero-Mädchen die luftigen Zara-Blusen mit Couscous vollpatzen, um ein ganz leichtes Abendessen für sich und ihren Honey zuzubereiten, mit der Intention, jenes zubereitete Mahl sofort auf Instagram posten zu können, ist Kochen auch kein Hobby. Sondern Selbstinszenierung. Saufen und Koksen zählt auch nicht als Hobby. Sorry Schickeria. … Was machen wir eigentlich sonst noch so?

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Saufen ist leider kein Hobby, zumindest kein gutes. Betrunken im Volksgarten Busen-Selfies zu machen, ist auch kein Hobby, glaube ich, wobei, ich würde es gerne etablieren.

 Ich meine eben die Art von Hobby, bei der man sich richtig zum Affen macht, aber man macht es, weil es lustig ist und man sich wieder wie ein kleines Kind fühlt. Ich zum Beispiel habe als Kind immer wahninnig gern Verkleiden gespielt und ich glaube, das hat eigentlich nie aufgehört (Menschen, die mich häufiger sehen, werden das bestätigen). Ich habe es geliebt, in Rollen zu schlüpfen. Ich bin dann stundenlang durchs Haus und durch den Garten gejagt und habe mir vorgestellt, wie ich Frollo aus Glöckner von Notre Dame bekämpfe (ich hatte ein Original Esmeralda-Outfit, ein Tamburin und ein Schwert, kein Scheiß) und für die Rechte der Zigeuner kämpfe (ich zitiere hier nur das Buch, man vergebe mir die politische Inkorrektheit). Krass politisch. Die Zeit ist wie im Flug vergangen und es war eine ganz eigene Welt, aus der ich dann auch immer wieder ein bisschen herausfinden musste, aber ich habe mich in der Schule immer schon darauf gefreut, heimzukommen und wieder zu spielen. Wie ist das heute so?

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„Es geht stetig abwärts!“ – Eine Rolltreppe aus Hamburg berichtet über ihren Arbeitsalltag.

Ich kenne einige Menschen, die klettern. Diese Menschen verabreden sich an den Wochenenden mit ihren Kletter-Freunden und fahren irgendwo hin, um irgendwo raufzuklettern. Finde ich toll. Einige zeichnen oder malen. Ich mache das nur dann, wenn ich hochgradig depressiv bin. Dann male ich ganze Zeichenblöcke voll, wasche aber nie die Pinsel aus, das verlängert die Dauer bis zur nächste Depri-Phase, weil ich Pinselauswaschen einfach hasse. Manche meiner Bekannten machen Musik. Einige davon mit mir. Ich finde, das ist ein schöner Ausgleich, tut mir persönlich auch sehr gut. Einfach mal Gefühle in Worte und diese Worte in eine Melodie packen, Bier zu trinken und stundenlang kopfnickend zu der immer gleichen Endlosschleife nicken, bis man irgendwann den Akkord findet, der perfekt passt. Das ist wie Puzzle, nur mit Noten. Manchmal fließen die tollsten Songs auch einfach so aufs Papier, das ist dann ein großartiger Moment. Ich kann gar nicht beschreiben, was das für ein Gefühl in einem auslöst. Wenn ich am Abend zuvor Musik gemacht habe, fühle ich mich am nächsten Tag viel ausgeruhter, auch dann, wenn ich bis spät in die Nacht an irgendwelchen Songs gefeilt habe. Ich weiß dann, dass ich, abgesehen von meinem Job, den ich meistens großartig, wenn auch sehr anstrengend finde, noch irgendwas Anderes bin. Ich habe Substanz, bin nicht nur die Arbeitskraft, ein Rädchen in einem System, in diesen paar Stunden bin ich einfach ich, ohne jemand anders sein zu müssen. Und dabei geht es gar nicht darum, dass ich besonders gut darin wäre, ein Instrument zu spielen: Ich kann höchstens ein bisschen singen (wen’s interessiert, hier geht’s zu Soundcloud), spiele aber weder Klavier noch Gitarre – und tu es trotzdem.

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Dieses Bild ruft „Entspannung pur!“. Man möchte sich in dem angebissenen Donut verkriechen und dieser vermeintlich perfekten Idylle hingeben. Aber wahre Hobbies sehen trotzdem anders aus.

 Ich frage mich, ob Menschen, deren einzige Abendbeschäftigung nach einem anstrengenden Arbeitstag das Fernsehen oder Internetz-Surfen ist, diese Gefühle auch verspüren, außer beim Sex oder beim Essen. Fakt ist nämlich: Eine Abendbeschäftigung macht glücklich, zwar auch müde, aber in einem guten Sinne. Die Vermeidung von Freizeitstress ist kein Argument,  um kein Hobby zu haben, finde ich, denn wer nicht ständig Raubbau mit seinen eigenen Energiereserven betreiben will, muss abends eben manchmal den Arsch hochkriegen und andere Hirnregionen beanspruchen, als in der Arbeit. Und so, wie man das bei Partnern sagt, sagt man das auch bei Hobbies: Für jeden gibt’s das passende.

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Nachdem die Welt offenbar sowieso ein Pudel ist, mach einfach irgendwas. Hauptsache irgendwas.

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5 Gedanken zu “Warum Fitnessstudio kein Hobby ist – Ein Plädoyer für Freizeitaktivitäten

  1. Eigentlich traurig, dass „Was machst du so“ sich heutzutage nur noch auf den Job bezieht. Allgemein wissen wir meistens von Menschen zuerst den Job und dann, nachdem wir ihn in eine bestimmte Schublade gesteckt haben, erfahren wir mehr. Oder halt nicht. Ich beobachte so oft, dass Menschen sich nur noch über den eigenen Beruf definieren.

  2. Nachdem ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, bin ich nun auf der Suche nach einem neuen Hobby. Keine Ahnung, was meine neue abendfüllende Beschäftigung sein kann. Ich hoffe sehr, dass ich diese irgendwann entdecke, denn wie du sagst, so etwas befriedigt ungemein und neben dem Job noch etwas anderes herausforderndes zu machen, tut Kopf und Seele gut.

    Viele Grüße
    Stephie

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