Es gibt Tage, da zweifelt man sogar als Feministin am eigenen Körper

Es gibt Tage, an denen ich mich stark fühle. Tage, an denen ich das Frausein liebe und stolz darauf bin, in diesem Körper wohnen zu dürfen. Tage, an denen ich damit klarkomme, nicht dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen und mich nicht an Ideale anzupassen, auf Schminke verzichte, aufs Rasieren, aufs Stylen. Tage, an denen ich stolz darauf bin, selber entscheiden zu können, wie ich aussehen möchte. Tage, an denen ich mich Trends und temporären Idealen widersetzen und sagen kann, „große Busen sind zwar nice, aber es ist okay, dass ich anders aussehe.“

Es gibt Tage, an denen ich Artikel und Kommentare im Internet lese, in denen Frauen und Männer über #metoo debattieren oder darüber, wie Frauenkörper auszusehen haben. Ob und wie Frau untenrum rasiert sein soll, welchen BMI sie haben darf und wann eine Frau als schön gilt.

Aber es gibt auch Tage, an denen ich durch Instagram scrolle und mir denke, dass ich auch mal was „richten“ sollte. Es gibt vieles an meinem Körper, das ich ändern will, wenn ich mich nur lange genug gewissen Reizen (auf Instagram, Pinterest etc.) aussetze. Manchmal fühle ich mich schwach und kraftlos. Dann denke ich, wenn ich nur dieses und jenes ändere, werde ich rundum glücklich sein.

Es gibt diese Phasen, in denen mich diese Diskussionen über Schönheitsideale und Feminismus ermüden. Diskussionen, die ich auch mit meinem Partner führe. Ich versuche, geduldig zu sein und Menschen, die Feminismus und das Auflehnen gegen unrealistische Schönheitsideale für unsinnig halten, die sagen, „Sind eh schon alle gleichberechtigt! Wozu also Feminismus?!“ zu erkären, dass ein bisschen mehr Toleranz, ein bisschen mehr Feingefühl auch ihnen zugute kommt. Dass wir alle davon profitieren könnten, wenn wir nicht nur die Körper, die wir in Filmen, in Pornos und in der Werbung sehen, für schön erklären. Dass wir nicht nur die Karrieren, die Leben und Charaktere, die wir vorgelebt bekommen, für erfolgreich und erstrebenswert halten. Dass es uns im Kopf freimacht, wenn wir uns klar machen, dass die Entscheidung darüber, wie wir unser Leben leben, immer noch bei jedem von uns liegt.

An manchen Tagen fühle ich mich im Vergleich hässlich. Manchmal denke ich mir, dass die 18-jährigen selbsternannten Instagram-Models mit ihrer straffen Haut, die in Hotpants, ihren weißen Nikes in Russenhocke am Boden posen, wirklich schön sind, während ich und alle anderen, die „normal“ aussehen, es nicht sind. An solchen Tagen widere ich mich selber an. Ich fühle mich wie ein Verräter. Weil ich doch so sehr versuche, nach dem zu leben, was ich selber predige. Weil ich dachte, ich hätte diese Kämpfe ausgekämpft, die Selbstzweifel besiegt. Die Wahrheit ist, ich schaffe es auch nicht immer, mich abzugrenzen. Ich bin sensibel, was meinen eigenen Körper betrifft und ich nehme mir Kommentare darüber extrem zu Herzen. Ich kann mich immer noch daran erinnern, dass mein Papa mit Vierzehn mal zu mir gesagt hat, ich solle beim Essen ein bisschen aufpassen, sonst werde ich fett. Natürlich hatte ich auch sofort die passende Entschuldigung in meinem Kopf. Wie Frauen das eben oft so machen: Männer in Schutz nehmen, die mit ihrer Ignoranz und ihrem Unwissen verletzten. Habe, obwohl er mich beleidigt und verletzt hat, sofort eine Entschuldigung für sein Fehlverhalten gesucht: „Er meint es ja nur gut“, habe ich mir gesagt. In Wahrheit hat er sein Problem mit meinem Körper zu meinem Problem gemacht.

Kommentare über den eigenen Körper merkt man sich für immer. Auch, wenn vieles nur dahingesagt ist, „Hey, du ein bisschen zugenommen, oder?“, „Rasierst du deine Beine nicht mehr?“, „Du hast ein rundes Gesicht, Hamsterbacken, da steht dir diese Frisur nicht“. Sowas durchfährt deinen Körper wie ein Schlag. Es tut weh. Weil man das Gefühl bekommt, körperlich unzureichend zu sein. Abstoßend. Unattraktiv. Ekelhaft.

Das einzig Ekelhafte ist aber, dass viele Menschen nicht in der Lage sind, Frauen eben nicht nur auf Äußerlichkeiten zu reduzieren. Frauen sollen immer perfekt gepflegt, sauber, rasiert, geduscht, geschminkt, gestylt sein. Als erstes sieht man unseren Körper. Unsere Hülle. Wir sind kleine Püppchen. Hübsche Dekos. Ein bisschen Persönlichkeit steht man uns auch zu. Aber wir müssen laut werden und wütend, damit man uns wahrnimmt.

Wir können immer noch selber entscheiden, ob wir da mitmachen wollen. Wir müssen nicht perfekt sein. Sich dagegen aufzulehnen, ist ein Kampf. „Ein Kampf, an dem man zerbrechen kann, wenn man zu viel darüber nachdenkt“, hat meine Mama erst kürzlich zu mir gesagt. Ich weiß das. Ich bin schon tausend Mal daran zerbrochen. Jedes einzelne Mal, wenn ich das Problem, das andere Menschen mit meinem Körper hatten, zu meinem gemacht habe. Diese Narben brennen auf meiner Seele und ich weiß, dass sie nicht mehr weggehen werden. Ich werde trotzdem dagegen halten.

Irgendwann werden mich solche Kommentare nicht mehr verletzten. Ich werde selber so weit sein, dass mein Selbstbewusstsein und meine innere Stärke meine Seele soweit beschützen können, dass diese Worte an mir abprallen. Mein Körper wird immer meine Hülle sein. Und mein Selbstbewusstsein meine Rüstung.

Advertisements