Warum man aufhören muss, Menschen zu idealisieren

Ich bin ein Meister der Selbstsabotage: Auch, wenn ich mich nicht für Liebeskummer schäme, ist mir um die verlorene Zeit leid, die ich damit verbracht habe, einen Menschen so dermaßen zu idealisieren.

Es gibt Menschen, die lassen einen nie mehr so richtig los – zumindest glaubt man das. Da wird einem auch Jahre später noch schlecht, wenn man nur ihren Namen auf Facebook liest und lauter so Mist. Dieser verdammte Stich in der Magengegend. Dieses flaue Gefühl, wenn man an diesen Menschen denkt und man den Gedanken schnell wieder verdrängt, damit man sich nicht mit dem eigenen Gefühlschaos auseinandersetzen muss: Solche Momente lassen einen glauben, dass die Wunde, die ein Mensch hinterlassen hat, niemals heilen wird. Dabei tut man sich all das selber an.

Jeder von uns hat seinen eigenen Geist der Vergangenheit. Irgendwann muss das doch mal aufhören, denkt man sich. Irgendwann muss ich das doch endlich mal hinter mir lassen! Aber jemanden wirklich zu vergessen, das kann ewig dauern – vor allem, wenn man die Wunden selber immer wieder aufreißt. Familie und Freunde können die alten Geschichten, die man immer und immer wieder erzählt, nicht mehr hören. Man bekommt ständig die gleichen gutgemeinten Ratschläge, aber nichts bleibt hängen. Sie ändern nichts daran, dass man in einem Teufelskreis feststeckt und da nicht rauskommt. Irgendwann begreift man, dass man mit dieser Scheiße ziemlich alleine dasteht. Und dass man sich selber retten muss. Es ist wahr: Bei Liebeskummer hilft dir nichts – außer viel Zeit. Und Selbsterkenntnis.

Ich habe ziemlich genau vier Jahre gebraucht, um über eine Beziehung die nur halb so lang war, wegzukommen. Frustrierend, das zu schreiben. Und peinlich. Aber a lesson lived is a lesson learned, oder so ähnlich: Ich habe gelernt, dass Zeit, die man damit verbringt, einen Menschen zu idealisieren, Zeit ist, die man nicht mehr zurückbekommt. Wenn man sich gedanklich immer wieder im Kreis dreht, was eine Person betrifft, muss man sich irgendwann fragen, ob es wirklich um die Person selbst geht – oder ob man sich einfach gerne fertig macht.

Sich in schwachen Momenten alte Fotos anzuschauen, an die schönen Zeiten zu denken, die schlechten Dinge zu vergessen, sich selber zu sagen, dass man niemals wieder sowas fühlen wird – das ist pure Selbstzerstörung und -sabotage. Denn die Wahrheit ist: Ja, wenn man jemanden liebt, dann ist dieser Mensch für einen „perfekt“. Alles, was gegen diese vermeintliche Perfektion spricht, wird ausgeblendet. Aber man idealisiert diese Person so lange, bis nicht einmal mehr die Person selbst an das Bild heranreicht, das man sich geschaffen hat. Und das ist der Moment, in dem einem bewusstwerden sollte, dass man in eine Illusion verliebt ist.

Man idealisiert zu viel und sieht zu wenig. Man stellt diese Menschen auf ein Podest, auf das sie einfach nicht gehören, weil niemand auf einem Podest stehen sollte. Man hängt Vorstellungen und Erinnerungen nach, die in Wirklichkeit vielleicht gar nicht so waren. Man malt diese Erinnerungen mit Weichzeichner nach, legt einen rosaroten Filter drüber und glaubt, dass alles echt und perfekt war – aber das war’s nicht, ansonsten wäre man ja noch zusammen.

Vielleicht ist es einfacher, jemanden zur Halbgottheit zu erklären und ein mystifiziertes Wesen anzubeten, als sich mit der tatsächlichen Menschlich- und Fehlbarkeit dieser Person und auch mit der eigenen auseinanderzusetzen. Oder mit dem, was eben nicht funktioniert hat. Vielleicht ist es besser, sich in gewohnte Vorstellungen von einer Person, einer Beziehung zu flüchten, anstatt die Dinge so zu sehen, wie sie sind, um endlich akzeptieren, loslassen und sich auf Neues einlassen zu können. Vielleicht hilft einem die Illusion kurzzeitig, wenn man noch nicht bereit ist, loszulassen – aber auf lange Sicht nimmt man sich durch diesen Mindfuck selber die Möglichkeit, glücklich zu werden.

 

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