Nicht perfekt, sondern Familie.

Das hier sind meine Eltern. Sie sind seit 27 Jahren zusammen und seit 16 Jahren verheiratet. Ich weiß, das klingt sehr romantisch, aber das ist es nicht immer.

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Wie in jeder Familie gibt’s auch in meiner immer wieder mal Stress. Aber Familie sein heißt, sich manchmal gegenseitig richtig am Arsch zu gehen – und einander trotzdem lieb zu haben. Und füreinander da zu sein. Auch dann, wenn mal wirklich fire on the roof ist.

Die letzten Tage war ich oft bei meiner Mama im Krankenhaus. Es ist komisch, wenn Eltern, die immer diese unbesiegbaren Superhelden sind, nicht ganz fit sind. Wenn sie Hilfe brauchen und wenn man selber nichts tun kann, außer da sein und fragen, ob man Rumkugeln ins Krankenhaus schmuggeln soll oder den Laptop zum Netflixen. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber man merkt dann einfach, wie vergänglich Gesundheit ist. Wie vergänglich wir alle sind. Solche Gedanken sind komisch und irgendwie blöd. Aber vielleicht auch wichtig.

Meine Eltern sind ziemlich früh Eltern geworden. ‚Zu früh‘ würde man heute vielleicht sagen. Sie hatten ‚wenig Zeit, sich auszuleben‘, ‚keine Zeit für Selbstverwirklichung‘ oder so, wenn man das von unserem heutigen Standpunkt aus betrachtet. Sie haben’s trotzdem gepackt und mir und meiner Schwester die schönste Kindheit gestaltet, die man sich nur vorstellen kann. Ohne viel Kohle und ohne dafür (für mich zumindest) bereit gewesen zu sein.

Ich hab die letzten Tage viel über diese Selbstverwirklichungs-Gen Y-Thematik nachgedacht. Über diese Schule-Gap Year-Uni-Erasmus-Praktikum-Job-Wohnung-Reisen-Beziehungsschleife, in die man sich blind eingliedert, ohne sich zu fragen, ob man das eigentlich so will. Man soll sich immer mit allem Zeit lassen. Lieber warten, vielleicht kommt noch was besseres. Lieber erst rausfinden, wer man ist. Ich glaube, wir alle wissen sehr gut, wer wir sind. Wir warten zu viel, tun zu wenig und lassen uns zu sehr vom Leben anderer blenden. Wir hören zu wenig auf unseren Bauch. Das Gras scheint woanders immer grüner zu sein. Aber das ist Blödsinn, ehrlich. Ich finde diese ganze Yuppie-Scheiße mittlerweile arg nervig, weil irgendwie jeder so unzufrieden und rastlos ist, trotz genügend Zeit und Möglichkeiten.

Dieses egozentrische Weltbild, das man sich da konstruiert, ist dämlich, irgendwie. Weil jeder manchmal jemanden braucht. Jemanden, der uns pflegt, der uns lieb hat, der da ist, der uns die Zweifel nimmt und dem wir alles geben können. Genau das sind die Menschen, die uns wichtig sein sollten. Die, die bedingungslos da sind. Nicht die Menschen, die uns das Gefühl geben, unvollständig zu sein, unperfekt und unzulänglich und denen man trotzdem nachläuft, weil man sie ‚cool‘ findet. Nicht die falschen Vorbilder, die falschen Freunde, nicht irgendwelche Typen oder Mädels, die sich mehr aus Spielchen als aus uns machen, nicht irgendwelche Facebook-Bekanntschaften.

Diejenigen, mit denen man ungeschminkt und ungekünstelt abhängen kann, mit denen man kocht, Musik hört, Filme schaut, die neben einem furzen und denen es scheißegal is, ob man dick oder dünn, reich oder arm ist, ob man 50 oder 50.000 Follower auf Instagram hat: Das sind die Menschen, die gut für uns sind.

Was ich sagen will ist (und man könnte es bestimmt eloquenter, schicker, kunstvoller sagen, manchmal sollten Worte aber halt einfach ihren Zweck erfüllen), dass wir alle jemanden brauchen, der uns so kennt, wie wir eben sind. Dem wir nichts vormachen können. Das Einzige auf dieser Welt, was wirklich wertvoll ist, sind unsere Beziehungen zu anderen Menschen.

Ich weiß, man kann das, was man hat, nicht immer schätzen. Alltag und so. Da versteckt man sich hinter Sonnenbrillen, unter Kopfhörern, hinter einer coolen Attitüde, hinter ‚Kann jetzt nicht, bin im Stress‘, hinter einem Haufen Bullshit, weil man glaubt, dass das eine Art Rüstung ist, die einen unverwundbar macht. Aber sie macht nicht unverwundbar – sondern einsam.

Deshalb sollten wir dringend aufhören, Menschen, die glauben, die große Liebe gefunden zu haben, zu belächeln, daran zu zweifeln und ihnen unsere Vorstellungen vom Lieben aufzwingen zu wollen. Wir müssen definitiv aufhören, junge Mamas und Papas mit Fragen wie ‚… Das ist aber schon ein bisschen zu früh, findet ihr nicht?‘ zu verunsichern. Wenn Menschen andere Menschen zum wichtigsten Teil ihres Lebens ernennen, wenn Menschen sich dazu entschließen, auf Karriere zu scheißen, dann sind sie nicht dumm – sondern mutig.

Ego, Job und Parties sind nicht alles. One Night Stands sind kein Ersatz für Liebe und Social Media ist definitiv nicht das echte Leben. Sich selbst als einzige Priorität zu haben macht einen nicht unabhängiger und ist auch sicher keine Garantie dafür, dass man nie wieder verletzt wird.

Also, keine Ahnung… Sagt heute einfach mal irgendwem, dass ihr ihn lieb habt. Lasst euch von eurer Mama oder eurem Papa die Geschichten aus ihrer Jugend erzählen, besucht eure Oma und esst Kuchen, bis ihr platzt, blättert in Fotoalben, lacht und hört eurer kleinen Schwester zu, wenn sie über YouTuber redet, auch wenn ihr keinen Plan habt, was Bibis Beauty Palace sein soll. Besucht eure beste Freundin, anstatt ihr auf WhatsApp zu schreiben, trefft euch, auch wenn ihr gerade ‚voll im Stress‘ seid, hängt einfach ab, seid faul, legt euch gemeinsam plattenhörend auf die Couch. Zeit, die wir mit unseren Besten verschwenden, ist niemals verschwendet. Wir sind nicht ewig und wir sind nicht ewig jung. Wann sollen wir diese Dinge denn sonst tun, wenn nicht jetzt. Und mit wem, wenn nicht miteinander?

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