Warum WhatsApp unsere Beziehungen zerstört

„Er stellt sich so an, der Trottel!“ Meine Freundin klingt aufgeregt am Telefon. Und angepisst. Der Grund: Das Gelesen-Häkchen. „Wir haben ein bisschen geschrieben, dann hat er zwei Stunden nicht mehr geantwortet, die Nachricht aber gelesen… Dann hab’ ich nochmal geschrieben, was er am Wochenende macht und er meinte, er geht auf eine Party. Dann hat er noch das Smiley gemacht, das so dead-inside-mäßig grinst. Was soll ich jetzt antworten?!“

Puh.

Um die Stunden, die ich und meine Freundinnen mit dem Analysieren und Diskutieren von Nachrichten verbracht haben, ist mir richtig leid. Es ist verlorene Zeit, die man anders hätte nutzen können, hätte man die Eier besessen und einfach mit den Leuten geredet. Geredet – nicht geschrieben. Vielleicht waren diese Stunden intensivster, selbstzerfleischender Überanalyse von lächerlichen WhatsApp-Chat-Screenshots aber auch notwendig, um endlich festzustellen: Schreiben ist Bullshit.

Bei der Kommunikation via WhatsApp oder Facebook Messanger gibt es immer Missverständnisse. Deshalb ist es die vermutlich schwierigste Art, mit jemandem zu kommunizieren, mit dem man intim ist, war oder sein möchte. Mal abgesehen davon, dass man sich immer neue Ausreden und Themen aus dem Arsch ziehen muss, um die Unterhaltung nicht abreißen zu lassen, ist es einfach mühsam, jede Nachricht auf eine mögliche Doppeldeutigkeit hin zu analysieren oder sich bei jedem Wort genau überlegen zu müssen, wie das, was man von sich gibt, denn nun wirkt.

Es ist mühsam, übertrieben freundlich sein zu müssen, weil man Sarkasmus trotz Emojis nicht wirklich verständlich rüberbringt, der informelle Verhaltenskodex („Wie lang muss man mit dem Antworten warten, um nicht uncool oder needy zu wirken?“) verwirrt und außerdem sendet Geschriebenes Signale, die man nicht immer klar deuten kann, weil Emojis die Körpersprache eben doch nicht ganz ersetzen können. Somit verbringt man nicht nur sehr viel Zeit damit, miteinander zu „schreiben“, sondern auch damit, Nachrichten zu lesen und sie zu entcodieren. Was die verdammte Schreiberei noch viel mühsamer macht.

Da hat sich eine durchaus fragwürdige Kommunikationskultur etabliert, mit der wir uns nicht immer einen Gefallen tun. Irgendwann lief das mal so, dass man Datum, Zeit und Ort festgelegt, sich getroffen und geredet hat. Über wichtige Dinge, belanglose Dinge. Man hat gemeinsam geraucht. Geschwiegen. Blicke und Lächeln haben die Kommunikation übernommen und nicht Worte. Aber nun scheint es so, dass ständiges Schreiben zu einer Beziehung dazugehört. Dass die Anzahl der gesendeten Nachrichten stellvertretend für den Beziehungsstatus stehen.

No signal? No problem. Im Death Valley war der Empfang nicht so optimal. Ich hatte die beste Zeit.

Instant Messaging tut so, als ob es viele Vorteile hätte. Es geht schnell. Es ist unkompliziert. Man ist ständig präsent, ohne da sein zu müssen. Man kann sich aus der unangenehmen Situation, Gefühle zeigen zu müssen, herausstehlen und umgekehrt Interesse an den Gefühlen anderer heucheln. Es ist gewissermaßen Fast-Food-Kommunikation, in Häppchen verpackt, zum Mitnehmen und überall und jederzeit zu Konsumieren. Aber ist diese Art der Kommunikation tatsächlich bekömmlich? Oder speist man sich selbst und andere dadurch einfach ab? Ist es überhaupt richtige Kommunikation – oder reine Vermeidung?

Der Psychologe Albert Mehrabian kam 1967 in Studien zu dem Ergebnis, dass Worte nur zu 7 % beeinflussen, was wir von unserem Gegenüber halten. Zu 38 % sei der Tonfall der Stimme verantwortlich und Körpersprache beeinflusse zu 55 %, wie wir den anderen wahrnehmen. Nonverbale Signale, wie Mimik und Gestik, können wir nicht oder nur schwer steuern. Unser Körper sendet während dem Kommunizieren also Informationen, die wir gar nicht aussprechen. Oder aussprechen wollen. Das würde also bedeuten, dass Geschriebenes nur zu einem sehr geringen Teil tatsächlichen Einfluss darauf hat, wie uns jemand anderes wahrnimmt. Und dass das, was wir ausdrücken wollen, gar nicht richtig oder vollständig ankommt.

Ich muss feststellen, dass mir die Verlagerung meiner tatsächlichen Beziehungen in die virtuelle Welt nicht guttut. Deshalb habe ich mehr oder weniger aufgehört, intensiv mit Menschen „zu schreiben“. Kurze Infos austauschen, Treffpunkte vereinbaren oder Kanye-Memes schicken, ja. Aber richtige Gespräche habe ich aber lieber offline. Ich habe wieder angefangen, Menschen anzurufen, wenn ich kurz mit ihnen reden oder sie eben sehen will. Am Anfang hat das zwar zu einigen Missverständnissen geführt, die einen haben mit einem skeptischen „… Jaaaa?“ abgehoben, die anderen mit „Oh Gott, ist was passiert???“. Nein, don’t panic, musste ich jedes Mal erklären. Ich will einfach deine Stimme hören. Ich will hören, wie es dir geht.

Interessanterweise habe ich nach Telefongesprächen oder richtigen Treffen nie das Gefühl, dass ich mich danach der Beziehung durch ständige Schreiberei rückversichern müsste. Es ist okay, wenn man dann mal ein paar Tage nichts voneinander hört. Wenn man mal abschaltet. Dafür hat man die Gewissheit, dass man fürs Erste alles gesagt und besprochen hat. Dass man weiß, wie es dem anderen wirklich geht. Und dass man die Beziehung gepflegt hat, anstatt sie durch unzählige, halbherzige WhatsApp-Nachrichten zu beschweren oder vielleicht sogar kaputtzuschreiben.

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Ein Gedanke zu “Warum WhatsApp unsere Beziehungen zerstört

  1. Hammer Hammer Hammer. Ich hab genau so eine Situation gestern Abend erlebt und dachte grad nur: Danke? Die Fakten vom Psychologen habens mir nochmal richtig gegeben, auch mal was Handfestes. XXX

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