Bad Feminist: Über Körperbehaarung, Zweifel und Selbstliebe-Propaganda auf Instagram

Wieder mal einer dieser Tage, an denen ich mich wie eine schlechte Feministin fühle: Es ist Sommer, es hat fast 30 Grad in Wien, ich bin an der Donau und ich traue mich nicht, meinen Bikini anzuziehen. Der Grund dafür befindet sich zwischen meinen Beinen. Ich will ganz ehrlich sein und ich weiß, dass das jetzt sehr persönliche Details sind, aber ich wollte schon länger über das Thema Körperbehaarung und Feminismus schreiben und mache das jetzt auch, auch wenn mir das wirklich unangenehm ist. Sag ich ganz offen.

Ich gehe seit über einem Jahr regelmäßig zum Waxing weil ich immer sehr unzufrieden mit meinem „Look“ da unten war und mich im Bikini trotz Rasur immer unwohl gefühlt habe. Und mit „immer“ meine ich seit meiner Pubertät. Ich habe sehr helle Haut und da sieht man wirklich jedes. verdammte. Haar.

Da meine Depiladora (die Lady, die das Waxing durchführt) derzeit schwer ausgebucht ist und ich ewig auf einen Termin warten musste, ging sich ein Waxing Besuch vor besagtem Badetag an der Donau leider nicht mehr aus. Und so saß ich auf einem Boot in brütender Hitze und ärgerte mich den halben Nachmittag über mich selbst. Ich fand es unfeministisch von mir, mich selbst wegen ein paar Haaren zu geißeln. Ich ärgere mich über meine eigene Unfähigkeit, meinen Körper immer so anzunehmen, wie er nunmal ist. Denn genau das propagieren wir auf Instagram doch ständig. Diese unabdingliche Selbstliebe, die aus der absoluten Akzeptanz des eigenen Körpers und der eigenen Persönlichkeit resultieren sollte. Ich lese jeden Tag die Beiträge von Frauen, die ihre Körperbehaarung stolz sepiagefiltert auf Instagram präsentieren und einen verträumten Text darüber schreiben, wie schön es doch ist, sich selber zu lieben. Ich habe so viele ähnliche Texte verfasst und trotzdem sitze ich immer noch auf diesem verdammten Boot fest und traue mich nicht, ins kalte Wasser zu springen.

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To wax or not to wax…

Das Absurde ist, ich störe mich absolut nicht an der Körperbehaarung anderer Frauen, eher an der von Männern. Ich würde aber nicht im Traum daran denken, eine Frau aufgrund ihrer Achselbehaarung zu verurteilen. Ich mag es nur an mir selber nicht und ja, das ist zu einhundertprozent Prozent sozialisiert, das weiß ich auch. Ich hasse meine Körperbehaarung ganz einfach und ich gebe sehr viel Geld dafür aus, um sie loszuwerden. Ich lasse alle drei Wochen diesen widerlichen Schmerz beim Waxing über mich ergehen und jedes Mal, wenn ich mit gespreizten Beinen auf der Liege meiner unglaublich netten und einfühlsamen Depiladora Wioletta liege, fühle ich mich irgendwie unfeministisch und das macht mich traurig.

Ich glaube, dass das der Grund ist, warum ich schreibe: Ich versuche, mich mit meinen eigenen Vorurteilen zu konfrontieren und mich absichtlich in Situationen zu begeben, um meine Überzeugung auf die Probe zu stellen. Denn auch, wenn eine starke Meinung im Netz immer besonders gut klickt: Man kann Argumente für jede Seite finden aber ich glaube nicht, dass Feminismus wie ein Selbstbedienungsladen funktioniert, in dem man sich einfach nehmen kann, was einem passt. Die Frage, die ich mir nun stelle: Kann man Feministin sein, wenn man immer noch mit sich selber kämpft und es nicht schafft, klassischen Schönheitsnormen zu entsagen? Oder kann man Feminismus als Reifeprozess begreifen, bei dem man sich Schritt für Schritt mehr Offenheit, Toleranz und Akzeptanz nähert, sowohl anderen als auch einem selbst gegenüber?

Nach dem Waxing fühle ich mich zwar sicherer und selbstbewusster in meinem Körper, trotzdem macht es mich traurig, dass ich mich freiwillig einer Norm unterwerfe und mir Schmerz zufüge, nur um dieser Norm zu entsprechen. Oft habe ich das Gefühl, dass in meiner Brust zwei Herzen schlagen. Das eine brennt leidenschaftlich für alle Themen der Gleichberechtigung, für das Hinterfragen von gesellschaftlichen Standards und Schönheitsidealen, für das Benennen von Doppelmoral. Das andere schlägt für Ästhetik, für das Experimentieren mit sämtlichen Formen der Weiblichkeit, für Body Modification. Es zerreißt mich innerlich, weil ich mich einerseits für grandiose feministische Texte begeistern kann, die in mir ein Wechselbad der Gefühle auslösen und bei denen ich laut schreien möchte, „Ja! Genau das!“. Dann ertappe ich mich wieder bei dem Gedanken, dass ich gerne Kim Kardashians Brüste und ihren Po hätte und über Beauty-OPs nachdenke. Dass ich mich selber viel zu flach, zu farb- und formlos fühle, als das ich mich jemals wirklich selber so annehmen könnte, wie ich bin.

Ich glaube nicht mehr daran, dass man Schönheitsideale grundlegend ändern kann und dass wir jemals frei von Idealen sein werden. Wenn ich mir anschaue, wie sehr der „Trend“ gerade wieder zu big booties und big boobs geht, dann bin ich eher der Meinung, wir ersetzen das eine Ideal durch ein anderes. Ich glaube nicht an vermeintliche Body Positivity, verkauft durch Firmen, die Umsätze erzielen wollen. Ich glaube nicht an Pseudo-Diversität und an Plus Size, wenn sich normschöne Frauen in Größe 38 sich auf Werbeplakaten räkeln. Ich glaube auch nicht daran, dass jede Feministin nur uneigennützig ihre Texte schreibt. Wir alle sind Geschäftsfrauen, auf die eine oder andere Art. Und wir alle wollen als schön anerkannt werden und uns einer bestimmten Gruppe zugehörig fühlen. Ich glaube nicht mehr an die Hashtags und Parolen der ewigen Selbstliebe-Propaganda: Sie stresst mich, weil ich weiß, dass ich mich lieben sollte, es aber nicht immer kann.

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Aber ich glaube an Entwicklung, Diversität und daran, dass Akzeptanz ein Prozess ist. Manchmal muss man sich damit begnügen, dass man zwei Schritte nach vorne macht und einen wieder zurück. Momentan versuche ich mir einzureden, dass es okay ist, nicht immer mit allem konform zu sein, was gerade als akzeptabel, politisch korrekt oder sozial erwünscht gilt. In vielen Diskussionen über Feminismus bin ich anderer Meinung, zum Beispiel, wenn es um Körperbehaarung geht. Nicht etwa deshalb, weil ich mich als Querulantin hervortun will, sondern weil ich mir einen Feminismus wünsche, der Frauen die freie Wahl lässt, ohne sie einzuschränken. Ich weiß aber auch, dass das eine sehr hedonistische Sichtweise auf Feminismus ist.

Ich bin jetzt 27 Jahre alt und immer noch dabei, mich selbst zu finden. Unser Körper ist unser Zuhause, aber auch unser Werkzeug. Mit ihm vermitteln wir, wer wir sind, wofür wir stehen und wer wir sein wollen. Mit ihm verdienen wird Geld, durch ihn können wir leben, lieben, Kinder zur Welt bringen. Wir können Dinge erschaffen, uns aber auch selbst zerstören. Wofür steht eine Frau, die sich die Körperhaare entfernt? Wofür steht eine Frau, die sich die Brüste vergrößern, die Lippen aufspritzen lässt? Kann sie Feministin sein, wenn sie sich an gängige Schonheitsideale anpasst? Wie kann eine Frau für Body Positivity stehen wollen, wenn sie Kleidergröße 38 trägt? Das sind Fragen, die mich in letzter Zeit sehr beschäftigen.

Trotz meiner inneren Zerrissenheit würde ich die Relevanz von Feminismus niemals infrage stellen. Alleine die Tatsache, dass ich das Gefühl habe, mich vor mir selbst rechtfertigen zu müssen, weil auch ich einem Ideal entsprechen will, zeigt, dass wir noch lange nicht so weit sind. Dass ich nicht so weit bin. Vielleicht irgendwann mal. Vielleicht aber auch nie.