Wie real ist die Quarterlife-Crisis?

Mit 30 sollte man schon alles erreicht haben. Geiler Job, geile Freundin oder sexy boyfriend, geile Eigentumswohnung, cooles Auto. Mindestens zwei Mal jährlich gehört es sich, eine Fernreise zu machen – nach Bali oder in ein anderes, aktuell angesagtes Schwellenland, von dem man nicht mal genau weiß, wo es auf der Landkarte liegt. Mit 30 sollte man „fertig“ sein. Angekommen. Man sollte sich gefunden haben und der Mensch geworden sein, der man sein will.

Perfekte Ausbildung, perfekter Job, perfekter Partner, Statussymbole – es gilt, zu gelten und das eigene Leben perfekt im Griff zu haben. Durchgestylt und erfolgreich. Trennungen, Kündigungen und Lebenskrisen sind schwarze Schandflecke am Lebenslauf, die man lieber vertuscht. Man nimmt sich lieber  „Auszeiten“, macht „Weltreisen“ und „Bildungskarenzen“. Man versucht, binnen weniger Monate zerbrochene Träume, enttäuschte Hoffnung und Realitätsschocks zu überwinden und dem Hamsterrad zu entkommen. Denn das Leben verläuft nunmal selten so, wie man es geplant hatte. Und diese Vorstellung, mit 30 angekommen zu sein, entpuppt sich als utopische Idee.

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Mit etwa 24 Jahren hatte ich das, was man vermutlich als Quarterlife-Crisis bezeichnen würde. Auf einmal war ich da, wo ich immer hinwollte: In der Redaktion eines Magazins, das ich schon mit 16 verehrt habe. Ich hatte meinen ersten akademischen Titel in der Tasche, verdiente meine eigene Kohle, konnte beruflich sehr coole Reisen machen und hatte „coole“ Freunde. Ich stand auf sämtlichen Gästelisten der Stadt und konnte mich bei Events gratis betrinken. Klingt ziemlich lässig, oder? Tja, die Schattenseite waren weniger cool: Ich musste 60 Stunden die Woche arbeiten, konnte nicht mehr abschalten und habe sogar nachts von der Arbeit geträumt. Unterm Strich habe ich auch sehr, sehr wenig Geld verdient. Ich habe diesen Job gern gemacht, weil ich mich selbst in diesem Job cool fand und es wurde mir auch immer gesagt, dass mein Job „echt cool“ sei. Ich hatte mich völlig aufgeopfert – aber ich wurde immer unglücklicher. Ich konnte mir nicht erklären, warum.

Ich träumte von diesem Job, da war ich noch ein Teenager. Ich hatte dieses Ziel und die Vorstellung, wie es sich anfühlen muss, wenn ich es erreicht habe. Als mir klar wurde, dass ich dieses Ziel, auf das ich sehr lange hingearbeitet habe, erreicht hatte und dass es keineswegs so war, wie ich es mir vorgestellt hatte, stürzte ich in ein ziemlich tiefes Loch. Eine Frage quälte mich unaufhörlich: Sollte das wirklich alles sein? Bin ich jetzt schon „fertig“?

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Ich fühlte mich nicht angekommen. Ganz im Gegenteil. Unterbewusst suchte ich nach Dingen, die in meinem Leben nicht perfekt waren und wurde fündig: Ich sollte mehr Geld verdienen. Ich sollte mehr Uni Abschlüsse machen. Ich sollte endlich, endlich einen Mann finden, der nicht schon nach drei Wochen genug von mir hat. Ich sollte mehr reisen. Meine Zeit besser nutzen. Sport machen. Bloggen. Networken. Ich sollte, ich sollte, ich sollte. Schon der bloße Gedanke an die Arbeit machte mich fertig. Ich gab immer mehr Geld aus, bestellte wie verrückt Klamotten und fühlte mich immer verlorener. Den Punkt, an dem mir bewusst wurde, dass ich etwas zu ändern hatte, weiß ich nicht mehr. Es war mehr so ein Gefühl: ich fühlte mich rastlos, machte mir plötzlich ununterbrochen Sorgen um die Umwelt, ich stellte meine gesamte Lebensweise infrage.

Jeder Tag wurde zur Qual. Irgendwann war ich soweit: Ich kündigte den Job, fing meinen Master an, reiste viel und arbeitete als freie Journalistin. Ich fühlte mich definitiv freier – aber das Gefühl ging trotzdem nicht weg. Es war, als lebte ich ein halbes Jahr lang eine Lüge, denn ich wusste: egal, wohin ich ging, ich würde mir immer selber begegnen und auch meiner Desillusionierung. Ich suchte überall Erfüllung und Zufriedenheit: in Kolumbien, in Kalifornien, in Paris, in Italien, in Kroatien, im nächsten Job, im nächsten Blogartikel, in der nächsten Liebschaft, in der nächsten Zalando-Bestellung. Ich habe sie nirgends gefunden.

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Es klingt wahrscheinlich ziemlich lame – aber dann fing ich mit Yoga an und damit, mein Leben aufzuräumen. Ich rupfte das allerletzte Hühnchen mit meinem Ex-Freund,  schoss kurz darauf einen Typen ab, der mir ebenfalls nicht gut tat und fing an, für mich einzustehen. Ich sagte Nein zu Jobs mit wahnsinnigen Verträgen und unterirdischen Gehaltsangaben. Kurzum fing ich an, auf mein Bauchgefühl zu hören und Situationen für mich abzuwägen. Dieses Bauchgefühl sagte mir leider auch sehr oft sehr deutlich: Du musst das nicht tun. Du musst das nicht sein und es ist okay, wenn du einfach nur Du bist und nicht dieses oder jenes sein willst.

Vor einigen Tagen hatte ich ein Gespräch mit dem Psychotherapeuten Christian Beer. Er war früher der Trainer der Wiener High-Society und hatte irgendwann genug von dem Getue. Nach einer toughen Trennung widmete er sich intensiver der menschlichen Psyche und mittlerweile ist er mein Lieblings-Experte in Sachen Psychologie. Er hat während unseres Gesprächs einen sehr schönen Satz gesagt: „Wenn die eigene Identität nicht mit meinem Lebensstil vereinbar ist, man versucht, gemäß den eigenen Idealen zu leben und dieses Vorhaben daneben geht, dann stellen sich Frust und Depression ein.“ So treffend hat noch niemand meine damalige Situation formuliert, denn das war genau das, was ich damals tat: Ich hatte eine Vorstellung von mir selbst und wollte diese unbedingt umsetzen. Aber diese Ideale hatten sehr wenig mit meiner eigentlichen Identität zu tun.

Ich war damals sehr kurz vor einem Burn-Out, glaube ich. Ich bin froh, dass ich die Kurve gekriegt habe. „Eine Depression ist eine Warnung. Man lebt nicht so, wie man eigentlich gerne leben würde. Wenn man sich selber ständig überanstrengt, dann hat die Depression ein leichtes Spiel“, erklärt mir Beer. „Bei einer Depression geht es ja nicht um traurige Gefühle sondern um ein Leere-Gefühl. Wenn ständig Überanstrengung besteht, vor allem in diesem Alter zwischen 25 und 35, dann kann es schon sein, dass man die eigene Identität nicht genug lebt und dass man nicht selbstbestimmt ist. Dann bekommt man irgendwann die Krise mit den eigenen Werten und Bedürfnissen.“

Beer meint, dass ein wahnsinniger Erfolgsdruck auf Menschen lastet, den sie sich auch selber machen. Eine konstante, ständige Steigerung wird erwartet: „Das geht nur so lange gut, wie man es sich selber einteilen kann. Wenn man gezwungen wird, schwindet der intrinsische Wert, sich zu verbessern. Dann fühlt man sich getrieben und frustriert. Mir fällt bei Patientinnen und Patienten oft auf, dass sie sehr statisch denken: Sie alle haben diese fixe Vorstellung, wie ihr Leben sein soll. Dieses Realitätsprinzip anzuerkennen, fällt vielen schwer. Es ist eben ein Lernprozess.“

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Im Endeffekt geht es also gar nicht darum, keine Ziele zu haben – sondern diese Ziele zuerst mal mit den eigenen Werten gegenzuchecken. Genau zu wissen, wer man ist, ist nicht nur die Voraussetzung für ein glückliches Leben, sondern auch für ein erfolgreiches. „Es ist ein Vorteil der Jugend, dass man sehr unbeschwert an viele Dinge herangeht. Der Realitätscheck kommt dann später. Aber hier kann die Digitalisierung zum Beispiel negativ beinflussend sein: Wenn ein Mensch ständig mit dieser Überidealisierung konfrontiert ist und man deshalb versucht, die eigene Identität zu pushen und man genug positive Resonanz in Form von Likes und Kommentaren erhält, dann ist das zwar super – aber wenn die Resonanz ausbleibt, macht es einen unglücklich. Vor allem Frauen leben oft massiv nach diesen Digitalvorbildern und machen sich einen wahnsinnigen Stress, um makellos auszusehen.“ Deshalb gilt es, eine gefestigte, eigene Identität zu entwickeln, so Beer. „Man muss eine Ich-Grenze ziehen und verstehen, was Realität ist.“

Damit habe ich lange gekämpft. Wahrscheinlich suche ich meine Ich-Grenze auch heute noch, obwohl ich sagen muss, dass ich mit 24 sicher weniger Ahnung hatte, als heute. Trotzdem: Wenn etwas nicht so gut läuft, stelle ich mich immer noch infrage. Das kann ich nicht abstreiten – und es ist auch definitiv keine Seltenheit. „Es ist erschreckend, wie sehr junge Menschen ihre eigene Identität infrage stellen, wenn etwas in ihrem Leben nicht so verläuft wie geplant, zum Beispiel wenn ein Partner sie verlässt. Man muss sich sagen, dass es okay ist, etwas nicht zu sein. Man muss lernen, mit verletztenden Erfahrungen umzugehen.“

Wie Christian Beer schon sagte: das alles ist ein Lernprozess, der weit über das Teenageralter hinausgeht. „Mit 18 ist man psychologisch gesehen noch lange nicht erwachsen. Irgendwann im Leben kommt der Punkt, an dem man sich fragt: Wer bin ich? Was mache ich? Wie lebe ich? „Crisis“ ist meiner Meinung nach ein Lifestyle-Begriff. Solche Phasen kann man immer wieder im Leben haben.“ Deshalb muss man diese Phasen nicht unbedingt als Krise sehen. Das habe ich jetzt verstanden. Vielmehr sind es Chancen und die Möglichkeit zur Selbstrevision.

Mittlerweile denke ich nicht mehr viel übers Scheitern nach, über Enttäuschungen oder Krisen. Wenn etwas nicht funktioniert, dann wollte ich es offenbar nicht mehr so sehr – das gilt für Beziehungen, für Jobs, Projekte, Freundschaften. Wahrscheinlich lebt es sich mit dieser Erkenntnis nicht leichter. Aber an etwas festzuhalten, von dem man nicht (mehr) überzeugt ist, zieht einen noch mehr runter. Loslassen kann und muss man lernen – das Loslassen von Menschen, Idealen, Vorstellungen und Vorurteilen kann sehr befreiend sein, vor allem, wenn man irgendwann zurückblickt und erkennt, dass sich diese Sorgen in Wohlgefallen aufgelöst haben. Denn manchmal übertrifft die Realität jede Vorstellung. Manchmal fühlt sich das Unvorhergesehene so viel leichter an als der alte, verstaubte Plan. Vor diesem Hintergrund sollte man sich fragen, ob es nicht sehr schade wäre, wenn man mit 30 schon voll entwickelt wäre: dann wäre das restliche Leben ja ziemlich langweilig…

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