Interview: Im Bett mit Jugo Ürdens

Das Erste, was einem an Jugo Ürdens auffällt, sind wahrscheinlich seine Augen. Vom Aussehen her ist der 21-Jährige Wiener Rapper eher Saint Laurent-Model als Gangster. Aber lassen wir die Schubladen zu. Jugo Ürdens passt nämlich in keine so richtig rein – deshalb bastelt er sich lieber seine eigene.

Mit „Österreicher“ veröffentlichte er im Sommer einen Track, der einem identitätsverwirrten Land schonungslos den Spiegel vorhält. Wiener Derbheit trifft auf Jugo-Temperament, quasi.

Der 21-Jährige setzt so ziemlich alles auf sein Projekt. Er hält sich und seine Musik nicht für was Außergewöhnliches – eine Seltenheit in einem Genre, in dem die Definition eines Künstlers häufig durch Statussymbole und Selbstbeweihräucherung erfolgt. Seine persönliche Geschichte würde dabei gut ins Konzept des Gangster-Rap-Images passen: Mit sieben Jahren kam er mit seiner Familie von Mazedonien nach Österreich, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen – keine leichte Zeit. Innerhalb eines Jahres lernte er die Sprache, adaptiert die Gepflogenheiten seiner neuen Heimat, bleibt sich und seiner Kultur trotzdem treu. Trotzdem bricht er mit Klischees: Er hat keine Lust auf das Image des Gangster-Rappers oder darauf, als Paradebeispiel für gelungene Migrationspolitik herhalten zu müssen.

Jugo Ürdens ist politisch, ohne politisch sein zu wollen. In „Österreicher“ vermengte er „die Adolf Hitlers mit einer Handvoll Shiptars“ (dt. Albaner), aber das ist längst nicht alles. Was er sonst noch so vor hat, lest ihr hier.

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by Christopher Glanzl

Hattest du schon mal ein Interview im Bett?

Nein, das ist gerade mein erstes Mal!

Bist du leicht ins Bett zu bekommen?

Eher Nein. Kommt drauf an.

Worauf?

Sie muss cool sein. Bisschen abgebrühte Mädels, die was draufhaben, das finde ich attraktiv. Oder richtig, richtig gutaussehend. Aber ich hab’ keinen bestimmten Typ. Das Gesamtbild muss einfach stimmen. Ich mag schöne Menschen einfach, sie beruhigen mein Auge. Ich sehe die dann gar nicht als Sexobjekt, sondern mehr als Kunstwerk.

Reden wir über diesen Jugo Ürdens: Wer ist dieser Typ?

Ein guter Freund von mir! Der ist den ganzen Tag am Vögeln, haha! Nein, Spaß. Ich bin Jugo Ürdens. Hi!

Würdest du ihn als dein Alter Ego bezeichnen?

Nein, er ist eine Facette meiner Persönlichkeit, eine überspitzte Art von mir. Ich würde nie über etwas singen, das ich nicht selber erlebt habe oder nicht irgendwie auch bin. Ich würde nie darüber singen, dass ich Geld und geile Autos hätte. Ich hab’ ja nicht mal einen Führerschein!

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by Christopher Glanzl

Wie wichtig ist es als Musiker, eine Kunstfigur und ein Image zu kreieren?

Für die breite Masse ist das extrem wichtig, denke ich. Wenn das Bild als Ganzes passt und stimmig ist. Ich finde es angenehm, wenn man etwas genau benennen und in Schubladen stecken kann, auch, wenn das jetzt komisch klingt.

Hast du dieses Image sorgsam geplant?

Nein, gar nicht! Ich hab’ einfach diese Musik gemacht, mein bisschen Erspartes reingesteckt und ja, das kam dabei raus.

Was kotzt dich an der Szene an?

Diese ganzen „Künstler“. Die über sich selber sagen, „Ach, ich bin Künstler, ich bin was Besseres“! Ich finde, man muss einfach auch mal seine Fresse halten können und einfach machen. Wobei, ich red’ ja auch immer mehr, als ich mach. Aber trotzdem – oder gerade deshalb – darf ich das auch scheiße finden!

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by Christopher Glanzl

Bist du ein anspruchsvoller Mensch?

Ja. Sehr! Bei mir selbst wie bei anderen. Ich bin schon eine echte Diva, ein ziemlicher Nörgler und chronisch unzufrieden, glaube ich. Ich bin mit zwei Frauen aufgewachsen, hauptsächlich, und die haben mich sehr geprägt…

Du wirkst (noch) sehr idealistisch. Wärst du denn bereit, deine Kunstfigur auszuschlachten?

Ja, auf jeden Fall! Wenn ich Kohle brauch’, „Best Of – Volume 27“, easy! Ich würde niemals behaupten, so ein Künstler zu sein, der irgendwas in seine Musik reininterpretiert. So „Oh Gott, hörst du diese Zeile? Da hab’ ich das und das gemeint“ – Das interessiert mich nicht. Es ist Musik, ich erfinde ja nix Neues. Ich mache das aus Lust Laune, manchmal aus Zwang, manchmal aus Hass. Aber es ist nichts, wovon ich sagen würde, dass es besonders ist oder ein Alleinstellungsmerkmal hat.

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Aber was unterscheidet dich von all den anderen gutaussehenden, blaugrünäugigen Rappern da draußen?

Jetzt hast du schon all meine Attribute genannt! Weiß ich nicht. Was sagst du? Siehst du irgendwas?

Ich glaube, du hältst dich nicht für was Besseres. Und du bist (noch) authentisch und nicht so abgehoben. Du, so generell: Koks oder Cola?

Natürlich Coca Cola! Das andere ist viel zu teuer. Außerdem bin ich eine ziemliche Sucht-Persönlichkeit. Wenn mir was gefällt, dann schlachte ich es aus. Ich muss es immer maßlos übertreiben. Deshalb denke ich mir, Drogen probier’ ich erst gar nicht. Damit ich nicht in Versuchung komme. Nicht so Yung Hurn-mäßig. Ich bin überhaupt der langweiligste Mensch! Das stimmt wirklich. Ich mach nix. Manchmal Party, aber auch da sitz ich nur da und schau ins Nichts. Nur nicht zu viel Anstrengung!

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Welcher Song bringt dich zum weinen?

„Ruzica“ von Goran Bregovic. Das ist mit Blasinstrumenten und so. Das hab’ ich dir mal gezeigt. Das ist so traurig und so wow. Das höre ich immer in Herzschmerz-Momenten.

Du klingst sehr romantisch. Bist du ein treuer Typ?

Nein. Und wenn ich’s bin, dann bin ich nicht treu von innen heraus, sondern weil ich mir denke „Ist es das wert? Nein, okay, dann lass’ es!“ Unpünktliche Menschen werden ja auch immer unpünktlich sein, glaube ich. Auch wenn sie das irgendwann mal geändert haben. Sie zwingen sich halt dazu.

Wein, Vodka oder Bier?

Bier, Bier, Bier. Immer. Eiskalt.

Super, dass du dann heute mit mir Wein trinkst.

Ich bin immer offen für Neues!

Glaubst du, dass man ein bisschen Struggeln muss, wenn man etwas wirklich will? So wie du bei der Musik jetzt?

Wenn man fast keine Unterstützung hat, dann muss man halt arbeiten. Ich denke nicht daran, was in 10 Jahren mit mir ist. Ich weiß, dass mir das Musikding jetzt voll viel Spaß macht und ich kann über nichts Anderes nachdenken. Ich will nicht in 10 Jahren sagen müssen, dass ich es nicht versucht hätte. Ich will jetzt wissen, wie weit ich kommen kann. 9-to-5 Jobs gehen ja nicht aus und wenn ich in drei Jahren dann zum Studieren anfangen will, dann mach ich das halt.

Hattest du diesen Moment, dieses „Oh Gott, jetzt geht’s wirklich los, jetzt passiert’s“ schon?

Nein, wenn ich in einer Woche dann eine Million Clicks hab’, dann fühl ich mich vielleicht so. Ich find‘ das ja cool, was ich mache und ich glaube schon, dass da was gehen könnte. Aber das muss erst noch kommen. Vor Freunden macht man zwar blöde Sprüche und sagt mal arroganten Scheiß, den man nicht so meint. Aber der Moment war noch nicht da.

Glaubst du, dass du, wenn du mal richtig erfolgreich werden solltest, voll abhebst und ein arrogantes Arschloch wirst? So, „Warum redest du überhaupt mit mir?“

Ja, fix. Aber nicht so „Warum redest du mit mir“, sondern „Warum redest du überhaupt!“ Ich glaub’, ich brauche dann echt Menschen, die mich am Boden halten.

Wobei, Menschen, die das von sich behaupten, sind doch eigentlich gar nicht gefährdet, abzuheben. Oder? Zu selbstreflexiv.

Ich hab’ ja immer wieder noch voll die depressiven Phasen und Selbstzweifel. Deshalb kann ich gar nicht immer „Over the top“ sein! Solche Phasen holen einen wieder runter. Das ist wichtig.

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Würdest du sagen, dass du generell glücklich bist? Jetzt, in diesem Moment?

Ja. Ich meine, wir haben alle unsere Momente, unsere depressiven Phasen. Wo man dann auch mal in Therapie war und so Scheiß… Aber jetzt ist alles gut!

Gibt’s was, was du gar nicht kannst?

Ja, ich kann überhaupt nicht Freestylen! Und eigentlich kann ich nicht mal Rappen! Ohne Spaß. Ich bin kein guter Rapper. Ich werde auch nie ein wirklich guter Rapper sein. Es gibt Leute, die das viel besser können, aber es ist auch nicht mein Anspruch, der beste Rapper zu sein. Ich kann auch nicht richtig Klavierspielen, ich weiß zwar ungefähr, was ein Akkord ist und drücke die Tasten. Aber alles andere ist Gefühl. Es geht um die Liebe zur Musik und ums Experimentieren.

Es gibt ja viele Rapper, die sich in ihren Texten extrem schwulenfeindlich äußern. Ich glaube, die haben in Wahrheit viel zu viel Angst davor, dass ihnen Männer eigentlich gefallen. In „Österreicher“ knutscht du mit deinem Freund Movski rum: Wie stehst du dazu? Findest du Männer anziehend? Würdest du was mit einem Mann haben?

Klar. Wenn der geil ist, wieso nicht? Wer bin ich, dass ich das kategorisch ausschließen kann. Vielleicht passiert’s irgendwann, dann weiß ich halt wieder ein bisschen mehr und hab’ was gelernt und was ausprobiert.

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Wenn du davon singst, „Hietzinger Schlampen und Döblinger Tussis“ zu „zerficken“: Wie stehst du zu Feminismus? Im Rap und generell? Ich frag‘ dich jetzt einfach, weil ich mit solchen Textzeilen echt Probleme hab‘, wie du ja weißt.

Okay, die Zeile muss ich kurz erklären: Ich war im 1. Bezirk in der Schule. Und ich hatte da manchmal was mit den betuchteren Mädels und später in der WU auch, die hatten halt alle viel Geld. Damit mein ich einfach die Bonzenweiber.

„Zerficken“ klingt schon arg. Wie zerstören.

Es geht um die Bilder, das ist ja nur die Sprache…

Aber Sprache ist halt nicht nur Sprache! Sie löst auch was aus.

Ich respektiere Frauen wirklich total. Ich stell sie immer auf ein Podest. Die sind so mystische Wesen für mich. Ich würde mir nie anmaßen, eine Frau als Schlampe oder Fotze oder Luder beschimpfen, wenn sie in den letzten zwei Monaten mit 40 Typen Sex hatte. Wenn sie Bock darauf hat, soll sie bitte machen! Das würde ich mir nie anmaßen. Ich bin ja auch dafür, dass Frauen gleich viel verdienen und so.

… Aber du würdest dich trotzdem nicht als Feminist bezeichnen?

Ich weiß nicht. Das ist im Moment so ein Modewort…

Also geht’s um das Wort an sich?

Ja, vielleicht.

Aber wenn du sagst, dass du für Gleichberechtigung von Frauen bist und dafür, dass sie frei entscheiden können, was sie tun, wen sie ficken, was sie aus ihrem Leben machen, dann bist du ein verdammter Feminist, Alter.

Dann bin ich kein Feminist, sondern ein normaler Mensch! In meiner Welt gehe ich halt davon aus, dass das schon gegeben ist. Deshalb würde ich das nicht extra noch anders betiteln.

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by Christopher Glanzl

Da reden wir nochmal ausführlicher darüber. Hast du selber mal Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht?

Oida, ja. Als WU-Studenten sind wir mal auf eine Semester Closing Party ins Chaya Fuera gegangen, ich und zwei Mitstudenten, ein Ägypter und ein Nigerianer. Wir wollten in den Club und der Türsteher meinte dann, „Nee, sorry, der Club ist voll“ – der Klassiker halt. Wir haben uns dann auf die Seite gestellt und da sind dann lustigerweise wieder Menschen reingekommen. Dann kam so eine blonde Tussi, die an uns vorbeiging und gemeint hat, „Wie seht ihr überhaupt aus? Klar, dass ihr nicht reinkommt!“ Und während sie sich umdreht sagte sie noch ganz leise, „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“. Und mein Freund war halt schwarz. Das war so arg! Und genau solche Mädels mein ich damit, wenn ich „Hietzinger Schlampen und Döblinger Tussis“ sag’. Die immer für Gleichberechtigung sind und darüber auf Facebook schreiben, aber wenn ihnen ein schwarzer Typ entgegenkommt, nehmen sie ihr Handy schon ein bisschen fester in die Hand. Ich hasse diese Doppelmoral. Ich bin halt weiß und hab blaue Augen, keine Ahnung, wieso, aber ich komme trotzdem auch nicht von hier. Ich bin aus Mazedonien. Da werden Homosexuelle zum Beispiel extrem diskriminiert. Da sieht man Schwulsein noch als Krankheit. Da hatte ich auch schon die extremsten Diskussionen darüber. In Wahrheit haben diese Leute ja auch gar keinen Bezug dazu, weil sie nicht mal Schwule kennen – so ist das ja oft mit Diskriminierung. Man macht immer das runter, was man gar nicht kennt.

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by Christopher Glanzl

Deshalb der Song „Österreicher“?

Die Flüchtlingskrise hat mich eine Zeit lang echt beschäftigt und sie tut es noch immer. Ich würde mir zwar niemals anmaßen, mich mit einem Flüchtling auf eine Stufe zu stellen, oder mit dem, was die gerade durchmachen. Aber man ist trotzdem damit konfrontiert, wenn man selber schon Erfahrung mit Ausgrenzung gemacht hat. Ich bin wie gesagt weiß und blauäugig, ich spreche Deutsch. Wer weiß, wie es wäre, wenn ich dunklere Haut hätte. Mein Onkel hat dann letzten Sommer noch gesagt, dass wir jetzt unbedingt die Staatsbürgerschaft beantragen sollen. Das war so ein ausschlaggebender Moment für mich, ein bisschen augenöffnend, dass das halt nochmal was Anderes ist und einen Unterschied macht. Dieses Gefühl, wenn du am Flughafen in die zweite Schlange musst, wo die Typen wirklich, wirklich genau schauen, wer da in die EU einreist, das ist schon eigenartig. Überhaupt, was diese Sicherheit durch die EU bedeutet, ist so krass. Dass man noch immer nicht ganz dazu gehört, wenn man kein Staatsbürger ist, das ist voll traurig, aber momentan leider die Realität. Und mit „Österreicher“ wollte ich bei der Thematik mal nicht auf die Tränendrüse drücken und einen Song à „Ausländer sein ist voll schwer, niemand will uns hier!“ machen. Davon gibt’s eh schon zu viele.

Jugo Ürdens’ neues Musikvideo zu „Schwarzes Gold“ hat seine seine Premiere auf Noisey gefeiert.

 Alle Fotos sind von Christopher Glanzl.

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