Fit für den Sommer

„Mach‘ dich jetzt fit für den Sommer!“, schreit es mir in der Trafik entgegen. Die Getty-Images der Stars und Models auf den Hochglanzmagazinen zwinkern mir zu und versprechen mir, dass auch meine Fettpölster in reine Muskelmasse verwandelt werden, wenn ich dieses Magazin kaufe. Garantiert. In 10 Tagen.

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Das Duckface ist SO WAS VON OUT! Tadaaaaaaaa, InTouch zeigt, wie der trendige #FishGape funktioniert.

Mit eingezogenen Wangen („Fish Gape“ nennt man das, anscheinend), eingezogenem Bauch und mit dickem Schmollmund starren sie mich an, die Coverstars. So auf die Art, „Warum bist du nicht schon längst im Fitnessstudio, du dickes Ding!“. Der freundliche erste Eindruck, den die Magazine hinterlassen wollten, damit ich sie aus dem Regal befreie und kaufe, er war nur Show. Die Headlines prangen neonfarben und in All Caps. „10 kg in nur 10 Tagen!“,  „100 Übungen für den perfekten Beach-Body!“.

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Als medienaffine Bloggerin und Redakteurin widme ich mich täglich den neuesten Trends in Sachen Diäten und Beauty. Von meiner Recherche wird, bloggergetreu, ein Foto im Bett geschossen. Hot Dog Legs und T-Rex Hand inklusive.

Ich stelle mir vor, wie die Redakteurinnen dieser Magazine hämisch lachend in ein Snickers beißen, während sie sich diese Überschriften ausdenken. Wie diese 100 Übungen funktionieren sollen, haben sie zuvor intensiv auf YouTube recherchiert. Ich beiße in meine Käsleberkässemmel und sage „Eine Schachtel Parisienne, bitte“ zur Trafikantin. Ich mustere die Dame, die um die fünfzig und recht beleibt ist. Sie interessiert sich, glaube ich, nicht so sehr für 100 Fitnessübungen, die ihre Körpermasse in 10 Tagen in Beach-Body-Form bringen zu können versprechen. Ich lege ihr einen Zehner hin, nehme die Ware, zähle das Wechselgeld und lasse sie mit ihren gemeinen Magazinen allein.

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„Einmal in meinem Leben möchte ich eine Praline essen!“, denkt sich das Tumblr-Mädchen, bevor es sein langes Haar vor der unglaublichen Kulisse eines Sonnenuntergangs schüttelt, die Falten ihrer Hotpants glatt streicht, sich in eine Amerika-Flagge wickelt, davon ein Foto macht und „DON’T DREAM YOUR LIFE, LIVE YOUR DREAMS!“ auf das Bild schreibt.

Beim Heimgehen denke ich nach. Darüber, ob ich vielleicht auch wieder öfter ins Fitnessstudio gehen sollte, schließlich ist bald Sommer. Ich werfe das Papier meiner Leberkässemmel in den Mistkübel, wische meine fettigen Finger am Hosenboden ab. Mir ist ein bisschen schlecht. Daheim schalte ich den Mac ein und google „BMI“. Ich errechne, dass ich mit einem BMI von etwa 20 habe, bei 54 kg und 1,63 Körpergröße, Normalgewicht also. Normalgewicht. Wie langweilig! Kann ich bitte irgendwas Aufregendes, Cooles haben? Irgendwas, das „Selbstzerstörung!“ und „Ich habe Probleme!“ ruft und andere Menschen dazu bringt, mir mit gedämpfter Stimme Fragen zu meinem Wohlbefinden zu stellen?

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In meiner Freizeit koche ich gern leckere Rezepte aus Magazinen nach. Dazu gönne ich mir einen köstlichen Erfahrungsbericht zum Thema „Wie ich am besten essgestört werde“.

Ich google „thinspiration“. Mir werden lauter sehr dünne Mädchen gezeigt, die Löcher da haben, wo andere Menschen einen Oberschenkel haben. Ich ziehe mich bis auf die Unterwäsche aus und stelle mich vor den Spiegel, um zu schauen, ob ein Thigh-Gap auch demnächst bei mir möglich wäre. Ich komme zu dem Entschluss, dass ich kein Loch im Oberschenkel habe, das macht mich kurz ein bisschen traurig. Mein Körper ist so gewöhnlich. Plötzlich erscheint eins der dünnen Thinspiration-Mädchen auf meiner Schulter, wie ein kleiner böser Dämon. „Du wärst so viel cooler und glamouröser, wenn du eine Essstörung kultivieren könntest! Schau‘ nur  mich an! Ich muss nicht essen, weil ich dem Drang widerstehen kann. Du bist schwach, fett und hässlich! Hahaha!“ und sie klappert mit ihren Knochen und zeigt mir stolz ihren Thigh-Gap, ihre eingefallenen Wangen und ihre Bikini-Bridge und schüttelt ihr schütter gewordenes Haupthaar während sie das sagt. Ich überlege kurz. „Hm, ja, liebes Pro-Ana-Mädchen, vielleicht hast du recht…“ Mir gefallen dünne Menschen.

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Nicht so dünn wie Lena Meyer-Landrut, aber wenn ich noch genügend Instagram-Accounts abonniere, die mir einen skinny Lifestyle vorleben, wird das schon.

Aber Menschen mit Essstörungen nerven mich, weil sie selber dauernd übers Essen reden und anderen gierig auf die Teller schauen, im Restaurant. Oder ständig Menschen bekochen, ich glaube, sie wollen ihre Mitmenschen mästen, während sie selber stolz dasitzen, mit ihrer coolen Essstörung, und das super finden, dass alle fett werden, außer ihnen. Ich weiß schon, dass eine Essstörung nicht nur Vorteile hat. Man kann sich zum Beispiel nicht mehr konzentrieren, wenn man nichts isst, man hat keine Kraft und wird auch ein bisschen komisch, so von der personality her. Das weiß ich noch, von mir damals. Ich kann nicht nachdenken, wenn ich tagelang nichts esse und wenn man dann nachdenkt, denkt man ans Essen. Das ist furchtbar anstrengend und nervt.

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Schnell, schnell! Vorm Urlaub noch eine harte (aber faire!) Crash-Diät machen, damit die Dreadlocks besser wirken.

Ich drehe mich vor dem Spiegel hin und her und versuche, mich von dem zu distanzieren, was ich soeben gesehen habe. Also objektiv in einer subjektiven Situation zu sein. Ich mag meinen Busen. Und meinen Bauch und meinen Po. Ich mag meine Silhouette und dass ich so weiße Haut habe. Ich glaube, ich bin genau das Gegenteil vom derzeitigen Schönheitsideal. Und genau das bringt mich manchmal dazu, mich selbst zu hassen. Dieser Selbsthass stresst mich dann so dermaßen, dass ich dann manchmal bewusst nicht für’s Wochenende einkaufen gehe, damit ich kein Essen daheim hab‘, oder ich mich freue, wenn mein Magen knurrt, weil mir dann nicht schlecht werden kann, vor Stress, und ich nicht kotzen muss, weil eben nichts in meinem Bauch ist. Vielleicht sollte ich das mal als Tipp an die Pro-Ana-Mädchen schicken, die würden sich sicher freuen. Aber ich bin froh, dass dieser Selbsthass dann irgendwann wieder verfliegt. Ich bin auch froh, dass mir das als Teenie irgendwann zu lästig wurde. Vielleicht will ich eben doch nicht soo dringend dünn sein. Manchmal, wenn ich alleine bin und mir nicht zum Spaß nach „Pro-Ana“ im Internet suche, finde ich mich sogar ganz okay. Ich bin dann ganz bei mir, fast zufrieden (sofern das als Gen-Y überhaupt möglich ist). Dann frage ich mich eher, was mit den Medien-Leuten nicht stimmt, die solche Headlines texten.

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Nicht perfekt, aber sollen doch die anderen.

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4 Gedanken zu “Fit für den Sommer

  1. Hallo Sinah,
    ich bin voll zerrissen, wenn ich diesen Blogeintrag lese.
    Ich raff mich grad selber aus so einem Essstörungswahnsinn und hab im letzten Monat einen Sprung bezüglich Selbstliebe und Glücklich Sein gemacht, von dem ich nicht geglaubt hätte, dass er möglich ist.
    Und wenn ich eben deinen Eintrag lese, find ich’s einerseits voll cool, dass du dich in gewisser Weise öffnest und ein bisschen einen Einblick gibst, in den schrägen Scheiß, der da so in den Köpfen vieler abgeht und das Essen zum Problem machen kann.
    Und andererseits hab ich voll ein komisches Gefühl, weil du schreibst, dass du dem derzeitigen Schönheitsideal nicht entsprächest (yay, Konjunktiv!) und absichtlich kein Essen fürs Wochenende kaufst, und das klingt immer noch nicht so heil.
    Und das alles triggert bei mir halt sauviel, weil ich diese Scheißgedanken einfach so gut kenne und so hasse, und es mich auch nervt, dass du einerseits die tollen Magazinleute verurteilst, weil sie so nen Blödsinn verzapfen und dann wieder den Blödsinn selbst reproduzierst.
    Ich hab bei mir gemerkt, dass ich aus diesem Kreislauf rauskann, auch wenn ich mir das nicht hätte vorstellen können. Und dann ist alles so viel geiler und schmeckt hundertmal besser und es geht einfach um wirkliches leben und nicht darum, irgendwie auszusehen dabei. Und da verstört mich dann halt dein Eintrag ein bisschen, weil’s für mich so wirkt, als ist da noch Luft nach oben von dem her.
    Dein letztes Foto ist für mich nämlich ein „thigh gap“-Foto – das mein ich mit „den Blödsinn selbst reproduzieren“. Und ich könnt mich wieder in diese dämliche Welt begeben und jetzt meine Oberschenkel anglotzen, die sich im Stehen berühren, und mir wieder irgendeinen Scheiß einreden.
    Da entscheid ich mich dagegen und schreib dir stattdessen hier einen Kommentar hin.

    Ich hoff, du verstehst was ich meine und wenn nicht, ist das vielleicht einfach nur ein wichtiger Teil meines eigenen Prozesses hier drunterzuschreiben 🙂

  2. Auch wenn es so wäre, würde dir nie jemand abnehmen, dass du ernsthaft glaubst, du wärst das Gegenteil des aktuellen Schönheitsideals (jeder kennt das Gegenteil, es sieht anders aus, sehr anders; da müsstest du schon unter einer ziemlich verqueren Selbstwahrnehmung leiden).

    Als Profi-Selbstdarstellerin, die immer mit ihrer Körperlichkeit in einer absolut zeitgeistigen Ästhetik kokettiert, wird so ziemlich jeder deine Ablehnung eben dieser Ästhetik lediglich für gespielte Pose halten. Und deshalb wirkt der Post auf mich entweder nicht (ganz) echt oder er ist Beleg dafür, dass dich diese medial vermittelte, oberflächliche Selbstbeschäftigung fest im Griff hat.

    …aber die Bilder sind schön.

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