Untreue beichten? Nein.

Ein Moment, der alles verändert. Man hätte sich anders entscheiden können, aber nun ist es passiert: Wie geht man mit Fremdgehen um? Paartherapeut Christian Beer im Interview über zweite Chancen, Verzeihen und ob man Seitensprünge lieber für sich behalten sollte

Wo geht Fremdgehen los: Beim Flirten? Beim Kontakt austauschen? Beim Küssen oder erst beim Sex? Vor Kurzem habe ich eine Umfrage auf Instagram gemacht, weil ich wissen wollte, was eure Meinungen zum Thema Fremdgehen sind. Für einige meine Follower fängt der Betrug beim Nummernaustausch oder beim Moment des Hintergedankens an, wenn man Dritten das Gefühl gibt, noch zu haben zu sein. Oder überhaupt da, wo Abmachungen zwischen zwei Menschen plötzlich nicht mehr eingehalten werden. Für andere beim Küssen. Meiner Meinung nach geht es da los, wenn man sich über getroffene Vereinbarungen (z.B. „Flirten ist okay aber Nummern tauschen nicht“) hinwegsetzt und Aktionen initiiert, um jemanden zwischen sich und seinen Partner zu lassen. Also genau da, wo man sich vom anderen loslösen will.

Würdest du es deinem Partner verzeihen, wenn er dich betrügen würde?

Grundsätzlich sehe ich Betrügen als Symptom für ein Problem in der Beziehung und nicht für die Ursache. Monogamie liegt laut Christian Beer, Paartherapeut in Wien, aber nunmal nicht in unserer Natur. Biologisch gesehen, so der Therapeut, ist Monogamie weder bei Frauen noch bei Männern „normal“. Ganz im Gegenteil: „Wir verlieben uns alle sieben Jahre neu, was evolutionstechnisch völlig Sinn macht. Die amerikanische Anthropologin Helen Fisher sagte einmal: Romantic love is a drive. Verliebt sein ist ein Trieb, der sehr stark ist und der besonders dann gut funktioniert, wenn man den anderen gut kennt.“ Allerdings wollen Menschen eigentlich nicht mit Fremden ins Bett, erklärt Beer. „Sondern mit Bekannten. Also dem Nachbarn, der Arbeitskollegin oder der Freundin der Freundin.“

Monogamie liegt nicht in unserer DNA.

Vor allem junge Menschen scheinen Monogamie sattzuhaben. Einige meiner Follower schrieben mir, Monogamie sei ohnehin eine „christliche Erfindung“ und überhaupt sei es „nicht möglich, sich immer treu zu sein“. Ist das der Grund, warum viele Junge gerade polyamouröse Beziehungen für sich entdecken? „Entdecken vielleicht. Aber funktionieren tut das nicht„, meint Beer. „Jüngere Menschen haben häufig noch keine ausreichende Kompetenz, um mit Versuchungen konstruktiv in der Beziehung umgehen.“ Menschen, die polyamouröse Beziehungen wirklich meistern können und viele Jahre in glücklichen Mehrecks-Beziehungen leben, verhandeln partnerschaftliche Vereinbarungen immer wieder aufs Neue. Polyamourös bedeutet ja nicht, mit jedem ins Bett gehen zu dürfen. Sondern das Liebe-Gefühl gegenüber mehreren Menschen zuzulassen.

Viel wahrscheinlicher ist, dass man bei einem pseudo-polyamourösen twenty something Hipster eher an einen notorischen Fremdgeher geraten ist oder an jemanden, der sich einfach nicht binden möchte. Woran erkennt man notorische Fremdgeher überhaupt? „Eventuell an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung“, so Beer. „Und dann heißt es: Stay away. Oder noch besser: Run!“ Treue ist generell ein Sozialisierungsprodukt und vom persönlichen Umfeld, der Kultur und von verhafteten Traditionen abhängig, erklärt der Therapeut und somit gewissermaßen „vererbbar“.

Bei meiner Umfrage habe ich außerdem gefragt, ob man Untreue beichten sollte oder nicht. 164 Personen stimmten für „Ja, beichten“ und 33 für „Nein“. Christian Beer teilt die Meinung der Minderheit. „Wozu Untreue beichten? Außer man möchte mit dem neuen Partner zusammen sein.“ Interessanterweise wäre, laut meiner Umfrage, für eine kleine aber doch immerhin für die Mehrheit Fremdgehen unverzeihlich und ein Trennungsgrund. Meine Meinung dazu ist: You do shit, you deal with it. Das schlechte Gewissen beim Partner abladen und auf Absolution hoffen, ist reiner Psychoterror. Die andere Person muss schließlich nicht nur damit leben, dass ihn der vertraute Mensch verraten hat, sondern auch mit  quälenden Selbstzweifeln, die weit mehr Schaden anrichten können. Wer will sich scho ständig fragen, warum er dem Partner nicht „ausgereicht“ hat, nicht „genug“ war? Mit solchen Fragen sollte sich niemand herumschlagen müssen. Damit ruiniert man nicht nur das Vertrauen des Partners in die Beziehung, sondern auch in all jene, die vielleicht noch kommen könnten. Und Vertrauen wieder aufzubauen, das ist ein riesiges Stück Arbeit.

Bereichert Fremdgehen die Beziehung…?

Wer nach einem Seitensprung Vertrauen wieder aufbauen möchte, der braucht Beer zufolge vor allem eins: Zeit. „Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und soziale Kompetenz sind die wichtigsten Werkzeuge, um Vertrauen aufzubauen. Das ist nur mit sehr viel Zeit möglich.“ Vor allem müssen aber beide gewillt sein, an der Beziehung und an sich selbst zu arbeiten. Denn wie gesagt, Seitensprünge sind nunmal Symptome. Und somit auch eine Chance, wenn das Paar sie als solche sehen: Dass Seitensprünge die Libido wieder entfachen, ist dem Therapeuten zufolge nicht unüblich. „Einerseits ist Eifersucht eine sehr vitale Energie und die Libido wird durch das Fremdgehen an sich schon verstärkt. Das spiegelt sich dann paradoxerweise meist positiv im Liebesleben der Beziehung wider. Paare, die zu mir kommen sind zwar durch das Fremdgehen in einer Krise, allerdings berichten sie häufig vom besseren Sex nach dem Fremdgehen.“

Rücksicht und Respekt

Ob man sich nun entscheidet, nach einem Treuebruch zusammenzubleiben oder nicht: Das Wohl des Partners sollte auch bei egoistischen Entscheidungen wie einem Seitensprung im Vordergrund stehen. Wer sich „auswärts“ vergnügen will, muss auf seine Gesundheit achten (und nicht vergessen: manche Geschlechtskrankheiten sind trotz Kondom übertragbar), um den Partner nicht einem unnötigen Risiko auszusetzen. Wenn man sich seiner Gefühle gegenüber dem Partner ganz sicher ist und weiß, dass es sich um einen „einmaligen Ausrutscher“ handelt, der sollte auf zu viel Ehrlichkeit verzichten und dem Partner nicht vor lauter schlechtem Gewissen den Boden unter den Füßen wegziehen. Alles andere ist rücksichts- und respektlos.

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