Wann hört dieser Fashion-Konsumwahn endlich auf?

Mode ist eine großartige und wichtige Ausdrucksform und jeder, der behauptet, Kleidung wäre nur was für oberflächliche Blogger-Tussis, der verkennt die offensichtliche, unmittelbare Botschaft, die man mit dem eigenen Äußeren in die Welt schickt. Ob Minimalismus-Hipster oder H&M-Girly: Wir sollten anfangen, darüber nachzudenken, was unser Aussehen die Umwelt eigentlich kostet. Weil nichts nachhaltiger ist, als Second Hand: Ein Plädoyer für ein bisschen mehr Hirn beim Shopping.

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Ich stehe vor den gläsernen Schiebetüren einer großen Textilkette und atme tief ein. Über dem Shop prangen vier Letter in All Caps. Sie leuchten hell, wie die Haut der alabasterweißen Schaufensterpuppen in der Auslage. Ein paar Teenager-Mädchen zwängen sich an mir vorbei. Eine schreit, „Schau, hier gibt’s HIGH-WAIST HOSEN!!!“. Meine Mama würde lachen, sie hat letztes Jahr alle ihre High-Waists entsorgt – ich hab’ innerlich ein bisschen geweint.

„You want it, you buy it, you forget it“: Wem ging’s nicht schon mal so, wenn man sich das fünfte Plain-Shirt kauft, das man eigentlich nicht braucht. Jedes Mal, wenn ich einen dieser Shops besuche (und das passiert nicht oft, außer wenn ich neue Unterhosen oder Strumpfhosen brauche), möchte ich kotzen. Es riecht nach Formaldehyd und nach Schweiß. Staub, überall so viel Staub. In den Umkleidekabinen rennen die „Sales Advisor“ und „Department Manager“ hektisch herum (verpasst man diesen Scheiß-Jobs möglichst hochtrabende Bezeichnungen, damit die armen StudentInnen glauben, sie hätten irgendeine wichtige Funktion in diesem Chaos?), sie tragen weiße Handschuhe, damit die spitzen Haken der Kleiderbügel ihnen nicht die letzten Hautfetzen von den Händen reißen. Ich habe es mir anders überlegt, ich will doch nichts probieren, muss dringend raus hier. Danke, Tschüss. Ich kann nicht atmen, mir graust. Vor diesem Konsumwahn, dem irren Blick der Leute, vor den Klamotten, die lieblos am Boden liegen, Make-Up beschmiert. Fashionistas hetzen von einem Präsentationstisch zum nächsten, sie suchen nach Carmen-Blusen, High-Waist Jeans, veganen Handtaschen (wir reden hier von Plastik) und Flatforms, die sind anscheinend gerade in. Sie und ich wissen, dass diese Teile, für die sie hier Unsummen ausgeben, bald in den hintersten Ecken ihrer Schränke landen werden. Wieder ein Teil zum Schlafshirt oder Fitnessstudiogewand degradiert.

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Komplett-Look: willhaben.at

Ich flüchte auf die Mariahilfer Straße. Junge Frauen mit flottem Schritt und weniger flotten Half Buns rennen an mir vorbei, an ihren Handgelenken baumeln Einkaufstüten, anhand derer ich ihre Shopping-Route exakt nachverfolgen kann. An ihren Füßen leuchten die Stan Smiths in kitschigem Neu-Weiß und strahlen jene Unverbrauchtheit aus, die Sneaker immer ausstrahlen, wenn man sie noch nicht oft getragen hat. Ich sehe mir die Schaufensterpuppen in ihren Off-Shoulder-Blusen, High-Waist Jeans und Sandalen an, dahinter die Werbung mit dem hübschen Model, die in ihrem sommerlichen Blümchenkleid lässig an einer Wand lehnt. Mittlerweile weiß ich, dass das alles Show ist.

Marken wollen verkaufen. Und zwar nicht nur ihre Produkte, sondern auch Illusionen. Illusionen, von denen sie glauben, dass wir sie leben wollen, dass wir genau so sein wollen, wie die Mädchen auf ihren Plakaten. Ich kenne diese Branche mittlerweile ein bisschen und habe mich sattgesehen. Ich weiß, dass für ein Werbebild mindestens ein/e StylistIn, ein Make Up Artist, ein/e FotografIn, ein/e DesignerIn, ein/e Art DirectorIn, ein/e ProduktmanagerIn und viele, viele PR- und Marketing-Menschen beteiligt sind, viele von ihnen schwer unterbezahlt und überarbeitet. Diese Kette reicht bis nach Bangladesch oder eben dort, wo Klamotten für wenige Cents Produktionskosten teilweise unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt werden. So ist sie, die Modeindustrie: Sie verkörpert eine riesengroße, verdammte Lüge. Und trotzdem kann sich ihr kaum einer entziehen.

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Komplett-Look: willhaben.at

Ja, klar, man kann dieses System leicht kritisieren – andererseits bedeutet dieses System unzählige Jobs und das darf man nicht ignorieren. Aber ich frage mich, wie eine Industrie guten Gewissens den immer gleichen Mist reproduzieren kann, der vor Jahren längst produziert wurde: Stichwort Vintage. Dieses Jahr sind z.B. die 60er und 70er in unsere Kleiderschränke zurückgekehrt. Und das ist ja auch legitim, Mode kopiert sich selbst, muss ihren eigenen Mythos töten, um weiterleben und sich entwickeln zu können. Aber brauchen wir wirklich 12 Kollektionen pro Jahr, vier Schlussverkäufe und riesige Konzerne wie Inditex, um uns zu kleiden?

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In der Modeindustrie läuft verdammt viel falsch und damit meine ich jetzt ausnahmsweise nicht das total absurde Körperbild, dass viele Marken nach wie vor vermitteln. Letztes Jahr sind beim Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Sabhar mehr als 1000 Menschen ums Leben gekommen, über 2000 verletzt. Das Gebäude war illegal aufgestockt worden und ist in sich zusammengefallen, wie ein verdammtes Kartenhaus. An unseren Körpern klebt das Blut dieser Näherinnen. Und das alles dafür, dass wir dem „Sommer-Trend: Carmen-Blusen!“ nacheifern können?

Natürlich muss man sich fragen, was die Alternative für die TextilarbeiterInnen wäre: Vielen von ihnen bliebe nur ein Leben auf der Straße, die Jobs in den Textilfabriken gelten als angesehen. Zahlreiche Frauen aus den Provinzen pilgern in die Städte, um in den Fabriken Arbeit zu finden. Zu fordern, dass man Textilproduktion wieder gänzlich nach Europa verlagern sollte, würde bedeuten, dass wir die „Schwellenländer“ (was für ein überhebliches, beschissenes Wort) vom Globalisierungsprozess ausschließen und ihnen so die Chance auf den Aufbau ihrer eigenen Wirtschaft nehmen würden. Es ist ein Teufelskreis. Armer, reicher Westen, du bist mal wieder in einer sehr ziemlichen Zwickmühle, nicht?

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Wichtig ist, dass KonsumentInnen endlich anfangen, Verantwortung zu übernehmen. Der Wind scheint sich zu drehen: Begriffe wie Slow Fashion und Nachhaltigkeit beim Kleidungskauf rücken mehr und mehr ins Bewusstsein. Auch die großen Konzerne versuchen, es besser zu machen: So versuchen Zara, H&M und Benetton bis 2020 laut Greenpeace-Report auf schadstofffreie Textilproduktion umzurüsten. Gut so. Nicht jeder kann sich teure Öko Mode oder zumindest Mode, die fair produziert wurde, leisten.

Aber es gibt auch andere Alternativen: Second Hand gilt mittlerweile als absolut salonfähig – und das ist eben die nachhaltigste Art zu Shoppen. Kein Verschleiß an Rohstoffen, kein zusätzlicher Energieaufwand. Wie wäre es also, wenn du dein Boho-Kleid, die Lederjacke, die Fransentasche oder die Ray Ban einfach mal auf Second Hand-Plattformen suchst…? Du wirst dich wundern, in welch gutem Zustand du Produkte aus zweiter Hand kaufen kannst, z.B. auf willhaben.at. Hier findet man neben Immobilien, Autozeugs und Möbel wirklich coole Klamotten und Accessoires (und großartige Vintage-Pieces! Ein Hoch auf alle Omas und Mamas, die ihren Kleiderschrank ausmisten und wahre Schätze verhökern!) und es gibt so ziemlich genau das, was in jedem anderen Modehaus angeboten wird. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Teile schon mal von irgendwem gekauft wurden. Man findet übrigens nicht nur Vintage-Zeugs, sondern auch sehr viele, neuwertige Produkte. Noch ein Grund mehr, es mal zu versuchen.

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Komplett-Look: willhaben.at

Aber: Die übliche plakative Aufmachung, die dich dazu bringt, dir ein Teil zu kaufen, fehlt. Normalerweise führen Modelbabes vor, wie die perfekt drapierten und gestylten Teile am Körper aussehen sollten – und wir machen uns wahnsinnig, weil wir genau so aussehen wollen. Na, immer noch der Meinung, dass Werbung dir nichts anhaben kann? Beim Second Hand Shopping muss man suchen, die eigene Fantasie spielen lassen, es ist ein bisschen wie eine Schatzsuche. Klar, es erfordert auch ein bisschen Übung, die wirklich guten Pieces zu finden. Und man darf sich nicht ärgern, wenn man mal nicht fündig wird – aber drauf geschissen, einfach weitersuchen! Meine Taktik: Ich schaue mir zuerst an, wie viel ein Teil regulär kostet und vergleiche es dann mit dem Preis auf willhaben.at, ich erkundige mich über den Zustand bei den Verkäufern und wenn ich mir denke, dass ich etwas gefunden habe, was mir wirklich taugt, schlage ich zu. Täglich werden übrigens mehr als 80.000 neue Produkte online gestellt, die Verkäufer kommen aus ganz Österreich – das ist ein unglaublicher Fundus an Geschichten und verschiedenen Stilen! Shopping erhält so einen besonderen Charakter, finde ich. Auch wenn das jetzt super romantisch klingt: Das perfekte Teil muss dich finden, nicht umgekehrt. Es muss dir ins Auge springen, man muss sich denken „Ja, genau das!“, nicht „Hm, ich nehm’s mal mit“, was sowieso immer der beschissenste Grund ist, etwas zu kaufen, egal ob Second Hand oder nicht. Aber hier bestimmt keine Modewerbung, wer du bist oder sein sollst – du bestimmst, was du mit den Teilen machst, wie du sie kombinierst und trägst. Second Hand ist vielleicht eine Möglichkeit, Mode wieder zu dem zu machen, was es eigentlich sein sollte: Die individuellste Art, um der Welt zu zeigen, wer man ist – und das nachhaltig.

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Komplett-Look: wilhaben.at

 

 

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