Keine Angst vor dem „Wir“

Ein paar Gedanken zum Sonntag. Ich weiß, es klingt lächerlich, aber meine größte Angst in Beziehungen war immer, zu einem „Wir“ zu verschmelzen, in dem keiner mehr ein „Ich“ sein darf. Ich hatte Angst, plötzlich nur mehr als fixe Einheit gesehen zu werden, in der keiner der beiden mehr Interessen und Freundschaften nach außen pflegt. Ich habe mich lange gegen das „Wir“ geweigert und Beziehungen belächelt, in der man nur mehr mit „wir“ antwortet und alles, wirklich alles, mit dem anderen koordiniert.

Seit über einem Jahr bin ich mit einem großartigen Mann zusammen. Alte Gewohnheiten abzulegen fiel mir trotzdem schwer. Anfangs wehrte ich mich gegen dieses bedrohliche „Wir“ mit Händen und Füßen, wehrte mich gegen ein gewisses Maß an Alltag und Routine. Aber irgendwann kam dieser Punkt, an dem ich es leid war, mich gegen das Unvermeidliche zu stellen: die Tatsache, dass man eben zu einem Wir wird – wenn man Glück hat. Und dass das nicht einschüchternd sein muss, sondern unglaublich bereichernd und schön sein kann. Kommt aber natürlich darauf an, wie viel Mühe man sich mit seiner Beziehung gibt.
Vielleicht hatten meine anfänglichen Sorgen mit Kontrollverlust zu tun. Plötzlich ist da nicht mehr nur die eigene Person, der man entsprechen muss. Plötzlich ist jemand da, der einem schonungslos den Spiegel vorhält. Ein Korrektiv. Ein anderer Mensch, der auf die eigenen Aussagen und Taten reagiert. Jemand, auf den man Rücksicht nehmen muss, wenn man will, dass es funktioniert. Respekt und Aufmerksamkeit waren und sind für uns beide nicht verhandelbare Eckpfeiler unserer Beziehung und das ist auch verdammt gut so. Ich will meinen Freund nicht bevormunden oder jemandem aus ihm machen, der er nicht ist. Umgekehrt ist das genau so. Ebenso verkehrt, wie jemanden verändern zu wollen, ist diese komplette Verschmelzung zweier Individuen. Denn nur, weil man ein Wir ist, sollte man nicht aufhören, man selbst zu sein. In jeder Beziehung gibt es mal Diskussionen, Steit, Missverständnisse und Probleme. Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, auf seinen individuellen Standpunkt. Wichtig ist, dass man gemeinsam einen gemeinsamen Lösungsweg findet. Klingt abgedroschen, ist aber wahr: Jeder gemeinsam bewältigte Konflikt stärkt die Beziehung und ja, das kann dazu führen, dass man noch mehr zu einem Wir wird.

Man kann zusammenwachsen und zusammen wachsen, ich finde, das ist kein Widerspruch. Ich bin froh für jeden einzelnen, gemeinsamen Tag und für dieses Bisschen Alltag, den wir uns schaffen. Ganz so, wie es für uns am besten passt. Ich sage bewusst nicht „Alltag meisten“, das klingt schrecklich. So, als ob man sich nur von cooler Pärchen-Aktivität zur nächsten hantelt, aber alles dazwischen ist nur nervige Routine. Diesen „Alltag“ hat man immer noch selber in der Hand. Ganz egal, wieviel beide arbeiten müssen und wie gestresst beide sind. Man kann die sehr gute Zeiten ebenso schätzen wie die „normalen“. Ich bin sowohl froh über unsere aufregenden Dates, unsere coolen Urlaube und die Events, auf die wir gemeinsam gehen, wie über unsere gemeinsam verbrachten Wochenenden, an denen wir bis Mittag ausschlafen, Croissants und Erdbeeren frühstücken, beim gemeinsamen Spaziergang den Frühling begrüßen und abends Captain Marvel schauen. Vor allem bin ich froh für die Erkenntnis, dass, wenn man Egoismus und Vorurteile loslässt, mit dem schönsten Geschenk belohnt wird, das es gibt. Liebe.
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