Deshalb trage ich keine BHs mehr

Das Erste, was ich ausziehe, wenn ich nach Hause komme, sind nach Jacke und Schuhen die Jeans und der BH. Die Jeans deshalb, weil ich mich einfach nicht mit U-Bahn-Klamotten aufs Sofa setzen kann (Wäh!). Und den BH deshalb, weil er mir weh tut.

Seit knapp einem Jahr verzichte ich völlig auf BHs. Außer dann, wenn ich ein durchsichtiges Top trage, aber dann trage ich meistens Bralettes, also bügellose BHs aus Seide oder Spitze, in denen keine beschissenen Metallbügel eingenäht sind, die sich in das Fleisch bohren und sich wie ein verdammter Titten-Zoo anfühlen.

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WHAT ARE YOU LOOKING AT??

Okay, also die Wahrheit ist… Frauen haben Nippel. Ja, ohne Witz. Und die entsprechen auch keinem einheitlichen ISO-Standard, sondern sehen von Frau zu Frau unterschiedlich aus. Die Brust selbst übrigens auch. Ich weiß, das ist jetzt vielleicht etwas viel Information, aber es ist die Wahrheit. Ich finde, ihr alle solltet es wissen.

Ich habe einen eher kleinen Busen und ich bin eigentlich recht zufrieden mit ihm. Er bereitet mir keine körperlichen Beschwerden, auch nicht beim Laufen oder so. Ich mag ihn und ich würde ihn niemals ändern wollen. Und trotzdem habe ich es jahrelang gemacht: Ich habe ihn seit meiner Jugend in Büstenhalter gezwängt, die mir wegen der Träger Nackenverspannungen und Schmerzen bereitet haben. Ich habe wunde Stellen vom Tragen mit Bepanthen behandelt, die Verspannungen habe ich aufs Sitzen in der Schule, der Uni und im Job geschoben und die Abdrücke, die sich sichtbar auf meiner Haut abgezeichnet haben, habe ich ignoriert. Ich frage mich ernsthaft, wie zur Hölle ich das meinen lady parts antun konnte.

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Ohne BH macht Freude! Probier’s aus. Deine Boobies werden es dir danken.

Sobald der Busen zu wachsen beginnt, fangen junge Mädchen an, BHs zu tragen. Meinen ersten BH (in Hellblau, mit Snoopys drauf), habe ich mit Taschentücher und Socken ausgestopft, damit mein Busen nicht mehr diese spitze, jugendliche Form hat. Damit ich „weiblicher“ aussehe. Ohne BH aus dem Haus gehen? NEVER FUCKING EVER. Sogar unter weiten Pullovern habe ich BHs getragen. Gebraucht habe ich sie in Wahrheit nie. Bevor in der Schule jemand von meinen nervigen Mitschülern bemerkt hätte, dass ich in Wirklichkeit kein Pam Anderson-Dekolleté habe, hätte ich mich aus dem Fenster gestürzt. Heute empfinde ich nichts als Bewunderung für unsere damalige Französisch-Professorin, die immer ohne BH rumlief und die wir alle deshalb nur „die Erbse“ nannten. Dafür schäme ich mich jetzt richtig. Sie hatte nämlich recht: Frauenkörper sehen nunmal unterschiedlich aus und es ist lächerlich, dass der Nippel vielerorts Staatsfeind Nummer 1 ist. Ich glaube, es wird Zeit, dass wir den Nippel in die Gesellschaft integrieren und aufhören, so zu tun, als müssten alle Busen gleich aussehen.

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Just boobies! Not bombs, ya’ll.

Seit Jahrhunderten wird aus dem Einschnüren des Frauenkörpers ein Kult gemacht. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der Oberkörper von Frauen und Mädchen ab Beginn der Pubertät mit Korsetts in Form gebracht, die so eng geschnürt wurden, dass Organverlagerungen und Knochenverformungen die Folge waren (das hatte man auch beabsichtigt, damit die Taille möglichst schmal wurde). Durch den ersten Weltkrieg, die Frauenbewegung und den Hype um Modemacherinnen wie Coco Chanel verlor das Korsett dann weitgehend an Bedeutung. Hm… Also mir fällt kein Beispiel in der europäischen Geschichte ein, in dem der Männerkörper über einen langen Zeitraum hinweg eingeschnürt worden ist. Und ich glaube auch, dass wir das Korsett in Wahrheit niemals wirklich abgelegt haben. In modifizierter Art und Weise tragen wir sie auch heute noch, Tag für Tag. Mit dem einzigen Unterschied, dass jetzt eben nur der Busen in Form gebracht wird. Beziehungsweise, dass etwas unkenntlich gemacht wird, das wir alle haben… Naja, fast:

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Barbie kann leider nicht bei #freethenipple mitmachen. Habe gehört, sie startet deshalb eine Petition wegen Diskriminierung.

Versteht mich nicht falsch: Ich mag schöne Unterwäsche. Ich habe selber Dessous und sogar ein echtes Korsett (das ich ungefähr ein Mal im Jahr trage), ich habe unzählige Bücher über Korsetts und Dessous, ich liebe Gil Elvgren und Dita Von Teese. Ich habe öfter „Burlesque“ gesehen, als ich zugeben würde. Kann auch sein, dass BHs für Frauen mit großem Busen echt Sinn machen: Aber ich finde trotzdem, dass wir die Möglichkeit haben müssen, selber zu entscheiden, wann wir ein Kleidungsstück tragen, das für mache von uns (bis auf den optischen Effekt) weder einen tatsächlichen Zweck erfüllt, noch sonderlich bequem ist. Wir sollten uns nicht dazu verpflichtet fühlen, etwas zu tragen, nur, weil die Gesellschaft, die zwar kein Problem damit hat, sich an Teenagern in Dessous, die einem von sämtlichen Werbeplakaten entgegenblicken, aufzugeilen, nicht akzeptieren kann, dass Frauenkörper eben verschieden aussehen.

Ich finde es absurd und ekelhaft, wie viel Geld damit gemacht wird, Frauen ihre Weiblichkeit abzusprechen, um sie ihnen anschließend wieder zu verkaufen. Niemand sollte sich verpflichtet fühlen, einen BH tragen zu müssen, um einem bestimmten Ideal zu entsprechen, um „sexy“ zu sein oder um eben kein „Aufsehen“ zu erregen. Das ist lächerlich und vor allem diskriminierend. Und ich bin auch der Meinung, dass, wenn es einem Mann in der Öffentlichkeit gestattet ist, sich oben ohne Bekleidung zu zeigen, einer Frau die gleichen Rechte eingeräumt werden müssen. „Kann doch eh jeder machen, wie er will“, meinst du? Da liegst du leider falsch:

  • Im Juni 2016 wurde die amerikanische Schülerin Kaitlyn Juvik der Schuldirektion dazu aufgefordert, entweder einen BH zu tragen, oder ein zweites Shirt über ihr (keineswegs freizügiges) Oberteil anzuziehen, weil manche Leute in ihrer Schule der Meinung waren, es sei unangebracht, wenn Kaitlyn in der Schule keinen BH trägt. Ihr Posting über den „Vorfall“ ging viral, sogar eine eigene Bewegung wurde in der Folge gegründet. (Ich habe auf miss.at darüber berichtet)
  • 2007 erhielt die New Yorkerin Phoenix Feeley nach ihrer Verhaftung 29,000 $ vom Staat New York: Sie wurde festgenommen, weil sie oben ohne auf der Delancey Street durch New York spaziert ist. Oben ohne ist für Frauen in New York seit 1992 legal. Männer durften sich seit 1936 oben ohne in der Öffentlichkeit zeigen. Aber das hält Polizeibeamte offensichtlich nicht davon ab, brutale Verhaftungen an Frauen durchzuführen, wenn sie sich mit nacktem Oberkörper in der Öffentlichkeit zeigen.
  • Sogar, wenn es um die natürlichste Sache der Welt geht, drehen Menschen durch: Vor einem Monat postete Blac Chyna, die Freundin von Rob Kardashian, ein Bild, auf dem sie ihre Tochter stillte und Menschen drehten völlig durch. Ähnlich erging es Alexandra Bolotow, der Frau von Starfotograf Terry Richardson. Eine deutsche Mutter, Johanna Spanke, wurde sogar aus einem Berliner Lokal geworfen, weil sie gefragt hatte, ob sie ihr Kind unter einem Tuch stillen dürfe. Und die Amerikanerin Maria Corry postete ein Foto von sich beim Stillen ihres Babies und wurde dafür fünf Mal bei Facebook gemeldet. Nippel waren da nicht einmal zu sehen.

Nacktheit an sich ist nicht abstoßend, sondern die Art, wie damit umgegangen wird. Brüste in der Werbung und als Sex-Symbol inszeniert sind gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, während sie in ihrer natürlichsten Form eine Kontroverse sind. Mittlerweile gehen zahlreiche Organisationen gegen diese Doppelmoral vor, aber dieser Aktivismus ist manchmal leider ein zweischneidiges Schwert: Bewegungen wie Femen oder Free The Nipple sorgen zwar für mediale Strohfeuer, allerdings fragt man sich, ob und inwiefern der weibliche Körper Mittel zum Zweck sein darf, wenn man angeblich feministische Ziele verfolgt.

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Set them free.

Es muss letztendlich darum gehen, die weibliche Brust zu entsexualisieren und ihre Darstellung zu normalisieren. Facebook hat noch bis vor knapp einem Jahr Fotos von stillenden Müttern und Brüsten nach einer Mastektomie gelöscht und tut es auch heute noch, wenn Nippel zu sehen sind. Aber Fotos von toten Menschen werden toleriert, solange man kein Hirn sieht. Wer Videos von Vergewaltigungen und Gewaltdarstellungen meldet, muss meistens einige Tage darauf warten, bis die Aufnahmen gelöscht werden. Rassistische Hetze und Gewaltaufrufe gegen Frauen und Minderheiten werden ebenfalls weitgehend toleriert. Bilder von Nippeln sind aber häufig keine paar Minuten online. Das Problem ist, wenn wir Brüste und Nippel nur in einem sexuellen Kontext begegnen, also auf Pornoseiten, in Porno-Magazinen oder in taff-Berichten über Micaela Schäfer, ist es doch echt kein Wunder, dass die weibliche Brust so dermaßen sexualisiert wird, wie kein anderes Körperteil.

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**WARNING – one of the photos contains NUDITY.** (credits bbc.com/Mike Kagee)

Wenn wir wollen, dass unsere Körper nicht mehr zensiert werden, müssen wir aufhören, uns selbst zu zensieren. Ich will hier keine Nudismus-Propaganda betreiben, aber diese ekelhaften Doppelstandards, die struktrelle Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht nur tolerieren sondern immer mehr festigen, kotzen mich an.

Ich will, dass Mütter ihre Babies nicht auf der Toilette stillen müssen. Dass Frauen im Social Web über Brustkrebs aufgeklärt und Videos, die Aufklärungsarbeit leisten, nicht zensiert werden. Ich will, dass unsere Gesellschaft aufhört, Mädchen und Frauen zu sagen, sie müssen sich BHs anziehen, weil sie Männer sonst provozieren. Ich will, dass die Gesellschaft aufhört, Mädchen und Frauen als Objekte zu inszenieren. Ich will, dass wir aufhören, einseitige Schönheitsideale zu propagieren. Ich will, dass das, was für Männer gilt, auch für Frauen gilt – und umgekehrt.

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