„Den Geruch von Hirn und Blut, den bekomm‘ ich nie wieder aus der Nase“

Johannes Müller und ich, wir kennen uns seit etwa fünf Jahren: Ich habe im Dezember 2011 ein Interview mit dem deutschen Reportagefotografen im Business Punk gelesen und seine Arbeiten von der ersten Sekunde an gefeiert. Das Magazin hab‘ ich heute noch. Ein Heftl mit gutem Content, sowas kann ich einfach nicht wegwerfen. Irgendwas muss im digitalen Zeitalter ja Bestand haben. Das Aufmacherbild zeigt afghanische Soldaten, die auf einer Parkbank sitzen. Der Einleitungstext machte mich neugierig: „Strandurlaub kann jeder: Johannes Müller macht Ferien lieber im Kriegsgebiet“. Wer ist dieser wahnsinnige Typ, der ernsthaft Urlaub in Afghanistan und anderen Ländern macht, in denen Krieg herrscht?

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Auf den anderen Fotos sind afghanische Schulkinder zu sehen, seine „Kids of Afghanistan“: So hat er, dieser Johannes Müller, die Fotostrecke genannt. Sie scheinen ihn zu faszinieren und ich verstehe auch, warum: Es sind Kids mit unglaublichen Augen, bernsteinfarben, „aus der Zeit von Alexander dem Großen“, hat er mir später mal erklärt. Diese Kids sehen trotz ihres Kinderlachens irgendwie anders aus, als andere Kinder, ihre Gesichter wirken erwachsener. Fast so, als ob sie schon Dinge erlebt hätten, die andere Menschen nur aus den Nachrichten mitbekommen. Im Business Punk-Interview hat Johannes darüber gesprochen, dass er die Menschen in Afghanistan portraitieren wollte, fernab jener Negativität, die in den Medien dargestellt wird. Dass er sich sein eigenes Bild  von „da unten“ machen wollte.

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Es war das erste Mal, dass ich andere Dinge mit Afghanistan assoziiert habe, außer Bomben, Selbstmordattentate, Blut und bittere Armut. Es klingt dramatisch: Aber genau das ist es doch, was uns Medien jeden Tag vermitteln. Die Berichterstattung über diese Länder ist wenig differenziert. Einseitig. Die Tonalität ist immer gleich: Negativ, bedrückend, hoffnungslos, man stempelt die Menschen sofort ab, zu fanatischen Mördern, zu extremistischen Kampfmaschinen, zu Barbaren. Und genau deshalb ist das, was Johannes macht, so wichtig, um sich endlich freidenken zu können, von Klischees, die sich nicht auf die politische Situation vor Ort beziehen, sondern vor allem auf die Menschen und deren Kultur. Das ist unfair. Die Soldaten gehören zum Landschaftsbild – aber auch sie sind Menschen.

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Das, was Johannes macht, das macht man nicht einfach deshalb, weil man geilen Content zum Herzeigen für die Facebook-Freunde haben will, ein hübsches Palmen-Selfie, ein Sonnenuntergangsfoto vom Strand für Instagram. Sowas tun Menschen, die verrückt genug sind, um ihre eigene Komfortzone zum Kotzen zu finden und sie deshalb verlassen, anstatt sich in ihr zu verkriechen. Menschen, die durch die Augen anderer sehen wollen, die Perspektive anderer Kulturen verstehen wollen, es ist ein Paradigmenwechsel im wahrsten Sinne.

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Am Ende des Artikels war ein Foto von ihm, von Johannes. Ich hatte irgendwie das Bedürfnis, diesem Typ zu sagen, wie sehr mich seine Arbeit fasziniert – und hab ihm deshalb einfach eine Mail geschrieben. Und auch, wenn er meinen Namen anfangs noch ohne „h“ geschrieben hat, sind Johannes und ich mit der Zeit sowas wie Brieffreunde geworden. Facebook-Brieffreunde. Ich finde es großartig und gleichzeitig beängstigend, wenn seine Fotos in meiner Timeline auftauchen, wenn er schreibt, dass er und seine Truppe vorgestern angegriffen wurden. Dann wird einem plötzlich klar, dass Krieg kein abstraktes Gebilde ist, das irgendwo auf dieser Welt, weit, weit weg passiert, sondern real ist – und das keine vier Flugstunden von Wien entfernt.

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2011 war Jo mit der Bundeswehr nach Afghanistan. 2012 dann wieder, dieses Mal mit der US Army. 2013 reiste er mit der deutschen Traumapsychologin Inge Missmahl nach Afghanistan. Seit knapp einer Woche ist er wieder auf Reise: Dieses Mal im Irak. Kurdistan. Gefährlich? Ja. „Ein Land, das es nicht gibt. Zwischen Syrien, Türkei und Iran – und das nach seiner Unabhängigkeit strebt. Interessante Ecke, könnte man sagen“, meint er. Ich habe den Eindruck, Johannes kann eigentlich gar nicht anders. Das ist auch gut so. Er lacht der Gefahr auch ein bisschen ins Gesicht, er nimmt sich nicht ganz so ernst: Auf seiner Schutzweste steht neben seinem Namen und seiner Blutgruppe auch noch ein Gin Tonic-Gag. „Es ist, wenn man so will, auch ein Stück weit gezielter Kontrollverlust, dem man sich hingeben muss.“

Seine neue Fotoreihe heißt „Traces of Hope“. Ein schöner Titel. Er will unter anderem die Peschmerga portraitieren, die Streitkräfte der autonomen Region Kurdistan, die den IS bekämpfen. Auch die Frauen. Ich habe Johannes gefragt, ob er mir ein paar Fragen beantworten würde.

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Es gibt sicher Menschen, die das, was du tust, verrückt nennen, weil du in die Gebiete reist, die andere sogar mit dem Finger auf der Landkarte meiden: Was antwortest du ihnen?

Ich bekomme nicht nur Zuspruch für das, was ich so mache, zuweilen Kritik, teilweise auch aggressive Reaktanz. Ich akzeptiere das. Ich respektiere das. Aber hey, jedem das seine. Strand und Pool war halt noch nie so meins. Die meisten meiner Freunde unterstützen mich allerdings ganz großartig! 

Würdest du sagen, dass du diesen „Kick“ brauchst (ich hasse diese Formulierung, haha, entschuldige bitte), quasi als Ausgleich zum Alltag?

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass eine gewisse Abenteuerlust nicht auch eine Rolle spielen würde. Zuweilen gezielter Kontrollverlust. Inshallah, wird schon. Ja, es kickt mich. Und teilweise könnt ich heulen vor Glück NACH einem Trip, nach einer Mission. Das hat was Wahrhaftiges. Aber das ist nicht mein primärer Antrieb. Lach nicht! Daneben bin ich von Neugier besessen. Ich mag es eben „echt“. Real. Uninterpretiert. Und dann, na klar, die Knipserei. Geil. 

Kannst du mir den Moment beschreiben, als du mal in eine Gefechtssituation gekommen bist? 

2012, Sharana, Paktika Provinz, Afghanistan. Gleich um die Ecke: Pakistan. Ich war in einem Platoon der US Army embedded. Mach so meine Bilder auf dem Basar. Da wollte uns ein Selbstmordzipfl in die Luft sprengen. Arschloch. Haben aber glücklicherweise eine Warnung von einem Local bekommen. Sind mit überhöhter Geschwindigkeit in unseren MRAPVs abgehauen. An diesem Tag keine Toten. Hab aber trotzdem die Nacht durchgekotzt. 

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Krass. Was waren sonst die einprägsamsten Momente, an die du dich immer erinnern wirst?

Es gibt viele kleine Momente, die mich mein Leben lang begleiten werden. Wunderschöne, skurrile, schlimme Momente. Golfspielen mit einem Warlord bei Kabul. Aus der Base in Mazar auschecken, Taxi schnappen und zur blauen Moschee in der City fahren. Besoffen sein in Kundus mit einem total geheimen, britischen Typen. Bekifft in der Gandamack Lodge in Kabul. Und dann natürlich die vielen rührenden Momente mit den Locals. Die Afghanen – wie übrigens die meisten anderen „Wilden“, wie sie hier genannt werden – sind mega gastfreundlich. Und die Kids, ja die Kids… Aber natürlich siehst auch so Scheiß, den du eigentlich nicht sehen willst. 2012 bin ich mit den Amerikanern an einen Außenposten gefahren, dessen afghanische Mannschaft am Tag zuvor aufgerieben wurde. Drei SUVs standen da. Sahen aus wie Käsereiben. Komplett durchlöchert. Die Fahrerkabinen waren voller Blut, Haare und Hirn. Bei über 40°C. Ich werde diesen Geruch niemals wieder aus meiner Nase kriegen. 

Manche sagen, Reisen erweitert den eigenen Horizont. Was ist mit deinem Horizont passiert? Wie hat sich dein Verständnis für Menschen aus dem Osten verändert?

Würde schon sagen, dass ich zumindest die Scheuklappen etwas aufgebogen habe… Wenn ich eine Sache kapiert habe: Stereotypisierung ist zwar einfach. Aber scheiße. Schublade auf, „Radikal“ drauf schreiben, ein ganzes Volk reinpressen, zumachen – Fad.

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Glaubst du, dass Medien in der medialen Darstellung dieser Länder komplett versagen, weil sie sich nur auf die Konflikte konzentrieren?

Medien versagen so, wie wir das als Gesellschaft wollen oder zumindest unterstützen. Wer von uns hat wann das letzte Mal für ein Stück News bezahlt? Ah. Merkst was? Ich habe mal für eine der größten deutschen Tageszeitungen 2 Tage exklusiv in Afghanistan fotografiert. 500 € pauschal. Minus Übersetzer. Minus Fahrer. Minus Schussweste. Am Ende war’s eine Minusnummer. Wenn du als Fotograf Geld verdienen willst, dann mach lieber was mit Brüsten. Eh geiler. Nein, Spaß beiseite: Ich hab den Eindruck, dass auch wieder mehr positive Impulse zugelassen werden. Bringt ja nix, wenn alles mies gemacht wird. Ich für meinen Teil habe mich dazu entschieden, genau DAS in den Vordergrund meiner Arbeit zu stellen. Ohne dabei ein naiver Depp zu sein. Ich hab eh das Glück, dass ich machen kann, was ich will. Mein eigentlicher Job als Konzernplanstelle schafft mir diesen finanziellen Freiheitsgrad. Die Fotos mach ich in meinem Urlaub. Und da mach ich mal ganz entschieden nur das, worauf ich Bock hab. So, ätschbätsch. 

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Wie fühlt es sich an, wenn du nach einem Trip wieder heimkommst? Brauchst du lange, um dich zu akklimatisieren?

Die ersten Tage danach sind schon etwas gewöhnungsbedürftig. Aber wenn der Mensch eine Nummer richtig gut drauf hat, dann ist es seine Anpassungsfähigkeit. Ich komm nach Hause und funktioniere in meiner Umgebung. Aber klar, die Reflexion kommt irgendwann, ob man will oder nicht. Ich neige dazu, mir immer wieder Off-Moments einzubauen und in mich reinzuhören. Musik hören. Die Bilder anschauen. Gefühle zulassen. Dann heul ich. Oder lache. Oder gar nix. Wegdrücken sollte man nichts, egal wie nichtig einem der ganze Kram erscheint. 

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Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, in ein Land zu reisen, in dem Krieg herrscht, um dort zu fotografieren? Und wie war das Gefühl vor deinem ersten Trip?

Als Nebenher-Fotograf habe ich mich schon sehr früh für die Fotodokumentation begeistert. Hinzu kam die Geopolitik. Schon im Gemeinschaftskundeunterricht begann meine Faszination für die Außen- und Sicherheitspolitik. Diese spannende Facette der internationalen Zusammenarbeit hat mich schon in den Achtzigern in ihren Bann gezogen – und seitdem nie wieder losgelassen. War eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis ich das eine mit dem anderen verband. Mein Second Hand-Wissen durch reale Erfahrungen ergänzte. Meiner Familie Kopfzerbrechen bereitet… 

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Würdest du sagen, dass du eine Art Mission hast, bei deinen Trips und der Art, wie du Fotos machst? Wenn ja, kannst du deine Philosophie kurz beschreiben?

Mission? Philosophie? Meine Güte, Sinah, du kennst mich lange genug: ich weiß nicht mal, wie man diese Wörter schreibt… 

Welchen Stellenwert hat Reportagefotografie für dich im Journalismus?

Reportagefotografie ist in meinen Augen die Königsklasse der Fotografie. Die Jagd nach uninszenierten Situationen, Emotionen, Aktionen und Reaktionen. Im Wissen über die Irreversibilität des Augenblicks zählt jede Sekunde. Ich glaube, sie ist das, was gutem Journalismus die Krone aufsetzt. Natürlich braucht’s einen besonnenen Schreiberling, einen intelligenten, reflektierenden Autor. Aber: den Text kannst noch Wochen danach hintweaken. Das Bild nicht. Klack, im Kasten. Scheiße geworden? Tja, Problem. 

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Welche Bedeutung hat sie in Zeiten von Social Media?

Uuuuuh, gute Frage. Ich denke, Social Media ist an dieser Stelle Fluch und Segen zugleich: Zum einen hilft’s dir, schnell Reichweite aufzubauen und viele Menschen zu berühren. Auf der anderen Seite wird derart viel Schrott hochgeladen, dass es schwierig ist, den Threshold überhaupt erstmal zu überwinden. Und – du weißt es, ich weiß es – Reichweite und Qualität korrelieren nicht immer im Social Web (und natürlich darüber hinaus). Anwesende Blogger bilden die formidable Ausnahme, natürlich (Küsschen).

Haha! Danke für das Kompliment. Ich seh‘ das genau so. Manchmal erhält guter Content nicht die Reichweite, die er verdient. Aber gute, nachhaltige Inhalte sind wichtig. Schon gar nicht, wenn man tatsächlich sowas wie eine Berufung hat – oder zumindest glaubt, eine Berufug zu haben. Was ist dein erklärtes Ziel bei deiner Kurdistan-Reise?

Mein Konzept heißt „Traces of Hope“, und genau darum geht es: Ich will möglichst viele positive Impulse dokumentieren. Bilder, die Hoffnung machen auf was Schönes. In einer Ecke, die irgendwie leider niemand so richtig auf dem Schirm hat. So wie ich das drei Jahre hintereinander in Afghanistan gemacht habe. Wenn nur ein paar Leute danach sagen, „Hey, krass, wusste ich gar nicht… Ich mag das mal ein bissl genauer verstehen“, dann bin ich schon zufrieden. Wenn dann noch ein wenig Kohle hängen bleibt, perfekt. Die geht nämlich zum Großteil an Hilfsorganisationen. 

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Wie verwertest du die Aufnahmen, die du bei deinen Reisen machst?

Ich werde Artikel und Bilderserien in einigen größeren und kleineren Magazinen, Zeitungen und Foren veröffentlichen. Daneben möchte ich gern einige Ausstellungen machen. Mit Vortrag. Ein guter Freund und begnadeter Komponist wird mir eine eigene Musik für dieses Gelegenheiten komponieren. Wenn du also jemanden in Wien kennst, der da Bock drauf hat…?  

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jomueller-photography.com

 

 

 

 

 

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