Danke, dass ich ich sein darf.

Ich sitze rauchend vor meinem großen Spiegel und betrachte mich. Kritisch. Ich fühle mich aufgequollen, fett, unansehnlich. Die Skinny Jeans spannt an den Oberschenkeln, der Bund drückt am Bauch. Ich finde mein Gesicht unglaublich fett und meine Arme und meine Taille war auch schon mal schmaler. Meine Haut ist scheiße, ich leide ziemlich unter Akne an den Wangen, seitdem ich die Pille abgesetzt habe.

Meine Haare sind splissig. Meine Fingernägel splittern. Meine Beine sind unrasiert. Aber ich trage Lippenstift. Ich trage Parfum. Und ich weiß, dass ich auf den ersten Look passabel aussehe. Man sieht die Skinny Jeans, den prallen Arsch, die Hüften, die durchsichtige Bluse, den roten Lippenstift, die blonden Haare. Ich weiß, was sich manche Typen denken, wenn ich in einer Bar an ihnen vorbeigehe. Es ist ein Klischee, das ich gut zu bedienen weiß.

Aber ich bin unsicher, jeden Tag. Ich denke mir jeden Tag, dass ich dünner sein könnte, dass ich mehr lesen sollte, mehr schreiben, intellektuell anspruchsvollere Filme anschauen sollte, mehr Musik hören, nicht immer den gleichen Scheiß. Ich muss mich bilden, ich muss mehr sein, ich muss mehr studieren, mehr können, besser werden, egal, in was. Ich sollte öfter Liebhaber haben, mich auf was einlassen, andere haben in meinem Alter schon eine Familie, verdammt. Ich weiß, ich kann alles sein, was ich sein will, ich kann alles erreichen. Die Welt liegt dir zu Füßen wenn du jung bist…

Was für ein verdammter Scheißdreck. Ich mache mich fertig und ich will es nicht mehr tun. Ich will auch mal auf der Couch sitzen und einen Berg Nudeln essen und Donuts und Chips, ohne am nächsten Tag hysterisch ins Fitnessstudio rennen zu müssen. Ich will mich ungeschminkt schön finden können. Ich will Kleidung tragen, in der ich atmen und mich frei bewegen kann. Ich hasse es, wie ich manchmal mit mir selber rede. „Sinah, du kannst das und das nicht, und schau, die hat schon zwei Studienabschlüsse! Wann bist du mit dem Magister fertig? Und das eigene Start-Up mit Mitte 20, das hat ja auch nicht geklappt. Du tust zu wenig! Du musst härter arbeiten!“ Die Gedanken in meinem Kopf sind ziemliche Wichser, sie halten nie die Klappe und Verständnis haben sie auch nicht. Ich bin wütend. Weil ich so sensibel bin und es mir der ständige Kampf um Anerkennung so nah geht. Ich scheiß’ auf Karriere. Auf die Beziehungsnormen. Und ich scheiß’ auf diesen Social Media Bullshit, die ständigen Vergleiche mit anderen und ihren gefilterten Ichs, es kotzt mich an. Ich habe die Werbungen satt, in denen sich 16-jährige Models räkeln, die mir sagen wollen, dass man als „normale Frau“ eben so auszusehen hat. Zumindest, wenn man sexy sein will. Ich hasse die Ideale, ich hasse die sogenannten Vorbilder und diejenigen, die immer von „normal“ reden. Ich will nicht normal sein, ich will ich sein und ich will keine Ausreden dafür brauchen oder mich schlecht fühlen, wenn ich diesen kranken, unrealistischen Idealen entsage. Ich kann niemand anders sein. Und ich will es auch nicht mehr.

Ich schließe meine Augen einige Sekunden. Ich versuche, mich auf das zu konzentrieren, was mir an mir gefällt. Ich mag meine Augen. Meine Lippen. Meine Nase, meine Haare. Eigentlich mag ich meinen Körper ja eh. Er leistet jeden Tag so viel. Er hält mich am Leben. Er arbeitet, während ich schlafe, er arbeitet, während ich wach bin. Er arbeitet, während ich versuche, mich kaputt zu machen, kaputt zu reden und zu denken. Er verzeiht, wenn ich zu viel trinke oder rauche. Er ist immer für mich da und ich bin so undankbar. Dabei ist er das, was mich auf dieser Welt hält. Ich will nicht länger unfair sein. Ich will schätzen, was ich habe und mich nicht ständig mit dem vergleichen, was ich nicht bin und wahrscheinlich niemals sein werde. Die Magazine, Blogger und Clean-Eating-Gurus erzählen doch echt nur Mist.

Es ist doch völlig egal, wie man aussieht (was für eine scheiß langweilige Plattitüde, puh, aber mir fällt keine bessere ein): Die Wahrheit ist, dass man sich selber lieben muss, weil man sonst nie, nie, niemals glücklich werden wird. Es ist scheißegal, ob man dick ist oder dünn oder ob man schöne Haut hat oder nicht, ob an drei Studienabschlüsse hat oder whatever. Man muss an sich selber glauben und zu dem stehen, was man wirklich ist. Aus „Du kannst alles werden“ ist „Du musst alles sein“ geworden und ich finde das verdammt beschissen. Ich will ja gar nicht alles sein. Weil eigentlich bin ich ja gern ich. Und dafür kann man ja auch mal ‚Danke‘ sagen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Danke, dass ich ich sein darf.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.