„Du brauchst mal wieder eine Beziehung!“ ist der dümmste Scheiß, den man sagen kann

Nicht alle Menschen können Beziehungen wie ihr Smartphone wechseln. Das heißt nicht, dass es okay ist, Menschen einzureden, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, wenn sie längere Zeit allein sind.

„Wie lange bist du jetzt Single?“ Ich muss nicht überlegen. „Fünf Jahre.“ „Ganz schön lang..“ „Hmmm…“ – so oder so ähnlich läuft fast jede Konversation über mein Beziehungsleben. Die Quintessenz jeder dieser Unterhaltungen: „Du bist halt viiiiel zu anspruchsvoll!“ Ja. Ich weiß. Das ist auch gut so.

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„Duuuu single, waaas?“ Ach komm, hör‘ schon auf.

In meinen 25 Jahren hatte ich eine einzige Beziehung, die ich auch selber als solche bezeichne. Und danach? Erfahrungen sammeln, eh klar. Schöne, schlimme, lustige, sehr wertvolle Erfahrungen. Viel erlebt, viel gemacht, viel Selbstverwirklichung und so. Aber keine „richtige“ Beziehung mehr. Das scheint jeder in der Gesellschaft irgendwie befremdlich zu finden – jeder, außer mir.

Ich habe kein Problem mit der Tatsache, dass ich in den letzten Jahren keine große Liebe mehr gefunden habe. Aber ich habe ein großes Problem damit, dass ich mir oft anhören muss, ich wäre beziehungsunfähig und hätte unrealistische Vorstellungen, würde mir ständig die falschen Typen aussuchen und überhaupt würde ich doch viel zu selbstbewusst rüberkommen, Männer sind halt doch Eroberer und ich wirke auch nicht gerade so, als ob ich „auf der Suche“ wäre.

Mal davon abgesehen, dass es verdammt unhöflich ist, blöde Suggestivfragen hinsichtlich des Privatlebens eines Menschen zu stellen (ich frage doch auch nicht, wie’s in deren Beziehung gerade so läuft und ob beide auch ja schön happy sind und welche Probleme die miteinander haben?! WTF!), habe ich auch keine Lust, so zu tun, als ob das Single-Dasein immer ultimativ geil ist und mich ständig dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich alleine lebe.

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Vielleicht beziehungsunfähig – oder einfach viel süßer auf den Tinder-Fotos.

Ich bin weder zu selbstsicher, noch habe ich unrealistische Vorstellungen. Manchmal verknalle ich mich in die „falschen“ Menschen, mag sein, aber das sehe ich sportlich, es kann trotzdem Spaß machen und überhaupt, man kann halt nicht immer gewinnen. Ich bin mindestens so uncool, unsicher, selbstkritisch, egozentrisch und fehlerhaft wie alle anderen Menschen. Ich kann aber auch verdammt süß und lustig sein. Ich kenne meine Vorzüge ebenso gut wie meine schlechten Seiten. Auf der Suche bin ich schon, aber eher nach mir selbst. Und ich finde, alles andere, das muss irgendwie passieren. Zur rechten Zeit, am rechten Ort. Und nur, weil ich mir bei sowas eben bewusst Zeit lasse und überlege, bin ich beziehungsunfähig? OK.

Vielleicht ist es auch eine Frage der Definition: Eine dreimonatige Affäre, bei der ein bisschen genetflixt, gevögelt und gewhatsappt wird und lauwarme Gefühle so lange dahinköcheln, bis sich irgendwann keiner von beiden mehr meldet, ist für mich keine Beziehung, obwohl sie natürlich schon irgendwie eine ist. Solche Geschichten können schön sein, aber wenn man die große Liebe will, muss man den eigenen Weg so lange gehen, bis es eben passiert. Ein bisschen darf das Schicksal schon auch entscheiden, wen wir wann wo treffen. Und wenn das alles passt, dann verdient das meiner Meinung nach die Bezeichnung Beziehung. Der Vorwurf, dass ich Liebe und Beziehungen auf ein Podest stelle, ist absolut gerechtfertigt. Warum denn auch nicht? Liebe ist das Allerschönste, Wertvollste und Wichtigste auf der Welt.

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Liebe ist überall. Man muss sie nur sehen.

Es gibt unzählige Foren, Artikel, Ratgeber, Selbsthilfegruppen und selbsternannte Beziehungs-Gurus, die meinen, das strenggeheime Rezept für die Liebe zu kennen: „So findest du die große Liebe!“, „Wie du langfristig glücklich in deiner Beziehung bist!“, „So lernst du lieben!“. Truth is: They all know SHIT. Es gibt kein Rezept für eine glückliche Beziehung und es gibt keine Antwort auf die Frage, was man tun muss, um einen Partner zu finden. Es gibt drei Gründe, warum man sich dieses emotionale Hirn- und Herzgeficke überhaupt antut: Liebe. Hoffnung. Und Angst.

Ich habe mir immer geschworen, dass Angst, im Sinne von Torschlusspanik, niemals der Grund dafür sein wird, warum ich eine Beziehung eingehe. Wie oft hab‘ ich mir schon gedacht, „FUCK, FUCK, FUCK, ich werde alleine sterben!“. Ich kenne diese Gedanken nur zu gut. Wenn du auch Single bist und jetzt gerade mal wieder in diesem Gedankenkarussell festhängst, dann lass’ dir bitte von einem Menschen, der systematische Selbstzerfleischung jahrelang praktiziert und perfektioniert hat, eins sagen: Du bist wirklich nicht das Problem.

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„Hi. Bist du Single?“

Das Problem ist, dass wir alles immer sofort haben müssen. Aber Liebe lässt sich nicht erzwingen. Eine Beziehung ist kein verdammter Gebrauchsgegenstand, kein „Must-Have“ und ganz bestimmt keine Lösung dafür, wenn du ein Problem mit dir selbst hast. Du willst nicht alleine sein, alleine einschlafen und jemanden haben, den du streicheln kannst? Vielleicht solltest dir eher einen Hund zulegen, wenn dieses Alleinsein der Grund dafür ist, warum du mit jemandem zusammen sein willst. Der Grund sollte dieser eine Jemand sein, ohne den du vielleicht sein könntest, aber nicht sein willst.

Man kann immer an sich arbeiten. Und ich sage nicht, dass man alleine sein muss, aber Alleinsein können ist bestimmt kein Nachteil. Wenn man mal nachgefühlt hat, was sich in den Untiefen des eigenen Bewusstseins so für düstere Gedanken und Ängste verstecken. Glaub’ mir, wenn du mal alleine warst, alleine gelebt hast oder alleine verreist bist, dann hörst du deine Gedanken so laut und die werden garantiert nicht die Klappe halten, bis du ihnen gefälligst mal zuhörst. Wenn diese Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich bedeutet, dass unsere Generation die „Generation Narzisstisches Arschloch“ ist dann ist das eben so. Immer, wenn ich mit Menschen, die ebenfalls längere Zeit Single waren, darüber rede, sagen alle fast ausnahmslos das Gleiche: Warten lohnt sich. Weil irgendwann, wenn man es am wenigsten erwartet, steht eben dieser eine Mensch plötzlich da.

Weil, wenn ihr im Regen an der Bushaltestelle steht, ohne Regenschirm, und der Bus nicht kommt, könnt ihr euch entscheiden, ob ihr zu Fuß geht oder so lange wartet, bis der Bus kommt. Ihr werdet garantiert nass. Ihr werdet frieren und euch fragen, was der Scheiß eigentlich soll. Aber ihr kommt so oder so irgendwie ans Ziel. Ihr müsst nur entscheiden, ob es sich lohnt, zu warten.

Ich kann diese Sepia-Tumblr-Bilder mit alten Paaren und Sprüchen à „Früher, da hat man noch Dinge repariert, wenn sie kaputt waren!“ nicht mehr sehen. Früher, da wurde früh geheiratet, weil man das eben so gemacht hat. Früher, da durften Frauen auch noch nicht arbeiten gehen und Männer nicht über Gefühle reden. Also die Hypothese, dass „früher“ einfach alles pauschal besser war, ist Quatsch. Deshalb hört auf, euch in diese romantisch verklärte Scheiße zu flüchten, denn früher war nichts und niemand besser oder schlechter: Was soll die Diskussion überhaupt. Einen Kompromiss zwischen den gesellschaftlich anerkannten Beziehungsformen und der eigenen Vorstellung von Liebe und dem Ausleben dieser Liebe zu finden ist und war nie einfach. Aber es lohnt sich, dafür zu kämpfen.

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Lieber ein Herz in der Hand als ein Herz auf dem Dach. Oder so.

In Sachen Liebe muss man, denke ich, einfach ehrlich und fair sein. Es ist nicht schön aber es ist okay, wenn ich eine Abfuhr bekomme. Ich versuche auch zu anderen fair zu sein, wenn ich merke, dass das nichts wird. Ich habe keine Lust, meine oder die Zeit eines anderen Menschen zu verschwenden. Gemeinsam Zeit zu verschwenden kann zwar sehr schön sein, aber nicht, wenn einer von beiden mehr will. Ich will zwar selber mal Kinder haben und heiraten, aber ich will das mit der richtigen, mit dieser einen Person erleben. Wenn das bedeutet, dass ich noch warten muss, damit meine nächste Liebe mindestens so kitschig wie ein verfluchter Nicholas Sparks Roman abläuft, dann ist das verdammt nochmal so. Bevor ich meine „unrealistischen Erwartungen“ gegen eine halbherzige Zweckgemeinschaft eintausche, bleibe ich wirklich lieber allein.

Also, bottom line is: Manchmal ist mal als Single glücklich, manchmal nicht. Manchmal ist man als Single einsam, manchmal ist das auch okay. Manchmal ist man auch in einer Beziehung einsam, manchmal ist man glücklich und manchmal macht einem der Partner das Leben zur Hölle. So ist das. Es gibt keinen Status Quo. Es wird ihn nie geben. Also hört auf, „Du solltest dir jetzt eeecht mal einen Partner suchen!“ zu Menschen zu sagen, sie als „frustriert“ zu bezeichnen, wenn sie keinen haben und so zu tun, als ob Liebesbeziehungen etwas sind, was man planen und kontrollieren kann.

Und ihr Single-People da draußen, die sich auch oft genug dafür rechtfertigen müssen: Hört auf, euch runterzumachen und zu glauben, dass ihr beziehungsunfähig seid! Es ist okay, wenn ihr einen fiesen Heartbreak erlebt habt und Zeit braucht, um euch davon zu erholen. Kein Mensch kann euch vorschreiben, wie lange ihr um einen Menschen, eine Beziehung trauern dürft. Nehmt euch all die Zeit, die ihr braucht. Oder wenn ihr diesen einen Menschen noch nicht gefunden habt. Versucht, etwas zu erleben und an euren Erfahrungen zu wachsen. Entwickelt euch. Versucht, das Gute zu sehen. Alles andere kommt sowieso wie’s kommt.

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CARRIE BRADSHAW KNOWS SHIT!

 

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2 Gedanken zu “„Du brauchst mal wieder eine Beziehung!“ ist der dümmste Scheiß, den man sagen kann

  1. Wenn jemand seine kleinkarierte Lebensmatrizze auf einen projiziert, ist das immer enttäuschend, vor allem, wenn man von demjenigen anderes erwartet hat. Ich bin seit 13 Jahren in der gleichen Beziehung und immer gab es jemanden, der fragte, ob wir nicht mal heiraten wollen, oder wann wir mal Kinder kriegen. Nun, wir haben irgendwann ein Kind gekriegt (und geheiratet), und ja, es ist natürlich aus einer bestimmten Perspektive die Erfüllung des animalistischen Erbes, sich fortzupflanzen und ja, es ist eine derart existenzielle Erfahrung, dass nichts an sie ran reicht.

    ABER es gibt absolut nichts, was mich davon überzeugen könnte, dass ich alleine nicht eine zumindest ebenbürtige Zufriedenheit hätte erreichen können. Müsste ich mir die Haare raufen und vor Selbstmitleid zergehen, wenn ich nichts von dieser Beziehung und diesem Kind wüsste? Wohl kaum. Es wäre einfach ein anderes Leben und während ich dieses Leben lebe, verpasse ich dieses andere Leben und umgekehrt wäre es dasselbe. Oder anders gesehen: man kann nichts verpassen, wenn man sich mit seinen Entscheidungen zufrieden gibt.

    Nur beim „Warten“ kann ich dir nicht ganz zustimmen, weil das ja heißen würde, dass du doch davon überzeugt bist, dass es eigentlich passieren müsste, dass „der/die Richtige“ auftaucht, weil es (um im Bild zu bleiben) auf dem Fahrplan steht. Ich halte das Suchen und das Warten für Einbildungen, mit denen man sich selbst wieder suggeriert, dass da etwas fehlt oder noch zu erledigen ist.

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