Loslassen kann man lernen

Erwartungen und Menschen loszulassen, sind wohl zwei der schwierigsten Herausforderungen. Wie man es trotzdem schafft und warum Loslassen nichts mit Versagen zu tun hat

Das wird jetzt mal ein etwas „esoterischer“ Text und ich hoffe, man verzeiht mir das. Aber ich hatte im letzten halben Jahr oft das Gefühl, an meinen eigenen Erwartungen zu ersticken und das hat mich teilweise echt unglücklich gemacht. Dieser Text ist für alle, denen es manchmal ähnlich geht. Ich hoffe, ich kann euch damit ein bisschen helfen.

Menschen haben eine natürliche Abneigung gegen jegliche Veränderung und deshalb verdrängen wir alle Anzeichen, die auf Veränderung hindeuten. Obwohl sie unliebsam sind, sind Veränderungen unser Treibstoff. Sie sind das, was uns anspornt, uns weiterbringt und uns Entwicklung ermöglicht. Veränderungen sollte man nicht nur akzeptieren – man sollte sie zelebrieren. Angst davor zu haben, die gewohnte Komfortzone aufgeben zu müssen, ist ganz natürlich. Aber woher weiß man, dass der gewohnte Weg der richtige ist? Und wieso glaubt man, dass die neuen Möglichkeiten nicht vielleicht sogar besser wären?

In den letzten Jahren habe auch ich einige Veränderungen durchgemacht. Nicht alle waren negativ, einige aber schon. Ich habe Beziehungen und Freundschaften beendet, Jobs gewechselt und die schwierigste Veränderung von allen: Ich habe versucht, mein Verhalten zu ändern. Vor allem der Kampf gegen Eifersucht und Verlustängste ist eine meiner bislang größten Challenges. Aber auch Erwartungen an mich selbst herunterzuschrauben, wenn ich merke, dass ich ihnen niemals gerecht werden kann und mich das unglücklich macht, ist und war gar nicht so einfach.

Dabei tut es gut, alten Ballast abzuwerfen. Einen Großteil dieses Ballastes hängen wir uns ohnehin selber um: Erwartungen, Ängste, Hoffnungen, Trauer, Wut, Eifersucht und Vorurteile machen uns unflexibel, ungelenkig – und leider auch sehr unattraktiv auf unsere Mitmenschen. Diese innere Erwartungshaltung, die bei banalen Dingen – wie einem gemeinsamen Abend mit Freunden oder dem eigenen Geburtstag – beginnt und bei monumentalen, richtungsweisenden Entscheidungen aufhört – wie Jobentscheidungen oder der Partnerwahl – schränkt uns ein. Sie nimmt uns Flexibilität und anderen Menschen die Luft zum Atmen.

Denn wenn die Dinge immer nur so passieren müssen, wie wir uns das jetzt vorstellen, hat Spontanität keinen Platz. Vor allem zwischenmenschliche Beziehungen leben aber von Spontanität und ersticken im Zwang. Menschen wenden sich von einem ab, wenn sie das Gefühl haben, nicht sie selber sein zu dürfen und sich für alles, was sie ausmacht, rechtfertigen zu müssen.

Menschen, die sich gerne in die Opferrolle flüchten, sind anstrengend: nicht nur für ihr Umfeld sondern auch für sich selbst. Man hört sie oft sagen: „Warum passiert sowas immer mir? Wie konnte er/sie mir das antun? Warum ist das Leben so unfair?“ Mit diesen Sätzen gibt man jegliche Verantwortung für das eigene Handeln, die eigene Entscheidungsgewalt ab und glaubt, es sich damit einfacher zu machen. Dabei ist das genaue Gegenteil der Fall. Aber die Opferrolle ist eben ziemlich bequem.

Immer, wenn ich merke, dass mir meine eigene Erwartungshaltung schadet, versuche ich, mich auf die folgenden fünf Punkte zu besinnen. Mir hilft das, innerlich locker zu werden und mir in Erinnerung zu rufen: Egal, was passiert – es wird gut werden!

1. Du hast sehr wohl Einfluss auf deine eigenen Gefühle.

Viele Menschen sagen immer, „Ich kann auch nichts dafür, dass ich das so empfinde!“ – aber das stimmt nicht. Das, was wir denken, beeinflusst maßgeblich, wie es uns geht. Immer, wenn ich mich selber in einer Gedankenspirale befinde, mich verzettele und mich negative Gedanken immer weiter runterziehen, versuche ich, meine Gefühle bewusst zu lenken. Ich frage mich dann, ob meine Gefühle wirklich der Situation angemessen sind oder ob ich überreagiere und dramatisiere. Meistens komme ich dann zu dem Entschluss, dass ich mich selber in etwas reinsteigere. Dann hilft nur: Durchatmen. Ursache feststellen. Sachlich kommunizieren. Lösung finden.

2. Der erste Schritt zum Loslassen ist Akzeptanz.

Wir alle kennen den Satz: Akzeptiere, was du nicht ändern kannst. Das ist so ziemlich der Schlüssel zum individuellen Glück, wenn auch nicht unbedingt mein persönliches Lebensmotto, weil da zu viel Prokrastination mitschwingt. Aber Akzeptanz ist trotzdem wichtig, um mit Schicksalsschlägen (Kündigungen, Tod, Beziehungsenden und anderen Verlusten) umgehen zu lernen. Die Vergangenheit akzeptieren bedeutet, Frieden mit ihr zu schließen. Es bedeutet Verzeihen und steht für Neuanfang.

Nur wer die Vergangenheit akzeptieren kann, räumt seinen Weg frei für Neues, für Positives. Indem man sich bewusst macht, dass man Fehler macht, Schicksalsschläge nicht rückgängig und andere Menschen nicht ändern kann, findet man Kraft für sich selbst. Was man selten merkt: Verweigerung, Trotz und Missmut kosten unglaublich viel Energie. Und diese Energie könnte man eigentlich in ganz viele andere Bereiche des eigenen Lebens investieren.

3. Du hast ein Recht darauf, glücklich zu sein.

Was ich in Gesprächen mit anderen Menschen (vor allem sehr vielen jungen) immer wieder merke: Die Generation Y glaubt, nicht glücklich sein zu dürfen. Nur harte Arbeit zählt – und die geschieht unter oft sehr miesen Bedingungen. Körper und Psyche werden bis zum letzten Quäntchen Lebenssaft ausgepresst… Aber wofür das alles? Dafür, dass man sich wichtig fühlt, wenn man drei Mal die Woche beruflich nach Berlin fliegen, zwei Smartphones bedienen und ständig erreichbar sein muss? Dafür, dass man kein Privatleben mehr haben darf, das nicht instatauglich inszeniert werden muss? Man glaubt, dass man 10 Praktika gemacht haben muss, um endlich genug Berufserfahrung vorweisen zu können, um endlich ein angemessenes Gehalt fordern zu dürfen. Man glaubt, mindestens drei Studien abgeschlossen haben zu müssen, um intelligent genug zu sein. Man glaubt, rund um die Uhr hackeln zu müssen, um erfolgreich zu werden. Man glaubt, dass man mindestens 15 Dates oder Beziehungen gehabt haben muss, um zu wissen, wie Liebe geht. Man glaubt, dass man 20 Sexpartner gehabt haben muss, um zu wissen, wie guter Sex funktioniert. Man glaubt, mindestens 50 Länder bereisen zu müssen, um ein erfülltes Leben gehabt zu haben.

… Das alles ist Bullshit. Glück findet man in keinem Job, in keinem One-Night-Stand, in keinem Land der Welt. Man kann es nicht in Geld bemessen, man kann es überhaupt nicht quantifizieren. Man findet es in sich selbst – in den Herausforderungen, die man gemeistert hat und in den falschen Erwartungen, die man loslassen konnte. Man findet Glück in der eigenen geistigen Entwicklung und nicht in externen Faktoren wie Status, Geld, Anerkennung. Man findet es genau dann, wenn man zu dem steht, was man wirklich ist, mit all den tollen Seiten und den furchtbaren Fehlern. Und da sind wir eigentlich auch wieder bei Punkt 2.

4. Loslassen ist kein Versagen.

Nur weil man den eigenen Weg, die eigene Erwartung korrigiert, versagt man noch lange nicht. Im Gegenteil: Man weiß, was einem gut tut, was einen unglücklich macht und steht zu sich selber. Zu sagen: „Ich dachte, ich will das unbedingt. Aber es macht mich unglücklich und ich will das so eigentlich nicht“, ist mutig und stark. Versagen tun nur diejenigen, die sich mit aller Kraft an etwas klammern, obwohl es sie runterzieht: Ein Job, eine Beziehung, ein Lebensstil. Etwas loszulassen bedeutet nicht, dass man kapituliert oder es gut heißt. Es bedeutet ganz einfach, dass man die eigene Energie in andere Bereiche des eigenen Lebens stecken will. Es bedeutet, Prioritäten zu verändern.

5. Fehler machen ist okay.

Perfektionismus macht krank. Vor allem ist er nicht real sondern ein kapitalistisches Konstrukt. Das Gegenteil davon ist Individualismus: Die beste Version von dem zu werden, was man ist. Wir müssen keinem Instagram-Model-Körper entsprechen und keine Ted-Talk würdigen Karrieren vorweisen um inspirierend, schön, intelligent und erfolgreich zu sein. Niemand wird es dir jemals sagen, aber Perfektion ist nur dazu da, damit wir alle schön brav im Hamsterrad funktionieren, kaufen und konsumieren und niemals hinterfragen.

Deshalb erkenne deine Fehler und deine falschen Entscheidungen an. Sei stolz darauf, denn es sind deine Entscheidungen. Es ist okay, ein Studium abgebrochen, einen Job gekündigt, eine Beziehung beendet zu haben, wenn es sich nicht mehr richtig für dich angefühlt hat. Es ist okay, keine Beziehung zu haben – oder zu wollen! Du bist nicht weniger wert, nur weil du keinen perfekt linearen Entwicklungsweg gehst. Manche Dinge kommen eben anders, als erwartet. Genau das macht das Leben spannend – und dich einzigartig.

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