Warum will eigentlich jeder cool sein?

Jeder will cool sein. Immer und überall. In der Arbeit, in der Liebe, im Social Web. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich mit der eigenen Unsicherheit auseinandersetzen muss.

Die neueste Céline-Bag, die weißen Nikes, der laszive Blick, die gespielte Leichtigkeit, der neue Job, den die Facebook-Freunde mit „Woooow, herzlichen Glückwunsch!“ kommentieren, der aber in Wahrheit scheiße bezahlt ist und einen gar nicht so glücklich macht: Cool sein ist verdammt teuer. Und anstrengend.

Wer cool sein will, muss wissen, wer und was angesagt ist. Muss wissen, wie man sich präsentiert. Der erste Eindruck zählt, eine zweite Chance gibt’s nicht. Coolness ist nicht tolerant. Sie tut einem nicht immer gut. Coolness ist ein hart verdientes Attribut, sie ist Zeitgeist und Zeitlosigkeit zugleich, man muss sich nach ihr richten, sie lässt wenig Spielraum für Komplexität. Sie diktiert Verhaltensweisen, Oberflächlichkeiten und Lebensentscheidungen.

Die 1k+ Instagram-Follower geben einem recht – oder eben auch nicht. Das eigene Dasein wird zur endlosen Aneinanderreihung selbstbestätigender Momente, irgendwie muss man die eigene Existenz ja legitimiert wissen. In einer Zeit, in der man alles sein und alles erfahren kann, was man will, wird der Wert eines Menschen nicht bloß an dem bemessen, was er hat – sondern daran, wie er es zeigt und seine Mitmenschen dazu bringt, ihn deshalb zu bewundern und zu beneiden. Individualität ist der einzige Luxus, den man sich verwehrt. Es ist die Königsdisziplin, die die wenigsten beherrschen. Die intellektuelle Wohlstandsverwahrlosung hat ihren Höhepunkt erreicht. Man füge sich dem Trend – oder man schafft es, einen zu kreieren.

Alles und gleichzeitig nichts wollen, aber Hauptsache gut dabei aussehen – „ein Generation Y Problem!“, meinen die Leute, die Generation Y-Artikel schreiben, weil das auch gerade voll cool ist. Die Gen Y braucht aber gar nicht so zu tun, als ob sie ein besonders einmaliges Phänomen wäre. Weil eigentlich ist das das Problem jeder Generation. Sogar Louis XIV wollte cool sein. Und hätte es damals schon MTV Cribs gegeben: Dieser Louis hätte sein Versailles so hart gern gezeigt.

Irgendwie irgendwo dazu gehören, das ist es doch, was man will. Zu einer Gruppe, die man vorher sorgfältig ausgewählt und für cool befunden hat. Deshalb kaufen die Kids weiter Bandshirts vom H&M, von Bands, die sie nicht mal hören, deshalb hat jeder irgendwann mal bunte Haare getragen und macht jetzt auf vegan. Deshalb erklärt man der Welt mit glänzenden Augen, „Ich will jetzt einfach frei sein!“, weil „Ausleben“ auch gerade so ein Ding ist. Deshalb verschiebt man wichtige Entscheidungen auf später, für Familie und so ist ja noch genug Zeit, und überhaupt, erstmal Reisen gehen.

Lebensmodelle sind eine verdammte Lüge. Das Leben kann gar kein Modell sein, wie denn auch. Es ist, was es ist. Manches kann man sich aussuchen, manches nicht. Man will das, was einem möglichst appetitlich präsentiert wird, weil man sich dann nicht mit der eigenen Unsicherheit auseinandersetzen muss. Wir sind süße, dumme, kleine Schäfchen. Und wir lieben es, wenn andere uns sagen, was wir machen und wie wir sein sollten. Aber auch der fleißigste Blogger legt irgendwann mal die Leica beiseite, schaltet das Handy in den Flugmodus und will einfach nur sein. Ist nämlich alles auch nur Show. Nur ein Job, wie jeder andere. Alles nix Besonderes.

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