Warum ein Drittel aller Frauen beim Sex nicht kommen kann

Kaum eine Körperfunktion wird dermaßen mystifiziert und hinter vorgehaltener Hand diskutiert wie der weibliche Orgasmus. Obwohl es prinzipiell erfreulich ist, dass sich immer mehr Artikel mit dem weiblichen Höhepunkt auseinandersetzen, stelle ich in letzter Zeit fest, dass viele davon die weibliche Psyche als Grund für das Fehlen eines Höhepunkts verantwortlich machen. Oft werden verschiedene Themen und Symptome in einen Topf geworfen, was dazu führt, dass das Ausbleiben des Höhepunkts pathologisiert, also als krankhaft, erachtet wird und Frauen noch weniger Lust haben, sich mit ihrer eigenen Anatomie auseinanderzuetzen. Dass sich manche Frauen „nicht fallen lassen können“, mag manchmal zutreffen – oft liegt es aber nicht am „Loslassen“, sondern ganz einfach daran, dass die wesentlichste Stelle beim Sex nicht ausreichend erregt wird.

Die Orgasmusfähigkeit einer Frau hängt nicht immer von psychologischen Faktoren ab: Ja, Frauen mögen es zwar warm und finden es schön, wenn sie ihrem Partner vertrauen können, vielleicht sogar in ihn verliebt sind. Wirklich ausschlaggebend für den Orgasmus ist das aber nicht. Auch das bloße Denken an Ryan Gosling versetzt die wenigsten Frauen in erregtes Stöhnen, sorry Cosmopolitan.

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Gesucht und gefunden: Die Klitoris

Das, was bei den meisten Frauen wirklich essentiell für ihren Orgasmus ist, ist das Stimulieren der Klitoris. Wenn du noch immer nicht genau weißt, wo die bei deiner Partnerin eigentlich liegt, dann solltest du dich schleunigst auf die Suche danach machen – und wenn du dieses Epizentrum der weiblichen Lust gefunden hast, darfst du dir gerne merken, dass das die wahrscheinlich wichtigste und sensibelste Stelle am Körper deiner Partnerin ist. Es bringt ihr also nichts, sie stundenlang zu Fingern oder zu penetrieren, wenn die Klitoris nicht ausreichend mitstimuliert wird.

Vom Aufbau her sind Klitoris und Schwellkörper bzw. die Eichel des männlichen Penisses sehr ähnlich. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass etwa 94 Prozent der Frauen klitorale Stimulation benötigen, um einen Orgasmus zu erleben. In der Klitoris befinden sich etwa 8.000 Nervenenden – etwa zweimal so viele wie im Penis. Auch, wenn der sichtbare Teil der Klitoris sehr klein wirkt, kann sie etwa neun Zentimeter lang sein. Der sichtbare Teil sitzt am oberen Teil zwischen den äußeren Vulvalippen und sieht bei vielen Frauen aus wie ein kleiner Knubbel, der in der Fachsprache Eichel oder Glans clitoridis genannt wird. Bei vielen Frauen bedeckt ein schützendes Häutchen diesen empfindlichen Teil, ähnlich wie eine Vorhaut beim Penis. Diesen Punkt kann man mit den Fingern sehr gut stimulieren und wie bereits gesagt, kann dieser Punkt bei vielen Frauen durch die Bewegungen beim Sex gut mitstimuliert werden, bei anderen wird dieser Punkt durch reine Penetration nicht ganz so leicht erregt. Der größere Teil der Klitoris verläuft im Körper: Links und rechts von der Glans clitoridis verlaufen zwei Schwellkörperschenkel und zwei Vorhofschwellkörper unter der Haut, die bei Erregung mit Blut gefüllt werden und anschwellen. Auch die Glans clitoridis kann anschwellen und sieht dann praller aus. Dadurch wird die Sensibilität in diesem Bereich extrem erhöht.

Durex-Experten gehen davon aus, dass die meisten Männer leider nur eine ungefähre Vorstellung davon haben, wo die Klitoris ihrer Partnerin ist. Zugegeben: Die Vulva (= das gesamte äußere weibliche Geschlechtsorgan, also Venushügel, Schamlippen, Klitoris) kann von Frau zu Frau sehr unterschiedlich aussehen . Allerding ist es so, wie mit der Nase im Gesicht: Zwar sieht jede anders aus, hat aber ihren ganz bestimmten Platz und ist somit kein Mythos. (Kleiner Self-Check: Weißt du wirklich ganz genau, wo die Klitoris deiner Freundin ist? Weißt du, wie sie sich anfühlt? Wenn nicht, dann frag‘ deine Freundin einfach mal danach. Sie wird es dir sicher gerne zeigen.)

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Es gibt viele Frauen, die darauf stehen, ihren Partner tief in sich zu spüren und hart genommen zu werden. Das bedeutet aber nicht, das die Stimulation der Klitoris vor oder während der Penetration nicht wichtig für sie ist. Deshalb, liebe Männer: Schreckt euch nicht, wenn sich eure Partnerin während der Penetration selber berührt, um sich zu stimulieren oder wenn sie euch bittet, dies zu tun. Das hat nichts mit eurer Potenz zu tun sondern einfach damit, dass dieser Bereich essentiell für das Lustempfinden eurer Partnerin ist.

Bei manchen Frauen liegt die Klitoris so, dass sie beim Sex mitstimuliert wird und sie dadurch beim partnerschaftlichen Sex kommen. Häufig ist das bei er Missionarsstellung oder in der Reiterstellung der Fall. Bei vielen Frauen ist die anatomische Position der Klitoris der Grund dafür, warum sie intravaginal nicht ganz so leicht kommen können wie andere. Das bedeutet aber nicht, dass sie gar nicht kommen können.

„Viele Frauen glauben, dass sie beim Sex mit dem Partner einfach keinen Orgasmus bekommen können. Dabei ist der Großteil aller Frauen orgasmusfähig. Studien zeigen, dass Frauen, die sich selber befriedigen, nach etwa drei Minuten zum Höhepunkt kommen“, erklärt mir die Wiener Sexualmedizinerin Dr. Michaela Bayerle-Eder. „Auch der Mythos, dass Frauen nicht schnell kommen können, stimmt einfach nicht„, so die Ärztin. Etwa 90 Prozent aller Frauen sind in der Lage, zu kommen. Nur etwa zehn Prozent leiden tatsächlich an einer Orgasmusstörung nach DSM-5 Definition, also dem völligen Fehlen der elektrophysiologischen Entladung bei manueller oder partnerschaftlicher Stimulation. Verantworlich dafür sind in vielen Fällen Traumata (z.B. durch sexuelle Übergriffe in der Kindheit o.ä.), die Einnahme von Medikamenten oder eine Nervenstörung.

„In den häufigsten Fällen ist das Fehlen des Höhepunkts aber ein Kommunikationsproblem„, so Bayerle-Eder. „Viele Frauen reden nicht mit ihrem Partner. Dabei ist es am besten, wenn man mit der Wahrheit herausrückt. Auch, wenn es unangenehm ist.“ Es sei unsinnig, sich für die eigene Anatomie zu entschuldigen. „Den meisten Männern ist es durchaus wichtig, ihre Partnerin zum Höhepunkt zu bringen. Oft ist es ihnen sogar wichtiger als den Frauen selbst. Man muss ihnen erklären, dass dies anatomische Gründe hat und nicht mit ihrer Potenz zusammenhängt. Der Partner fühlt sich zurückgesetzt, wenn er merkt, dass er seine Partnerin nicht befriedigen kann. Umgekehrt ist dies ja auch der Fall: Wenn die Frau merkt, dass ihr Partner beim Sex mit ihr nicht kommt, aber sehr wohl, wenn er sich selber befriedigt, fühlt sie sich zurückgesetzt. Darüber zu reden kann für beide Seiten befreiend sein. Denn beide denken in so einer Situation, dass etwas nicht mit ihnen stimmt.“ Bayerle-Eder bringt mich auf die Idee, einen Fragekatalog zusammenzustellen, den Paare miteinander durchgehen können. Ihr findet ihn am Ende des Textes.

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Mein Tipp an alle Männer, die sich nach ihrem Höhepunkt nicht ganz sicher sind, ob ihre Freundin beim intravaginalen Geschlechtsverkehr auch gekommen ist: Rollt euch nicht von ihr herunter und schlaft sofort ein, das ist vermutlich das Schlimmste, das man machen kann, auch partnerschaftlich gesehen. Fragt sie stattdessen, ob sie auch wirklich einen Orgasmus hatte. Wenn sie verneint, dann streichelt sie an ihrer intimsten Stelle. Wenn eure Finger wirklich an der Klitoris liegen und diese mit etwas Druck stimuliert wird, könnt ihr sogar fühlen, wie sie anschwillt und sich eure Partnerin zunehmend dem Höhepunkt nähert.

Der weibliche Orgasmus ist für Frauen alles andere als unwichtig und sollte nicht mit faulen Ausreden wie „Sie tut sich halt schwer“ oder „Bei ihr geht das eben nicht“ ignoriert werden. Das ist auch mein Appell an Frauen: Wenn man nie kommt, kann das sehr frustrierend sein. Aber bitte resigniert nicht und nehmt diesen Zustand als gegeben hin – redet mit eurem Partner und zeigt ihm, wo ihr angefasst werden wollt. Das gilt auch für Gspusis: Ihr sollt beim Sex generell auf eure Kosten kommen können. Fasst Mut und sagt klar und deutlich, was ihr mögt und welche Berührungen euch nicht so gefallen. Euer Partner wird euch dankbar dafür sein.

Indirekt kann das Fehlen eines weiblichen Höhepunkts die Partnerschaft schädigen – denn beim Orgasmus wird enorm viel Oxytocin ausgeschüttet. Ein Hormon, dass umgangssprachlich auch als „Bindungshormon“ bezeichnet wird und eine emotionale Nähe zum Partner herstellt. Die elektrophysiologische Entladung ist auch deshalb für Frauen sehr wichtig, weil dadurch Spannung und Erregungspotential abgebaut wird, erklärt mir die Sexualmedizinerin. „Das gehört ganz einfach zur Organfunktion dazu“, so Dr. Bayerle-Eder. Daran ist nichts mysteriös oder schwierig – oder gar unmöglich. Wichtig ist, so die Sexualmedizinerin, dass man das Thema nicht pathologisiert: Die meisten Menschen sind in der Lage, einen Orgasmus zu erleben. Auch miteinander.

Meiner Meinung nach ist es deshalb falsch, Sex als „schönste Nebensache“ zu betiteln. Klar, die Priorität, die Sex im Leben eines Menschen einnimmt, ist sehr individuell und kann auch mal variieren – aber die Relevanz eines erfüllenden Sexlebens vor allem in einer Beziehung generell herunterzuspielen, ist weder bereichernd für die Partnerschaft, noch erfüllend für einen selbst.

Ankündigung: Vom 29.-30. November findet im Wiener AKH MedUni Hörsaalzentrum der 6. Kongress der Österreichischen Gesellschaft zur Förderung der Sexualmedizin und der sexuellen Gesundheit statt. Es erwarten euch spannende Vorträge von a. o. Univ. Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Univ. Prof. Dr. Christian Dadak und Dr. Peter Mitterer statt. Anmeldungen sind unter www.sexualmedizin.or.at möglich.

 

Fragekatalog für Paare

1. An welcher Stelle magst du es besonders, wenn ich dich berühre?

2. Kannst du beim Sex mit mir kommen?

3. Wie oft kannst du beim Sex mit mir kommen?

4. In welcher Stellung kannst du am ehesten einen Höhepunkt mit mir erleben?

5. Gibt es Stellen, an denen ich dich berühren kann, um dir noch intensivere Höhepunkte zu bescheren?

6. Bei welchen Stellungen kannst du nicht so einfach kommen?

7. Könntest du mir zeigen, wie du angefasst werden möchtest?

8. Wie wichtig ist dir das Vorspiel, also Küssen und Streicheln vor dem Sex?

9. Wie wichtig ist es dir während dem Sex, an bestimmten Stellen geküsst/gestreichelt zu werden?

10. Kommst du zum Höhepunkt, wenn du dich selber berührst?

11. Wie lange dauert es etwa, bis du kommst, wenn du dich selber berührst?

12. Wie intensiv kommt du, wenn du dich selber stimulierst?

13. Was davon können oder sollen wir in unser Liebesspiel integrieren?

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