Wann ist Message-Control eigentlich Usus geworden?

Seit 2013 schreibe ich beruflich für Kultur-, Nachrichten- und Lifestylemagazine. Noch nie habe ich Message-Control so stark empfunden wie jetzt.

„Ich musste das Interview leider absagen. Die Fragen sind unpassend für meinen Künstler.“ Beim Lesen dieser Nachricht wurde ich ziemlich wütend. Ich habe die Zusage für ein Interview mit einem Newcomer schon vor Tagen bekommen, am Tag des Festivals teilt mir der Manager mit, dass die Fragen nicht passen. Solche spontanen Changes bringen meinen kompletten Arbeitsablauf durcheinander, ganze Geschichten fallen deswegen um. Wenn man bei einem Print-Magazin arbeitet, mit fixen Deadlines, kann das die Hölle auf Erden bedeuten.

Solche Situationen erlebe ich öfter. Nicht nur ich – meine KollegInnen in der Politik berichten ständig davon, dass Message Control immer mehr Einfluss auf das journalistische Arbeiten hat.

Ich habe es satt, dass PR-Leute, ManagerInnen, Marketingbeauftragte in den journalistischen Prozess eingreifen und glauben, Zitate ausbessern zu können, damit der Interviewpartner positiver rauskommt. Was mich zu dem Entschluss bringt, dass Werbung ein bisschen zu mächtig geworden ist, PR ihren Einfluss überschätzt und dem Journalismus in Österreich momentan die Eier fehlen, zumindest partiell. Oft bekommt man Interviews nicht einmal mehr zugesagt, wenn man keine Fragen vorab schicken will.

Mal abgesehen davon, dass es unpackbar nervig und anstrengend ist, wenn man auf die Gunst der alles kontrollieren wollenden Managern und PR-Dudes angewiesen ist: Wir sind hier nicht in Nordkorea. Das ständige Autorisieren und Genehmigen von Gesagtem ist nichts weiter als eine Einschränkung der Pressefreiheit.

Natürlich macht es manchmal Sinn, einen Artikel inhaltlich autorisieren zu lassen. Wenn man zum Beispiel einen Artikel über Gesundheitsthemen verfasst, der Arzt/die Ärztin die Interviewantworten zur Klärung diverser komplexer medizinischer Fachbegriffe kontrollieren möchte, dann hat das auch für die Leserschaft Bedeutung. Das ist im Sinne der Richtigkeit, der journalistischen Sorgfaltspflicht und somit auch in meinem Sinne.

Was ich nicht toleriere: Wenn ausgerechnet die kontroversesten, ehrlichsten, undiplomatischsten Antworten rausgestrichen werden. Wenn ich jemandem eine Plattform biete und die Leute mich dann damit nerven, dass sie gerne noch vorher ihre eigenen Zitate gelesen hätten, bevor der Beitrag erscheint. Wie wär’s damit: Du sagst mir einfach nur dann ein Interview zu, wenn du dir bei dem Thema sicher und in der Lage bist, ein ordentliches Gespräch zu führen. Und wenn du dir nicht sicher bist, ob du während des Interviews völligen Scheiß geredet hast, dann denke besser nach, bevor du sprichst. Schließlich ist die Antwort, „Das kann und möchte ich jetzt lieber nicht beantworten, weil ich nichts Falsches sagen will“ eine Antwort, die ich als Redakteurin akzeptiere.

Selbst Interviewanfragen gestalten sich zunehmend schwierig: „Kann ich die Fragen vorher sehen?“, „Die Fragen passen nicht zu unserem Künstler/unserer Künstlerin“, „Kann man dieses und jenes noch im Artikel erwähnen?“ – Was glauben die Leute eigentlich? Mein Job ist es nicht, euer Produkt, eure Marke, eure/n KünstlerIn optimal in Szene zu setzen und zu promoten – sondern darüber zu berichten. Wenn euch die Plattform, die euch JournalistInnen bieten, nicht werblich genug ist, dann gibt’s da ja auch noch die Option, für Inhalte zu zahlen – sprich Werbung zu schalten.

Es gibt so viele interessante Menschen, so viele Produkte, Marken, ExpertInnen, es gibt so viel Stoff für gute Geschichten und so viele Menschen, die ihren eigenen Namen wirklich gerne in den Medien lesen. Wer also meint, Medien auf diese Art und Weise kontrollieren zu können, der sollte aufpassen, dass er nicht an Glaubwürdigkeit verliert und die Geduld „unabhängig“ arbeitender Medienschaffender (deshalb unter Anführungszeichen, weil ich der Meinung bin, dass niemand, der ein Medium bedient, unabhängig arbeitet und auch nicht unabhängig arbeiten kann) ausreizt. Denn der Einfluss von Medien ist, selbst heutzutage, nicht so irrelevant, wie viele vielleicht meinen.

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